Die Schweizerische Post steht an einem Wendepunkt: Es werden immer weniger Briefe verschickt, gleichzeitig schreitet die Digitalisierung rasch voran. In dieser Folge unseres französischsprachigen Podcasts «La Parole aux Romands» spricht Diego Taboada mit Christian Levrat, seit 2021 Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Post. Im Zentrum stehen die Herausforderungen und Strategien der Post – und die Frage, wie sie ihren Auftrag im digitalen Zeitalter neu definieren soll. Welche Leistungen muss die Post weiterhin anbieten? Welche kann sie reduzieren? Und vor allem: Wohin steuert der gelbe Riese?

«Meine Sorge war immer: das Museum.»

Für Christian Levrat besteht der Kernauftrag der Post darin, dass sie ihre Service-public-Verpflichtungen erfüllt. Gleichzeitig müsse sie sich an den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden orientieren:

«Ich glaube, die DNA der Post ist der Service public. Es geht darum, Leistungen anzubieten, die einem Bedarf entsprechen. (…) Meine Sorge war immer: das Museum – dass wir gezwungen werden, Leistungen zu erbringen, die gar nicht mehr nachgefragt werden.»

Wird die Post zum Tech-Konzern?

In den letzten Jahren hat die Schweizerische Post verschiedene Unternehmen zugekauft – von Buchhaltungssoftware über Cybersicherheit bis hin zu Cloud-Dienstleistungen. Hat sich der gelbe Riese damit zu weit vom Kerngeschäft entfernt? Für den Verwaltungsratspräsidenten ist Diversifikation kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit:

«84 Prozent des Umsatzes erzielt die Post in Bereichen, die dem Wettbewerb geöffnet sind – und mit diesen Einnahmen müssen wir den Universaldienst finanzieren.»

Gleichzeitig räumt Christian Levrat ein, dass man sich verzetteln könnte. So habe er etwa «nie wirklich verstanden», was die Post im Geschäft mit der Velovermietung (PubliBike, 2022 verkauft) genau bezwecken wollte. Den Kauf eines Waldstückes in Deutschland hingegen entspreche der Umsetzung des Klimagesetzes: Bundesnahe Unternehmen sollen bis 2040 klimaneutral werden.

Mehr unternehmerischer Spielraum

Mit Blick auf die Reformdebatte betont Christian Levrat die widersprüchlichen Erwartungen aus der Politik. Für ihn ist es kaum nachvollziehbar, «den unternehmerischen Spielraum weiter einzuschränken und gleichzeitig Renditeanforderungen zu stellen». Es brauche einen neuen Ausgleich in einer sich digitalisierenden Gesellschaft: Was ist der Universaldienst von morgen? Wie gross soll der Handlungsspielraum der Post sein? Und wie müssen die Anforderungen an die Rentabilität angepasst werden?

Sein Ansatz: «Meine Rolle ist es, der Politik die Folgen ihrer Entscheidungen aufzuzeigen und für eine kohärente Governance zu plädieren.»

Diese Aufgabe wird dadurch erschwert, dass die Reorganisation der Post regelmässig Emotionen in der Öffentlichkeit auslöst. Ist der Grund dafür Nostalgie? Für Christian Levrat zeigt die Debatte über die Umwandlung von Filialen in Agenturen vor allem «die emotionale Verbundenheit der Bevölkerung mit der Post». Und er bringt es mit einem Vergleich auf den Punkt:

«Es ist wie bei der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft: Wir haben acht Millionen Trainer im Land – und alle wissen, was man mit der Post machen sollte.»

Das Gespräch führte auch zu Themen wie eine mögliche Privatisierung von PostAuto und PostFinance, die Zustellung von A-Post und der gedruckten Presse sowie Filialschliessungen. Die ganze Folge (auf Französisch) finden Sie hier. Viel Vergnügen beim Reinhören!

Mehr Informationen zum Service public der Post finden Sie in unseren Studien («Post: Relevanz statt Nostalgie» und «Ab die Post!») sowie in unseren Essentials («Postdienste: Relevant und finanzierbar» und «Die Post braucht eine Reorganisation»).