Die Altersstruktur der Bevölkerung sagt wenig über die Herkunft und Familienverhältnisse der Alterskohorten aus. Die finanzielle Entwicklung der Sozialwerke wird dadurch unter-, das Potenzial der Freiwilligenarbeit überschätzt.

 Die Alterung der Gesellschaft wird gerne mit der Entwicklung der Form der Alterspyramide illustriert. Dabei wird implizit angenommen, dass die heutigen Erwerbstätigen – die tieferen Stufen der Pyramide – die Rentner von morgen – die oberen Etagen – sein werden. Die Netto-Migration, die

Human team pyramid holding hands

Die Alterspyramide sagt nichts über die Brutto-Migration aus. Bildquelle: Fotolia.com

Anzahl Einwanderer minus Auswanderer, wird bei solchen Bevölkerungsprojektionen schon berücksichtigt. Doch die Konsequenzen von Brutto-Migrationsströmen gehen bei dieser einfachen Betrachtung verloren.

In der AHV zum Beispiel stehen heute 3,5 Personen im Erwerbsalter jedem Rentner gegenüber. 2035 werden es 2,3 sein. Was diese Verhältnisse nicht ausdrücken, ist, dass ein signifikanter Anteil der AHV- Renten gar nicht in die Schweiz fliesst, sondern ins Ausland. Diese Auslandsrentner sind in der Alterspyramide gar nicht sichtbar. Es sind sowohl Ausländer, die beispielweise in jüngeren Jahren in der Schweiz gearbeitet haben und seitdem in ihre Heimat zurückgekehrt sind, wie auch Schweizer, die ins Ausland ausgewandert sind.

Doch die Bedeutung der Auslandsrente nimmt zu. 2014 wohnten 35 Prozent der AHV-Rentner ausserhalb der Schweiz und bezogen 14 Prozent der AHV- Renten. Zehn Jahre davor waren es nur 29 Prozent der Rentner und 12 Prozent der Renten. Wie sich diese Migrationsströme in Zukunft auf die Finanzen der sozialen Sicherheit auswirken werden, steht offen. Nebst der quantitativen, zahlenmässigen Migration spielen qualitative Aspekte eine wichtige Rolle. Verlassen Personen mit niedrigen Einkommen und Vermögen die Schweiz oder eher gut betuchte Bürger? Für die Ergänzungsleistungen ist diese Unterscheidung relevant: Sie dürfen nur Bürgern, die in der Schweiz wohnhaft sind, ausbezahlt werden.

Auch die Alterspflege ist von Migrationsströmen stark tangiert. 2012 besassen 27 Prozent des tertiär ausgebildeten Pflegepersonals in Alters- und Pflegeheimen einen ausländischen Abschluss. Ohne diese Fachpersonen würde die Alterspflege kollabieren. Mit der Alterung der Gesellschaft werden wir umso mehr auf die Verstärkung des mittleren Bereichs der Alterspyramide angewiesen sein. Doch die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative könnte den Zugang zu qualifiziertem, ausländischem Personal erschweren. Auch im privaten Bereich sind Migrationsströme entscheidend. Heute engagieren sich Jungrentner überdurchschnittlich in der informellen Pflege. Es sind rüstige Töchter und Söhne, die zum Beispiel ihre betagten Eltern pflegen. Doch die Eltern der Migranten erster Generationen wohnen im Ausland. Ausländische Rentner engagieren sich sehr wohl in der Nachbarschaftshilfe. Ihre Bindung zu den 80-Jährigen und Älteren in ihrer Umgebung ist jedoch loser und vielleicht aus sprachlichen Gründen schwieriger.

2013 waren 26 Prozent der Wohnbevölkerung zwischen 55 und 64 Jahren und 22 Prozent der Jungrentner (bis 79 Jahre alt) Migranten erster Generation. Es stehen also deutlich weniger Personen für die informelle Pflege von Hochbetagten zur Verfügung, als die Struktur der Alterspyramide suggerieren würde. Umgekehrt können jüngere Migranten erster Generationen – 35 Prozent der Wohnbevölkerung zwischen 25 und 54 Jahren – kaum auf die Unterstützung der Grosseltern zählen, um zum Beispiel Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Diese Beispiele zeigen: Die Fokussierung auf die Struktur der Alterspyramide hilft, quantitative Grundtendenzen frühzeitig zu erkennen. Der Bedarf an personellen und finanziellen Ressourcen hingegen bedingt die Betrachtung aller Facetten der Alterspyramide, auch deren unsichtbare Seite.

 Der Beitrag erschien am 1. Oktober 2015  im Magazin  «Schweizer Versicherung».