Immer mehr Staaten unterstützen einzelne Unternehmen durch Subventionen oder handelspolitische Schutzmassnahmen. Sie argumentieren, sie würden so die Landesversorgung sichern oder strategisch wichtige Industrien erhalten.
Bislang hält sich die Schweiz mit direkten Eingriffen in die Wirtschaft zurück. Dennoch gibt es in der öffentlichen Debatte immer wieder die Forderung, der Staat möge Schlüsselindustrien aktiv fördern. Soll die Schweiz ihren Kurs wechseln? Der Blick in die jüngere Wirtschaftsgeschichte spricht gegen staatliche Interventionen.
Schädliche Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit
Schützt der Staat einzelne Branchen, wirkt sich das negativ aus, weil er so den notwendigen Strukturwandel verzögert. Kurzfristig lassen sich damit zwar Arbeitsplätze sichern. Längerfristig schadet dieser Schutz jedoch der Wettbewerbsfähigkeit der geförderten Branchen. Die Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie veranschaulicht diesen Mechanismus besonders deutlich.
Ab den 1920er Jahren erhielt die Schweizer Uhrenindustrie staatliche Unterstützung, um die Aufwertung des Frankens und Exportverluste auszugleichen. Angesichts von Produktionsverlagerungen ins Ausland und sinkender Preise versuchte ein privates Kartell – mit Unterstützung des Bundes –, die Branche zu regulieren. Mit dem sogenannten «Uhrenstatut» von 1934 wurden Bewilligungs- und Exportbeschränkungen für Komponenten eingeführt, was die Strukturen der Branche faktisch einfrieren liess.
In der Folge verpasste es die Uhrenbranche, ihre Produktionsprozesse zu modernisieren und sich ausreichend an die internationalen Märkte anzupassen. Ihre Wettbewerbsfähigkeit litt erheblich: Der Schweizer Anteil am weltweiten Uhrenmarkt sank von 87% im Jahr 1945 auf 42% im Jahr 1960.
Das Uhrenstatut wurde 1972 aufgehoben – just zu Beginn des Durchbruchs der Quarztechnologie, die präzise Uhrwerke ohne komplexe Mechanik ermöglichte. Da sich die Branche zuvor nicht ausreichend angepasst hatte, gingen innerhalb von zehn Jahren über 60’000 Arbeitsplätze verloren.
Die Illusion eines allwissenden Staates
Der Staat greift oft auch mit dem Ziel in die Wirtschaftsstruktur ein, um so Zukunftstechnologien gezielt zu fördern. Dazu müsste er jedoch die richtigen Technologien zuverlässig identifizieren und ihre Entwicklung planen können. In der Realität verfügt die Verwaltung aber stets über weniger Informationen als die Unternehmen, die im Markt im Wettbewerb stehen. Wegen des Wettbewerbs experimentieren diese Firmen und wählen die richtige Lösung effektiver aus, als es eine zentrale Behörde tun kann.
Das gescheiterte Kernreaktorprojekt von Lucens ist ein eindrückliches Beispiel dafür. In den 1950er Jahren wollte die Schweiz eine eigene Nukleartechnologie entwickeln, um ihre Energieversorgung zu sichern und die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie zu erhalten. Staatliche Unterstützung ist in der Grundlagenforschung durchaus gerechtfertigt. In diesem konkreten Fall jedoch existierte bereits eine bewährte ausländische Technologie. Die Entscheidung für eine Schweizer Lösung beruhte weniger auf technischer Überlegenheit als auf politischen Überlegungen im Interesse bestimmter Industriekreise.
Die weitere Entwicklung zeigte die Grenzen dieser Strategie deutlich auf. Bereits während der Bauphase setzten sich amerikanische Reaktoren als technologischer Massstab durch, wodurch das Schweizer Projekt noch vor seiner Fertigstellung überholt war. Dennoch sicherten sich Schweizer Unternehmen weiterhin Aufträge. Das Experiment fand ein jähes Ende: Der Reaktor von Lucens nahm 1968 zwar den Betrieb auf. Im Folgejahr kam es zu einem schweren Unfall, der zur Stilllegung des Reaktors führte.
Weniger Staat, mehr Wohlstand
Industriepolitik kennt langfristig nur Verlierer: Für die Steuerzahlenden ist sie teuer, da sie Millionenbeträge an Subventionen kostet. Weil der Wettbewerb eingeschränkt und Preise reguliert werden, führt sie auch zu höheren Preisen – die Zeche bezahlen die Konsumentinnen und Konsumenten. Sie schadet letztlich auch den begünstigten Unternehmen selbst.
Die beste Industriepolitik besteht daher darin, auf sie zu verzichten. Die Schweiz sollte weiterhin auf eine Wirtschaftspolitik setzen, die gute Rahmenbedingungen schafft: Indem sie Forschung, den Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Unternehmen sowie die Ausbildung von Fachkräften in einer hoch spezialisierten Wirtschaft fördert – und gleichzeitig ein soziales Auffangnetz für jene bietet, die vom Strukturwandel betroffen sind.
Dieser Beitrag ist am 26. November 2025 auf Französisch in «Le Regard Libre» erschienen.