Alle sind sich einig: Mit dem Aufkommen der künstlichen Intelligenz hat die grösste technische Revolution seit Menschengedenken ihren Anfang genommen. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der von dieser Entwicklung verschont bleiben wird. KI verändert alles – ob wir es wollen oder nicht. Die Reise hat erst gerade begonnen. Wohin sie uns führen wird, steht in den Sternen.

Dass der Einsatz von KI gravierende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat, liegt in der Natur der Sache. In ihrem Wesen ist künstliche Intelligenz die ultimative Inkarnation von Automatisierung. Kein Wunder, löst sie in der Arbeitswelt Ängste aus. Wird sie den Menschen als Arbeitskraft überflüssig machen?

Patrick Leisibach antwortet differenziert. Im Gespräch mit Andreas Bachmann, Geschäftsführer der Bachofen AG, und Christof Bolliger, Leiter Partner & Services bei der Bachofen AG, beleuchtet er die Auswirkungen der KI aus verschiedenen Perspektiven und wartet mit überraschenden Ansichten und Erkenntnissen auf. Nicht alle sind beruhigend.

Andreas Bachmann (AB): Herr Leisibach, künstliche Intelligenz wird je nach Standpunkt als Monster, als Zukunftstechnologie oder als Blase dargestellt. Welcher Definition würden Sie sich am ehesten anschliessen?

Patrick Leisibach (PL): Definitiv Zukunftstechnologie. Die Frage ist, wie schnell und in welchem Ausmass die künstliche Intelligenz die Welt auf den Kopf stellen wird. Klar ist, dass sie grosse Veränderungen mit sich bringt.

Christof Bolliger (CB): Im industriellen Sektor hatten wir IIoT, dann kam Industrie 4.0, und jetzt hält die künstliche Intelligenz Einzug. Ist diese mehr als einfach ein weiterer Hype?

PL: Der Übergang dürfte sich fliessend vollziehen. Andere Bereiche sind vom Vormarsch der künstlichen Intelligenz momentan sicher stärker betroffen. Für die Industrie – die bekanntlich die Automatisierung schon seit Jahren vorantreibt – wird KI dann richtig relevant, wenn sie in physische Bereiche vordringt. Also wenn es Maschinen und Roboter gibt, die ganz anders funktionieren als wir das heute sehen.

AB: Welche Veränderungen spüren Mitarbeitende in den betroffenen Bereichen in ihrem Arbeitsalltag?

PL: Ich sehe eine Verflachung der Hierarchien. An die Stelle der klassischen Pyramide tritt ein Zylindermodell: weniger klassische Junior-Positionen, dafür mehr Mitarbeitende mit erweiterten Verantwortungsbereichen, die dank KI mehr leisten können. Manche können zum Beispiel Projektverantwortung übernehmen, was ihnen ohne KI nicht möglich wäre.

CB: Haben Sie das Gefühl, dass KI die Anforderungen an Soft Skills wie Kommunikation, Kreativität oder Teamarbeit verändern wird?

PL: Bis heute hat jede neue Technologie einen Effizienzgewinn gebracht. Das wird auch bei KI so sein. Sie wird zahlreiche Arbeitsschritte und -prozesse übernehmen, aber Empathie und Sozialkompetenz wird sie kaum aufbringen. Nehmen wir die Schule: Wissen vermitteln kann KI besser als Lehrpersonen, aber diese werden nicht überflüssig. Es braucht sie für Mentoring, Motivation, soziale Unterstützung und die Förderung von Kreativität.

AB: Inwiefern beeinflusst KI Führungs- und Managementaufgaben?

PL: KI ist nicht in der Lage, Führungsverantwortung zu übernehmen. Zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Hingegen profitieren Führungskräfte davon, dass KI sehr schnell Entscheidungsgrundlagen liefert und eine Vielzahl von administrativen Aufgaben effizient erledigen kann. Die strategische Führung eines Unternehmens bleibt jedoch Sache von fähigen, unternehmerisch denkenden Persönlichkeiten.

CB: Macht KI den bisher am stärksten gewachsenen Dienstleistungssektor zum Verlierer? Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort Schweiz?

PL: Ich gehe weniger von einem generellen Bedeutungsverlust des Dienstleistungssektors aus, sondern von einem Strukturwandel von Branchen. Wenn Unternehmen KI produktiv einsetzen und ihre Geschäftsmodelle anpassen, bleibt der Standort stark. Gleichzeitig kann es zu Verschiebungen kommen: Dort, wo sich Produktivitätsgewinne durch KI nur begrenzt realisieren lassen – etwa im Gesundheitswesen oder in Teilen des öffentlichen Sektors –, steigen die Kosten pro Leistung relativ stärker. Solche Bereiche werden dadurch tendenziell teurer und können dann einen grösseren Teil der Volkswirtschaft ausmachen.

CB: Welche Berufsgruppen und Berufsbilder profitieren von KI, und welche sehen Sie durch KI existenziell bedroht?

PL: Alle Jobs, die mit Menschen oder mit Handwerk zu tun haben, dürften eher aufgewertet werden. Auch diese Berufstätigen kommen an KI nicht vorbei, aber sie profitieren zumindest für den Moment von einer gewissen Jobsicherheit. Hingegen stehen vor allem wissensbasierte Tätigkeiten unter Druck. Wer in einem Büro arbeitet, ist oft gezwungen, sich für KI zu öffnen und diese Technologie zu nutzen, wenn sie oder er sich beruflich entwickeln will.

AB: Die Auseinandersetzung mit KI ist also eine Grundvoraussetzung für Erfolg im Beruf?

PL: Wer fähig ist, KI zu nutzen, zu interpretieren und auszuwerten, hat gute Chancen, in der Arbeitswelt zu bestehen. Ich denke, dass das Risiko, durch jemanden ersetzt zu werden, der KI beherrscht, grösser ist als jenes, durch KI ersetzt zu werden. Das liegt auch daran, dass KI fürs Erste vor allem einzelne Aufgaben automatisiert, aber keine ganzen Jobprofile ersetzt.

CB: Wo wird es den Menschen immer brauchen?

PL: Dort, wo das Zwischenmenschliche im Vordergrund steht – in der Betreuung, in der Motivation, im Mentoring – ist der Mensch schwer ersetzbar. In gewissen Bereichen spielen auch ethische Aspekte und Verantwortung eine Rolle. Bei einer Ärztin oder einem Richter wird man Entscheidungen von grosser Tragweite kaum einer Maschine überlassen wollen.

AB: Allerdings hört man hie und da die Meinung, dass KI bessere Entscheidungen trifft als der Mensch.

PL: Das mag etwa in der Radiologie zutreffen. Doch möchten wir von einer Maschine erfahren, dass wir dringend eine schwierige Operation durchführen sollen, oder doch lieber von einem Arzt, der mit Einfühlungsvermögen auf unsere individuelle Situation eingeht und für seinen Entscheid die Verantwortung trägt?

CB: Welche Reaktionen auf den Vormarsch von KI beobachten Sie zurzeit in den Unternehmen auf den Ebenen Mitarbeitende respektive Führungskräfte?

PL: 2024 hatte ich meinen ersten Auftritt zum Thema KI und stellte fest, dass es zwei Gruppen gab. Die eine – Leute aus der Kreativ- oder Kommunikationsbranche – erkannte bereits damals das Potenzial von KI. Die andere – Personen aus der Beratungs- und Rechtsbranche – nahm KI nicht so ernst. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis generell durchgesetzt, dass KI mehr ist als eine Spielerei. Praktisch jedes Unternehmen verfügt heute über eine Projektgruppe zum Thema KI.

AB: Das heisst, es geht vorwärts?

PL: Offen gesagt, manche Unternehmen zaudern bei der Einführung von KI oder haben Schwierigkeiten bei der Implementierung. Es gibt tatsächlich viele offene Fragen. Zum Beispiel ist Datensicherheit ein Thema, das die Zurückhaltung erklärt.

CB: Welche gesellschaftlichen Gruppen profitieren Ihrer Meinung nach am meisten von KI?

PL: Am meisten profitieren dürften jene, die KI produktiv einsetzen können, ohne dass ihr Tätigkeitsprofil selbst leicht ersetzbar ist. Das sind häufig höher qualifizierte Arbeitskräfte, deren Arbeit stark von Erfahrung, Urteilskraft oder direktem Austausch geprägt ist. Bedroht ist die halbe Million Bürokräfte, die wir in der Schweiz haben. Für einige davon wird es Umschulungen und Weiterbildungen brauchen, damit sie neue Aufgaben übernehmen und weiterhin erfüllende Tätigkeiten ausüben können.

AB: Welche neuen Berufsbilder werden mit KI entstehen?

PL: Es wird wohl sehr viele neue Berufsbilder geben, aber wir kennen sie noch nicht. Eine ähnliche Situation hatten wir Anfang 2000 mit dem World Wide Web. Kaum jemand ahnte damals, dass dieses eine Vielzahl von neuen Berufen hervorbringen würde. Und schon gar nicht, was für Berufe das sein würden.

CB: Fördert KI Innovation und Kreativität oder macht sie uns bequemer und denkfaul?

PL: KI wird Innovation klar fördern. In der Biomedizin erschliesst sie beispielsweise ungeahnte Möglichkeiten für neue Therapien und Medikamente. Gleichzeitig kann sie uns viel Denkarbeit abnehmen und damit bequem machen. Die wichtige Frage ist, was wir mit der frei werdenden Zeit machen – ob wir sie wirklich zum Faulenzen nutzen oder etwa, um Neues zu lernen.

AB: Aber es ist schon sehr hilfreich, wenn man vor einem leeren Blatt sitzt und der KI-Assistent einen ersten Entwurf liefert.

PL: Natürlich, aber ich denke, gegenüber diesem leeren Blatt und dem damit verbundenen negativen Gefühl sollten wir eine gewisse Resilienz entwickeln und nicht reflexartig einen Prompt eingeben. Die Fähigkeit, das leere Blatt auszuhalten und selbst zu denken, sollten wir uns nicht abtrainieren.

CB: Haben Sie das Gefühl, dass Menschen und Maschinen dereinst auf Augenhöhe zusammenarbeiten werden? Oder dass es sogar so weit kommt, dass die Maschine den Lead übernimmt?

PL: Diese Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist in vielen Bereichen bereits Realität. KI weiss heute mehr als jeder einzelne Mensch und kann in Sekundenschnelle grosse Mengen an Text und Zahlen analysieren. Gerade deshalb befähigt sie zu Leistungen, die uns bislang verschlossen waren. So gesehen ist KI nicht einfach ein Werkzeug, sondern ein Partner. Wir erleben jetzt zudem, wie KI sich vom Antwortgeber zum selbsttätigen Akteur entwickelt. KI dürfte beispielsweise bald fähig sein, eine Projektgruppe zu führen oder eigenständig Aufgaben in unserem Alltag und Beruf zu übernehmen.

AB: Wie weit können wir Aufgaben an die KI delegieren, ohne dass sie die totale Kontrolle über uns übernimmt und uns dominiert?

PL: Dazu müsste die KI einen fundamentalen Sprung vom Digitalen ins Physische machen. Das klingt für mich noch sehr nach Science-Fiction. Bis jetzt konnte mir noch niemand schlüssig eine Kausalkette aufzeigen, an deren Ende die Kontrolle der KI über den Menschen und vielleicht sogar das Ende unserer Zivilisation steht, wie das einige befürchten. Wäre dieses Risiko tatsächlich beträchtlich, müsste sich das heute in den Marktpreisen widerspiegeln. Langfristige Vermögenswerte etwa wären deutlich weniger wert, weil ihre Zukunft unsicher wäre. Das sehen wir aber nicht.

CB: Wie beurteilen Sie die Chancen und Risiken der KI im zwischenmenschlichen Bereich?

PL: Die Chance ist, dass KI mehr Freiraum für eine Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen schafft, da sie uns viel Arbeit abnimmt. Demgegenüber besteht die Gefahr, dass Menschen sich noch stärker abkapseln: Statt mit Mitmenschen tauschen sie sich mit KI aus, die 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht – und so zum Ersatzfreund wird. Im Extremfall droht sie sogar, zur Ersatzreligion zu werden.

AB: Sie sind der Meinung, dass die Chancen überwiegen?

PL: Es kommt auf die Perspektive an. Es ist schon bemerkenswert, dass die Menschen rund um den Globus dank KI jederzeit auf umfassendes Wissen und individuelle Beratung zugreifen können. Für benachteiligte Weltregionen ist das – zum Beispiel im Bildungswesen – eine riesige Chance, sofern der Zugriff auf KI gewährleistet ist.

AB: Allgegenwärtiges Wissen für alle. Das hat in der Tat eine soziale Dimension. Das bringt mich auf die Frage zu einer möglichen Regulierung von KI. Wie stehen Sie dazu?

PL: Bei Regulierungen ist grundsätzlich Vorsicht angebracht. Vor allem, wenn – wie bei KI – noch niemand weiss, wohin die Reise geht. Ich halte wenig von präventiver Regulierung. Behördliche Eingriffe sind dann angebracht, wenn es konkret fassbare Probleme gibt. Ich denke an Datenschutz, den Schutz der Privatsphäre oder den Jugendschutz, die eine staatliche Intervention nötig machen könnten. Und früher oder später die Frage um sicherheitsrelevante Anwendungen – beispielsweise beim Einsatz autonomer Systeme.

CB: Damit liefern Sie uns einen Steilpass für eine persönliche Frage. Welche KI-Tools nutzen Sie im Beruf und im Privatleben?

PL: Zu Beginn benutzte ich hauptsächlich ChatGPT von OpenAI, jetzt aber – privat und geschäftlich – zunehmend Gemini von Google, das mir beim Denken und Schreiben oft mehr bringt. Für Programmier- und Datenarbeit verwenden wir Claude von Anthropic und für Recherchen auch mal Perplexity AI. Erstaunlich ist, wie vielfältig sich KI im Alltag einsetzen lässt: Schicken Sie Ihrer KI einmal ein Foto Ihres Bücherregals oder Ihres Kühlschranks und fragen Sie, welches Buch Ihnen gefallen könnte oder was sich daraus kochen lässt.

Dieses Interview ist zuerst im Kundenmagazin «Bachofen’s Digest» erschienen. Das Gespräch fand am 23. Januar 2026 statt.

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