Der privilegierte Bildungsgang der Mittelschulen sollte Frauen und Männer gleichermassen ansprechen. Dazu muss das Verhältnis zwischen mathematisch-naturwissenschaftlichen und sprachlich-geisteswissenschaftlichen Fächern neu austariert werden.

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass das heutige Gymnasium mehr auf Frauen zugeschnitten ist als auf Männer. Das Resultat sind auseinanderlaufende Maturitätsquoten: Mittlerweile liegt die weibliche Quote beinahe 40% über der männlichen, das heisst unter 10 Maturanden befinden sich durchschnittlich nur noch 4 Männer. Ein Hauptgrund dürfte beim Übertritt aus der Sekundarschule zu finden sein. In vielen Kantonen werden für Jugendliche, deren Begabungen eher auf der mathematisch-naturwissenschaftlichen Seite liegen (in der Tendenz die Männer), die Eintrittshürden höher gelegt, denn die Selektion betont die Sprachfächer. Eine Schwäche in Mathematik kann mit guten Sprachnoten eher wettgemacht werden als umgekehrt. Dazu kommt, dass die Mädchen im Selektionsalter (10 bis 15 Jahre) einen Entwicklungsvorsprung aufweisen. Dieser Nachteil der Knaben wird in vielen Kantonen durch den Trend zum Langzeitgymnasium und entsprechend früherer Selektion verstärkt. Auch die Erweiterung des Fächerangebots im Rahmen der MAR 95, die unter anderem im Zeichen der Aufhebung der Lehrerseminare stand, war ebenfalls eher auf die Interessen der Schülerinnen zugeschnitten. Dies ist daran ersichtlich, dass der Frauenanteil in den neuen Schwerpunktfächern «bildnerisches Gestalten», «Musik» und «Philosophie/Pädagogik/Psychologie» von Beginn weg zwischen 70% und 80% lag.

Reformen sollten geprüft werden

In welche Richtung könnten Reformen zielen?

  1. Zu allererst sollten die Gymnasien in den Zubringerschulen aktiv und selbstbewusst für ihr Bildungsangebot werben, vor allem bei männlichen Jugendlichen.
  2. Zweitens sollten die Selektionsverfahren im Hinblick auf die (impliziten und expliziten) Kriterien überprüft und hinterfragt werden.
  3. Auch der Strauss der Schwerpunktfächer darf nicht in Stein gemeisselt sein. Es fällt auf, dass die Informatik in den gymnasialen Curricula ein Schattendasein fristet. Darum wäre die Idee prüfenswert, die Informatik als zusätzliches Schwerpunktfach in das Angebot aufzunehmen, zumal IT-Lehrstellen noch immer Mangelware sind. Die vielerorts bestehenden Informatikmittelschulen könnten zu diesem Zweck in die Gymnasien überführt werden.
  4. Auch innerhalb der Profile gibt es Bedarf für Veränderungen. Eine liegt dem Ökonomen besonders am Herzen: Das Wissen über alltägliche ökonomische Zusammenhänge ist in der Bevölkerung sehr lückenhaft, auch in höheren Bildungsschichten. Wer nicht das Schwerpunktfach «Recht und Wirtschaft» durchläuft, wird im Laufe seiner Bildungskarriere wahrscheinlich nur am Rand mit wirtschaftlichen Fragestellungen konfrontiert. Eine Bildungsinstitution, die künftige Eliten auf «die Übernahme verantwortungsvoller Positionen in der Gesellschaft» vorbereitet, wie dies das MAR vorsieht, sollte ihren Absolventen aber die Grundlagen ökonomischen Denkens vermitteln.

Es geht keineswegs darum, durch diese Veränderungen die jungen Frauen wieder aus den Gymnasien zu drängen. Vielmehr muss das Verhältnis zwischen mathematisch-naturwissenschaftlichen und sprachlich-geisteswissenschaftlichen Fächern neu austariert werden, primär in der Selektion, aber ebenso im Fächerangebot. Mit der MAR 95 ist die Balance zu sehr auf die Seite der Sprachen und Geisteswissenschaften gekippt. Mittelfristig könnten solche Reformen helfen, den Mangel an einheimischen MINT-Fachleuten zu lindern.

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