Abb. 1

Man stelle sich vor, ein Hausbesitzer müsse bei einer Feuerversicherung nicht die Prämie für die Versicherung der ganzen Immobilie zahlen, sondern nur die Prämie für die Versicherung der tatsächlich brennbaren Teile, sagen wir also nur für die Holzteile des Hauses, womit er natürlich deutlich günstiger wegkommt.

So ungewöhnlich ein solcher Versicherungsvertrag klingen mag, so üblich ist er in der Bankenwelt. Das Zauberwort heisst «Risikogewichtung der Aktiven» oder «risk weighted assets» (abgekürzt: RWA). Nur effektiv «brennbare» Elemente werden demnach versichert. In der Begrifflichkeit der Bankenbilanzen heisst das: nur Aktiven mit einem positiven Kreditrisiko müssen mit Eigenkapital unterlegt werden. Der Rest gilt als «nicht brennbar» oder bezüglich des Kreditrisikos als sicher.

Eine buchhalterische Scheinwelt

Analysiert man für die beiden Schweizer Grossbanken und die Deutsche Bank, wie hoch die risikogewichteten Aktiven gemessen an der Bilanzsumme sind, wird ersichtlich, dass diese bei der UBS von mehr als 30% Ende der 1990er Jahre auf noch ungefähr die Hälfte nach 2003 gesunken sind. Bei der CS machten diese über die vergangenen fünf Jahre rund einen Fünftel der gesamten Bilanz aus. Bei der UBS waren daher mehr als 80% der Aktiven risikolos, bei der CS etwas weniger (Abbildung 1). Gemäss der generellen Tendenz scheint es, dass ab Ende der 1990er Jahre die Bilanzen laufend sicherer wurden oder andersherum ausgedrückt: der Anteil risikobehafteter Aktiven in der Bilanz abnahm.

Abb. 2

Angesichts des Umstandes, dass im Herbst 2008 die UBS mittels einer Eigenkapitalinfusion und der Übernahme sogenannt toxischer Aktiven durch den Staat gerettet werden musste, scheint diese Feststellung paradox. Des Rätsels Lösung findet sich aber teilweise in Abbildung 2, welche die Entwicklung des Leverage illustriert, also der gesamten Aktiven im Verhältnis zum Eigenkapital. Ab der Jahrtausendwende bis etwa 2007/ 2008 hat sich dieser beinahe verdoppelte, beziehungsweise das Eigenkapital hat sich über diesen Zeitraum fast halbiert.

Die Risikogewichtung der Aktiven scheint demnach nicht ganz ohne Tücken zu sein. In der Finanzmarktkrise passierte nämlich, stark verkürzt formuliert, folgendes: Anleihen, die ex ante ein geringes Kreditrisiko aufwiesen, erhielten ein AAA-Rating und mussten nur zu einem Bruchteil des normalen Eigenkapitals unterlegt werden. Die Banken hatten somit starke Anreize, ihre Bilanzen mit solchen, vermeintlich «sicheren» Papieren zu füllen, dies umso mehr, als sie deutlich besser rentierten als Staatsanleihen.

Als sich diese Wertschriften aber plötzlich als Schrott entpuppten, fielen die Ratings und die Finanzinstitute mussten auf einmal für diese Papiere mehr Eigenkapital vorhalten, das sie aber innert nützlicher Frist nicht auftreiben konnten. Grosse Löcher in den Bilanzen waren die Folge. Wie das konkret vor sich ging, kann im Shareholder Report on UBS’s Write-Downs aus dem Jahr 2008 nachgelesen werden.

Die Risikogewichtung führte in der Krise prozyklisch zu massiv steigendem Eigenkapitalbedarf, weil sich die Kreditqualität allgemein verschlechterte. Und das geschah zu einem Zeitpunkt, in dem die Banken sowieso schon mit hohen Abschreibungen und Bilanzlöchern zu kämpfen hatten.

Risiken sind nicht wirklich messbar

Die revidierten Eigenmittelvorschriften von Basel III wie auch die neuen Regeln zu Liquidität und Eigenmittelausstattung für die Schweizer Grossbanken folgen weiterhin dieser Logik der Risikogewichtung. Die Frage ist nun, ob nicht die Tücken der Risikogewichtung deren zweifellos existierende Vorteile aus der Sicht der Banken überwiegen. Es wird gelegentlich sogar behauptet, das Konzept der Risikogewichtung stehe ursächlich am Anfang der gegenwärtigen Krise, weil es die Banken letztlich unsicherer gemacht hat. Zweifellos wird mit diesem Konzept der Illusion der Messbarkeit von Risiken Vorschub geleistet.

Neben der erwähnten prozyklischen Wirkung kommen noch zahlreiche weitere Probleme hinzu (siehe etwa eine ausführliche und fundierte Diskussion hier). Bislang sind aber auch kaum überzeugende und einfach anwendbare Alternativen dargelegt worden. Gibt es solche überhaupt?