Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Atemwegsleiden sind die häufigsten Todesursachen in der Schweiz. Gemäss einem Bericht des Bundesamtes für Gesundheit sind diese nicht übertragbaren Krankheiten bei mehr als 50% der Männer und 60% der Frauen für einen vorzeitigen Tod (d.h. vor dem 70. Lebensjahr) verantwortlich.

Das Risiko, an einem dieser chronischen Leiden zu erkranken, hängt stark vom Lebensstil ab: Tabakkonsum, übermässiger Alkoholkonsum, unausgewogene Ernährung und Bewegungsmangel sind die häufigsten Ursachen. In der Schweiz zeigt eine Studie, dass die Kombination dieser vier Faktoren mit einem Altersunterschied von zehn Jahren vergleichbar ist. So hat ein 65-Jähriger mit einem unausgewogenen Lebensstil dieselbe Chance, die nächsten zehn Jahre zu überleben, wie ein 75-Jähriger mit einem gesunden Verhalten.

Uneinheitliche Wirkung

Viele Gesundheitsexperte befürworten daher die Einführung von «sin taxes», also «Sündensteuern», um die Preise für gesundheitsgefährdende Produkte zu erhöhen. Die Wirkung einer solchen Steuer kann mehr oder weniger stark ausgeprägt sein: In den USA führt ein Preisanstieg von einem Prozent bei gesüssten Getränken zu einem Absatzrückgang von 0,75%. Diese Elastizität der Nachfrage ist bei Tabak und Alkohol geringer (0,5% Absatzrückgang) und bei Salz und Kaffee vernachlässigbar (weniger als 0,25%). Obschon «sin taxes» bei einigen Produkten wirksam sein mögen, sind sie letztlich ineffizient, weil sie alle Verbraucher betreffen – auch diejenigen, die massvoll konsumieren.

Sünden subventionieren, um sie anschliessend mit «Sündensteuern» zu bestrafen: Kafka lässt grüssen. (Bantersnaps, Unsplash)

In der Schweiz gibt es bereits solche Sündensteuern auf Zigarettenpackungen, und es werden regelmässig parlamentarische Vorstösse zur Einführung solcher Abgaben auf den Konsum von Zucker, alkoholischen Produkten und Fetten lanciert.

Zuckerbrot und Peitsche

Während viele Politiker mit solchen Konsumbremsen liebäugeln, wird oft vergessen, dass die Produktion und die Vermarktung von risikobehafteten Produkten mit Millionen von Franken pro Jahr subventioniert werden. Diese Subventionen, die als Unterstützung für die Landwirte gedacht sind, kommen häufig und vor allem den Akteuren des agroindustriellen Komplexes zugute – etwa den Herstellern von raffiniertem Zucker, Süssgetränken und Fertiggerichten – sowie den Giganten des Vertriebssektors. Kurz gesagt: Wenn wir über die Einführung von «Sündensteuern» sprechen, ist es so, als ob die linke Hand (das Bundesamt für Gesundheit) für Abstinenz plädieren würde, während die rechte (das Bundesamt für Landwirtschaft) den Konsum der verbotenen Früchte fördert.

  • So erhalten die Produzenten von Zucker seit 2019 eine Subvention von 2100 Fr. pro Hektare Anbaufläche. Das ist mehr, als jedes andere pflanzliche Produkt in der Schweiz erhält und rund doppelt soviel wie beispielsweise Sojabohnen, die ebenfalls stark gefördert werden. Im Jahr 2018 hat die Zuckerrübensubvention den Steuerzahler 33 Mio. Fr. gekostet.
  • Dasselbe gilt für Alkohol: Der Bund zahlt 11 Mio. Fr. (2018) in Form von Hangbeiträgen auf Rebflächen und 3 Mio. Fr. jährlich für die Förderung von Schweizer Weinen. Doch damit nicht genug: Auf dem Höhepunkt einer Klientelpolitik willigte der Bund 2019 ein, den Winzern zusätzlich zu den genannten Massnahmen 50% der Kosten eines neuen Förderprogramms zu erstatten. Die Rechtfertigung dafür lautete, in den letzten beiden Jahren sei die Weinproduktion besonders hoch gewesen, der Konsum hingegen rückläufig. Es ist, als würde die Swiss um Beiträge an eine Werbekampagne für Interkontinentalflüge bitten, um einen allfälligen Passagierrückgang aufgrund der Klimabewegung zu kompensieren.
  • Ähnliches gilt für Fette und Öle: Die Produktion von Raps-, Sonnenblumen- oder Sojaöl wird mit 21 Mio. Fr., die Käseproduktion mit 263 Mio. Fr. pro Jahr unterstützt. Über die Subvention der Produktion hinaus gibt es gibt es auch Bares für die Absatzförderung: 22 Mio. Fr. für Käse, 5 Mio. für Fleisch, 0,5 Mio. für Öle – um nur einige Beispiele zu nennen.
  • Beim Tabak schliesslich beisst sich die Katze in den Schwanz: Die Produktion in der Schweiz wird mit einer jährlichen Subvention von 14 Mio. Fr. unterstützt – alimentiert durch eine Steuer auf dem Verkauf von: Raucherwaren. Wer qualmt, bezahlt gleichzeitig eine Subvention, die den Preis des gekauften Tabaks senken soll. Eine absurdere Regelung hätte sich selbst Kafka nicht ausdenken können.

Statt neuen Steuern auf «Sünden» wäre es angebrachter, die sündhaft teuren Subventionen für ein ungesundes Verhalten zu reduzieren. Die Auswirkungen auf die Preise und auf die öffentliche Gesundheit wären vergleichbar. Das Regulierungsdickicht des Agrarsektors könnte etwas gelichtet, die öffentlichen Finanzen entlastet und das Wohlergehen der Konsumentinnen und Konsumenten verbessert werden.

Dieser Beitrag ist in französischer Sprache am 14. Januar 2020 auf dem Onlineportal heidi.news erschienen.