Die Schweiz besitzt kaum natürliche Ressourcen – ihre eigentliche Stärke steckt in den «grauen Hirnzellen»: einer gut ausgebildeten Bevölkerung und attraktiven Forschungslandschaft. Bei seinem Beitrag an diesen Standortfaktor will der Bund nun den Rotstift ansetzen. Das Entlastungspaket 2027 (EP27) sieht vor, dass neben den Hochschulen auch die nationalen Forschungsagenturen vorübergehend weniger Mittel erhalten. 

Damit folgt der Bundesrat den Vorschlägen seiner Expertengruppe: Die Zuwendungen an den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) sollen 2027 um 131 Mio. Franken tiefer ausfallen als ursprünglich geplant, jene an Innosuisse um 32 Mio. Franken. Diese punktuellen Massnahmen sollen einen Beitrag dazu leisten, Defizite in Milliardenhöhe im Bundeshaushalt abzuwenden.

Der Ständerat wird sich in der Wintersession über das EP27 beugen – die zuständige Kommission lehnt die erwähnten Entlastungen ab. Vertreterinnen und Vertreter aus Bildung und Forschung haben im Vorfeld nachdrücklich vor den negativen Auswirkungen des EP27 auf die Wirtschaft und den Innovationsstandort Schweiz gewarnt. 

Begibt sich der Bundesrat mit den beabsichtigen Anpassungen also auf Abwege, wie ihm die Kritiker vorwerfen? Nimmt er mit dem EP27 in Kauf, den Forschungsstandort und die hiesige Innovationskraft zu schwächen? Vieles spricht dafür, dass die geplanten Massnahmen im derzeitigen Umfeld Sinn ergeben – und zwar aus fünf Gründen.

1. Die Entlastungen folgen auf einen langjährigen und kräftigen Ausbau 

Sowohl die Ausgaben für den SNF als auch Innosuisse sind in der Vergangenheit deutlich gestiegen (vgl. Abbildungen 1 und 2). So sprach der Bund 2024 etwas mehr als 1,32 Mrd. Franken für den SNF. Inflationsbereinigt entspricht das fast einer Verdreifachung der Zuwendungen seit Einführung der Schuldenbremse 2003. Innosuisse erhielt 2024 rund 357 Mio. Franken an Bundesgelder. Inflationsbereinigt ist das sogar dreieinhalb Mal so viel wie die Vorläuferorganisation KTI im Jahr 2011 erhalten hatte, als der Bund ihre Kompetenzen ausweitete.

Die Beiträge an die beiden Forschungsagenturen haben im Vergleich zu anderen Bundesausgaben stark zugenommen. Seit 2011 sind die Bundesbeiträge an den SNF inflationsbereinigt um durchschnittlich 2,7% pro Jahr gewachsen; jene an Innosuisse bzw. die KTI sogar um 10,2% pro Jahr. Damit übertrifft ihr Wachstum dasjenige des gesamten Bundeshaushalts deutlich (rund 1,7% pro Jahr) – und auch das Wirtschaftswachstum in dieser Zeit lag wesentlich tiefer (rund 1,8% pro Jahr).

2. Das Ausgabenwachstum wird nur vorübergehend unterbrochen 

Zu berücksichtigen ist zudem, dass es sich beim EP27 um eine einmalige Korrektur des Ausgabenniveaus handelt. So würden die jährlichen Beiträge an den SNF auf das Niveau von 2020 zurückgeführt, jene von Innosuisse auf die Höhe von 2022.  

Dieser Marschhalt ist eine gute Gelegenheit, dass sowohl der SNF als auch Innosuisse ihre Ausrichtung und damit ihre Prioritäten überprüfen. Nach dem hohen Ausgabenwachstum über die letzten Jahre ist das eine Chance – zumal die Ausgaben laut Finanzplan auch nach der Anpassung 2027 weiter deutlich steigen werden: beim SNF im Schnitt um 2,8% pro Jahr, bei Innosuisse um 2,2%.  

Abbildung 1

 

Abbildung 2

3. Die Schweiz leistet sich weiterhin hohe öffentliche Forschungsausgaben

Im internationalen Vergleich leistet sich der Schweizer Staat ohnehin bereits hohe F&E-Ausgaben: Nur Singapur und Norwegen investieren pro Kopf mehr (vgl. Abbildung 3). Diese Spitzenposition hält die Schweiz nicht erst seit Kurzem: Bereits seit 2012 zählen ihre öffentlichen F&E-Ausgaben pro Kopf weltweit zu den Top 3. Daran dürfte sich kaum etwas ändern, denn insgesamt entsprechen die vorgesehenen Ausgabenanpassungen nicht einmal 2,5% der staatlichen F&E-Aufwendungen. 

 4. Den grössten Teil der Forschungsausgaben trägt der Privatsektor

Die attraktive Forschungslandschaft ist nicht allein staatlichen Akteuren zu verdanken. Im Jahr 2023 wurden in der Schweiz insgesamt 25,9 Mrd. Franken für F&E-Aktivitäten aufgewendet. Rund 70% davon investiert die Privatwirtschaft – und dieser Anteil ist seit Jahren stabil, obwohl die Gesamtinvestitionen kontinuierlich steigen.

Die vorgesehenen Entlastungen des Bundes entsprechen damit etwas mehr als 0,6% der inländischen F&E-Aufwendungen. Das relativiert ihre Bedeutung für das Gesamtsystem. Kritiker, die den forschungsstarken und innovationskräftigen Standort in Frage stellen, blenden daher einen wesentlichen Teil des Gesamtbilds aus. 

Abbildung 3

5. Die Schweiz bleibt in der Grundlagenforschung spitze  

Gerade bei der Grundlagenforschung kommt dem Staat seit jeher eine Bedeutung zu. Und hier zeigt sich: In keinem anderen OECD-Land sind die staatlichen Zuwendungen dafür höher als hierzulande (vgl. Abbildung 4). 

Für die Innovationskraft und die Wettbewerbsfähigkeit ist das von zentraler Bedeutung: Grundlagenforschung schafft Wissens-, Technologie- und Humankapitalgewinne. Es handelt sich bei der Grundlagenforschung zu grossen Teilen um ein öffentliches Gut, das die Basis für Unternehmensinnovationen und auch die Gründung von Startups schafft – der Fokus der Schweiz auf diesen Bereich ist daher richtig.

Und die geplante einmalige Reduktion des Ausgabenniveaus im Bereich der Forschung wird die Spitzenposition der Schweiz nicht gefährden. Entscheidend ist, dass die Schweiz diese Führungsrolle langfristig sichert. Dafür ist gesorgt: Ab 2028 sollen die Bundesbeiträge wieder um knapp 3% pro Jahr steigen. 

Abbildung 4

Staatliche Forschungsausgaben sind nicht der einzige Standortvorteil 

Trotz aller Kontroversen um das EP27: Die erwähnten fünf Punkte zeigen, dass der Bundesrat mit seinen Vorschlägen weder die Attraktivität des Forschungsstandorts noch die Innovationskraft der Schweiz infrage stellt. An der bewährten Ausrichtung der Forschungs- und Innovationspolitik ändert sich nichts. Auch künftig sollen die öffentlichen Mittel vor allem in die Ausbildung, die Grundlagenforschung sowie den Wissens- und Technologietransfer fliessen. 

Gleichzeitig gilt es, die Grundlagen des Forschungsstandorts nachhaltig zu sichern. Einerseits bedingt die neue geopolitische Situation eine Anpassung der Prioritäten – die sicherheitspolitischen Grundlagen werden wieder bedeutender. Andererseits müssen die staatlichen Mittel für die Forschung erwirtschaftet werden. Ohne Entlastungspaket braucht es dafür künftig höhere Steuern oder Schulden. Das belastet Firmen sowie unternehmerisch tätige Personen im Land, die letztlich die Mittel zur Verfügung stellen, mit denen hierzulande an der Zukunft geforscht wird. Daher ist klar: Solide Staatsfinanzen und richtige Ausgabenprioritäten sind langfristig gerade auch für Forschung und Innovation in der Schweiz essenziell.