Schulwahl und Wettbewerb

Die Schweiz ist eines der wenigen europäischen Länder, das Eltern und Kindern bis heute kaum Freiheiten bei der Wahl der Volksschule einräumt. Auf der Sekundarstufe besitzen 60% der Schweizer Schulen ein Quasi-Monopol, soviel wie in keinem anderen Land der OECD. Die grosse Mehrheit erachtet Wettbewerb durch freie Schulwahl in der Grundbildung denn auch als schädlich. Diese Sicht zu widerlegen erweist sich als äusserst schwierig, die Debatte ist von Ängsten, Vorurteilen und Missverständnissen geprägt. Auch der «PISA-Schock» änderte daran nichts.

Eine Front durch alle politische Lager

Zu behaupten, die Idee des Wettbewerbs in der Schweizer Grundbildung hätte einfach ein paar Anlaufschwierigkeiten, wäre eine glatte Untertreibung. Im Februar 2012 hatte der Zürcher Kantonsrat über eine Volksinitiative des Vereins «Elternlobby» zu befinden, die die freie Schulwahl ab der 4. Klasse vorsieht. Die Debatte  führte den einsamen Vorkämpfern vor Augen, dass das Ausmass der Ablehnung – 147 von 157 Kantonsräten sandten den Vorstoss bachab – erdrückende Züge annimmt. Kaum anders verlief die Diskussion kürzlich im Solothurner Parlament.

Die Einheitsfront gegen mehr Wahlfreiheit im Schulwesen umfasst fast alle politischen Lager und Weltanschauungen, aber auch die direkt beteiligten Interessengruppen können der Idee kaum Gutes abgewinnen. Auch geografisch sind keine Lichtblicke auszumachen, sämtliche kantonalen Vorlagen der letzten Jahre (St. Gallen, Thurgau, und Basel Landschaft) erlitten mit Mehrheiten um oder über 80% Schiffbruch. Der heutige Zustand  wird dabei so eindringlich zur Schicksalsfrage emporstilisiert, wie wenn der Fortbestand der Willensnation Schweiz davon abhinge. Ob Kinder an ihrem Wohnort die Schule besuchen oder zwei Quartiere weiter, wird so zur Frage der Staatsraison.

Bildung als Raison d’être der Kantone

Über die Gründe für diese Befindlichkeit ist schon viel sinniert und geschrieben worden. Bestimmt wirkt die nationale Geschichte nach: Bei der Gründung des Bundesstaates 1848 war die Garantie der kantonalen Bildungshoheit eine entscheidende Konzession an die katholisch-konservativen Sonderbundskantone. Heute ist die Bildung eine der letzten wichtigen Kompetenzen, die bei den Kantonen verblieben ist.

Gegen Reformen, die die exklusive hoheitliche Zuständigkeit in Bildungssachen anzukratzen drohen, formiert sich deshalb auch heute noch instinktiv ein Abwehrreflex. Auch der Zeitgeist ist dem Wettbewerb nicht zugetan, zu sehr hat sich die Meinung verfestigt, die Finanz- und Schuldenkrisen seien ausschliesslich die Folge ungezügelter Märkte und schädlichen Wettbewerbs. In der Schweiz, die als kleines, stark globalisiertes Land den weltweiten Entwicklungen in besonderem Mass ausgesetzt ist, sehnt sich der Mittelstand nach dem vermeintlich Bewährten und Sicheren. Die staatliche Volksschule gehört dazu. Doch gerade mittelständische Familien könnten zu den Gewinnern von mehr Wahlfreiheit und Differenzierung gehören.

Dieser Text beruht auf einem Beitrag, der im Kaleidos-Jahresbericht 2011 publiziert wurde.