Die aktuell und mittelfristig tiefen Grosshandelspreise für Strom zwingen die Schweizer Energiebranche zu Bewertungskorrekturen ihrer Assets im In- und Ausland. Staatlich gehaltene Anteile an Stromunternehmen sind zu risikobehafteten Anlagen geworden. Das ruft nach einem geordneten Rückzug der öffentlichen Hand aus der Branche.

Teile der Schweizer Elektrizitätsbranche erleben ihr unternehmerisches Marignano. Während vor 501 Jahren Frankreich den Expansionsgelüsten der Eidgenossen ein jähes Ende setzte, bekommen heute Kantone und Gemeinden, die an Stromunternehmen beteiligt sind, ihre Grenzen aufgezeigt. Im schwierigen Marktumfeld sind ihre einstigen Cash-Cows zu risikobehafteten Investitionen geworden.

Was ist passiert? Seit dem Höchststand von rund 90 Euro 2008 ist der Grosshandelspreis (Basis Swissix Day Base) auf knapp unter 30 Euro pro MWh gefallen. Die Gründe dafür sind vielfältig – ein Mix aus der lahmenden europäischen Konjunktur, den gesunkenen Preisen für die Energieträger Öl, Gas und Kohle sowie den politisch gut gemeinten, aber verzerrenden Eingriffen in den Strommarkt wie die Subventionierung der Stromerzeugung aus Sonne und Wind. Schweiz-spezifisch kommt hinzu, dass der Euro seit 2008 gegenüber dem Schweizer Franken um 30% an Wert verloren hat. Dies senkt den Grosshandelspreis für Strom, der in Euro gemessen wird, in der Schweiz zusätzlich. Gemäss Börsenkursen für Strom der massgebenden EEX/EPEXSPOT werden in den nächsten Jahren die Strompreise tief bleiben.

Tiefe Marktpreise führen zu Bewertungskorrekturen der Assets

Tiefere aktuelle und zukünftige Deckungsbeiträge vermindern den Wert der Kraftwerksanlagen. Schweizer Stromkonzerne sind deshalb gezwungen, auf ihrem Anlagevermögen Wertberichtigungen vorzunehmen. 2010 haben die grössten Schweizer Stromproduzenten, die gemeinsam für 90% der gesamtschweizerischen Stromerzeugung verantwortlich sind, 2,4 Mrd. Franken abgeschrieben. 2014 lag dieser Wert bereits bei 2,7 Mrd. Franken. Die aktuelle und zukünftige Marktbeurteilung hat auch Einfluss auf die Höhe und Zusammensetzung der Investitionen (vgl. Grafik). 2010 investierte die Schweizer Elektrizitätsbranche insgesamt 3,6 Mrd. Franken, 43% davon flossen in den Neu- und Ausbau von Produktionsanlagen, da man von zukünftigen Engpässen in der Energieversorgung ausging. Der Begriff «Stromlücke» wurde benutzt, um politisch Druck zu machen für einen Ausbau der Energieerzeugung.

Beteiligungen an Stromunternehmen: Investitionen und Abschreibungen der Schweizer Energiebranche | Avenir Suisse

Doch die damaligen Investitionsentscheide beruhten auf falschen Annahmen. Heute besteht in Europa ein Überangebot an Kapazitäten zur Stromerzeugung, mehrere Kraftwerke sind zumindest temporär stillgelegt. Das Überangebot zeigt sich auch im Rückgang der Investitionen, die 2014 um über eine Milliarde tiefer ausfielen als vier Jahre zuvor. Wie erwartet wurde überproportional weniger in Produktionsanlagen investiert, dennoch standen auch Ende 2015 nicht weniger als 45 Wasserkraftwerke im Bau. Gerade Investitionen in Kraftwerke mit grossen Kapazitäten, wie Linth-Limmern (1‘000 MW) und Nant de Drance (900 MW) sind in Anbetracht der kurz- und mittelfristig eingeschränkten Verdienstmöglichkeiten kaum unmittelbar profitabel.

Expansion ins Ausland ist keine Staatsaufgabe

Zumindest teilweise haben die hohen Wertberichtigungen auch mit der Expansion ins Ausland zu tun. Investitionen in Energiebezugsrechte, die Beteiligung an ausländischen Stromunternehmen oder der Kauf von Kraftwerken ausserhalb der Schweiz sind bereits länger Usus. Insbesondere die Förderpolitik erneuerbarer Energien und einfachere Bewilligungsverfahren führten vor rund 15 Jahren zu einem Schub an Auslandsengagements. Wie eine Studie vor einigen Jahren zeigte, planten Energieunternehmen bis zu 40% ihrer Investitionen im Ausland. Aus betrieblicher Sicht ergeben diese Auslandsengagements durchaus Sinn. Wie aus der Branche berichtet wird, lässt sich damit zumindest teilweise gutes Geld verdienen. Aber wie die Geschäftsberichte der grössten Schweizer Energieunternehmen zeigen, sind Investitionen auch im Ausland mit Risiken verbunden. So zwangen Projekte zum Beispiel in Italien, Spanien, Osteuropa und Norddeutschland Schweizer Unternehmen in den letzten Jahren zu umfangreichen Abschreibungen. Marignano lässt grüssen.

In diesem dynamischen, risikobehafteten Marktumfeld besteht keine Notwendigkeit der heute mehrheitlich öffentlichen Eigentümerschaft von Stromproduzenten. Die Mitgestaltung der Unternehmensstrategie, gerade auch auf ausländischen Märkten, gehört nun wirklich nicht zu den Kernkompetenzen kantonaler oder kommunaler Regierungen. Ein geordneter Rückzug, wie damals in Marignano, ist dringend zu empfehlen.