Am 15. September feiern wir den Internationalen Tag der Demokratie – und dies in einer Zeit, in der demokratische Werte vielerorts unter Druck stehen. Ein Blick in die USA verdeutlicht das eindrücklich.
Oft haben wir in der Schweiz das Gefühl, auf einer Insel der Stabilität zu leben. Tatsächlich ist unsere Demokratie dank den politischen Institutionen ziemlich widerstandsfähig. Doch auch hier wächst die Sorge vor verhärteten Fronten: Denn unsere Konsensdemokratie ist auf einen konstruktiven Dialog über ideologische Grenzen hinweg angewiesen. Je polarisierter die Gesellschaft ist, desto schwieriger wird dieser Dialog.
Corona oder die Zuwanderung spalten die Gesellschaft
Die Polarisierung zeigt sich auf zwei Ebenen: der politischen und der emotionalen. Die politische Polarisierung beschreibt, wie weit Parteien und Wählerschaft inhaltlich oder ideologisch auseinanderliegen. Im Mehrparteiensystem der Schweiz ist diese Form stark ausgeprägt und hat seit der Jahrtausendwende zugenommen: SP und SVP als Polparteien haben an Gewicht gewonnen, während Mitteparteien schwächer wurden. Das muss noch nicht problematisch sein, da es die politische Vielfalt spiegelt.
Gefährlicher ist die sogenannte «emotionale Polarisierung» bzw. «affektive Polarisierung»: wenn Menschen einander nicht mehr als politische Gegner, sondern als Feinde begegnen, die man besiegen muss. Aus einer Meinungsverschiedenheit wird so eine Abgrenzung zwischen «uns» und «den anderen».
Ein Forscherteam stellte kürzlich fest, dass die emotionale Polarisierung in der Schweiz in den letzten zwei Jahrzehnten weitgehend stabil geblieben ist. Gewisse Warnsignale sind dennoch nicht zu übersehen: Bei Themen wie den Pandemiemassnahmen oder der Zuwanderung sind die Ansichten gespalten und die Antipathien gegenüber den jeweils Andersdenkenden besonders ausgeprägt. Dies spiegelt sich in Umfragen: Eine deutliche Mehrheit von 83 Prozent der Bevölkerung findet nämlich, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in den letzten zehn Jahren abgenommen hat.
Den Diskurs mit Andersdenkenden führen
Dies wirft eine wichtige Frage auf: Was können wir tun, damit unsere Konsensdemokratie weiterhin Lösungen für die grossen Probleme der Zeit findet? Zwei Punkte sind besonders zentral.
Erstens sollten politische Institutionen gestärkt werden, die den Diskurs versachlichen. Hier wird oft das Milizsystem und manchmal auch die direkte Demokratie erwähnt. Etwas seltener, aber ebenso wichtig, ist der Föderalismus: Viele Entscheidungen werden auf kantonaler und kommunaler Ebene getroffen – möglichst nahe bei den Bürgerinnen und Bürgern. Diese Nähe fördert pragmatische Lösungen und erleichtert sachorientierte Diskussionen. Die Aufgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden sollten deshalb regelmässig überprüft und möglichst dezentral angesiedelt werden.
Zweitens braucht es Orte des Austauschs, an denen man mit anderen Sichtweisen konfrontiert wird. Denn die emotionale Polarisierung kann dazu führen, dass wir uns in unsere Bubble zurückziehen. Das ist zwar bequem, schadet aber unserer Demokratie. Diese lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen aufeinandertreffen – was etwa in Vereinen, in der Schule, im Militärdienst oder in Milizämtern tagtäglich geschieht. Aus meiner Erfahrung als Gemeinderätin von St. Ursen kann ich das nur bestätigen.
Am Tag der Demokratie sind wir also letztlich alle gefordert. Wollen wir der Polarisierung Einhalt gebieten, müssen wir bei uns selbst beginnen. Immerhin 76% der Schweizerinnen und Schweizer gaben kürzlich in einer Umfrage an, dass sich in ihren Augen der Austausch mit Personen lohnt, die politisch eine ganz andere Meinung vertreten als sie selbst. Das gibt Hoffnung – denn unsere Demokratie lebt davon, dass wir den Dialog suchen und gemeinsam tragfähige Lösungen finden.
Dieser Beitrag ist in den «Freiburger Nachrichten» vom 2. September 2025 erschienen.