Die Alterung der Gesellschaft tangiert die Alterspflege gleich doppelt: Immer mehr Betagten stehen künftig immer weniger professionelle und freiwillige Pflegende gegenüber.

Die Organisation der Alterspflege stellt die Gesellschaft vor eine grosse Herausforderung. (Bild: 123rf)

«Heute bekomme ich Besuch meines Töchterlis Lisi», sagt Frau Mäder, 96 Jahre alt und Pensionärin im Altersheim, strahlend. Der Besuch von Frau Mäder ist eine alte Dame. Töchterli Lisi hat graues Haar und ist selber 73-jährig.

Solche Konstellationen werden sich wohl häufen, sind doch in der Schweiz die 80-Jährigen und noch älteren (die 80+) die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Wachstumsrate. Die Zahl der über 80-Jährigen wird in zwanzig Jahren um satte 77 Prozent zunehmen, während die Gesamtbevölkerung bis dahin um lediglich 12 Prozent wächst. Bis 2060 werden gemäss Bundesamt für Statistik 1,15 Millionen Menschen der Altersgruppe der 80+ angehören. Davon werden rund 60’000 100 Jahre oder älter sein, was in etwa der Gesamtbevölkerung von Biel oder Lugano entspricht.

Diese Entwicklung stellt die Alterspflege vor fünf Herausforderungen.

  • Erstens ändert sich das Patientenprofil stark. Dank medizinischem Fortschritt überleben mehr Menschen Herzinfarkte und Krebserkrankungen. Künstliche Gelenke ermöglichen ihnen, länger selbstständig zu bleiben. Sie treten dadurch später ins Pflegeheim ein, dafür sind ihre Beschwerden komplexer und chronisch (z.B. Alzheimer). Somit ändern sich die Bedürfnisse der Pensionäre grundlegend und die Anforderungen an Ärzte und Pflegepersonal steigen.
  • Zweitens braucht es mehr Fachpersonal für die Betreuung zahlreicherer und pflegeintensiverer Patienten. Hier spielt die Alterung der Schweizer Gesellschaft gegen uns. Stehen heute jeder über 80-jährigen Person jeweils 12 Personen im Erwerbsalter gegenüber, so halbiert sich dieses Verhältnis in den kommenden zwanzig Jahren. Ohne intensive Bildungsprogramme, Immigration und Effizienzsteigerungen droht ein Personalmangel in der Alterspflege.
  • Drittens fehlen Infrastrukturen, um alle Pensionäre aufzunehmen: 30’000 zusätzliche Betten braucht es gemäss dem Pflegeheimverband Senesuisse bis ins Jahr 2030. Um diese Lücke zu füllen, müsste jährlich pro Kanton ein Heim mit 60 Betten gebaut werden, was Investitionen von 10 Milliarden Franken entspricht.
  • Viertens ist mit einem relativen Rückgang des freiwilligen Einsatzes von Angehörigen und Nachbarn, der bisher eine Reduktion oder eine Verzögerung der Heimeintritte ermöglichte, zu rechnen. Heute leisten diese Freiwilligen 100 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr zu Gunsten älterer Menschen. Meistens sind es Ehepartner, Kinder – primär «Töchterli» – und Jungrentner, die diese Leistungen erbringen. Auch hier wird die Alterung der Gesellschaft die Anzahl potentieller Helfer signifikant reduzieren, von heute 2,3 Jungrentner pro 80+ auf 1,3 im 2050.
  • Fünftens, schliesslich, werden diese Veränderungen signifikante Kosten verursachen. Das Gesundheitsobservatorium Obsan schätzt diese auf 18 Milliarden Franken im 2030, also zweieinhalb Mal so viel wie 2007. Diese Kosten werden privat, über Krankenkassenprämien und zunehmend über die öffentliche Hand – sprich Steuern – finanziert. Die wenigsten Bürger können sich auf Dauer Heimkosten von 50 bis 140’000 Franken pro Jahr leisten. Deshalb ist die Hälfte der 80+ in Heimen auf Ergänzungsleistungen der Kantone und Gemeinden angewiesen. Ohne Gegensteuer ist die mittelfristige Finanzierung der Alterspflege ungewiss.

Unsere Gesellschaft ist also gefordert. Bei der Altersvorsorge (AHV, BVG) braucht es «lediglich» einen politischen Kompromiss, um Leistungen, Beiträge und Rentenalter «über Nacht» in Einklang zu bringen. Die Sicherstellung der Alterspflege ist jedoch komplexer, da sie nicht nur politische Entscheide benötigt, sondern auch die Ausbildung von Fachpersonal, die Entwicklung neuer Pflegemodelle und den Bau von Infrastrukturen. All das braucht Visionen, Initiativen und vor allem eins: lange Vorlaufzeit.

Der Artikel erschien am 01. November 2013 in der «Schweizer Versicherung».