Die erste Welle des Coronavirus scheint vorbei zu sein. Es ist an der Zeit, eine Bestandsaufnahme der Belastbarkeit unseres Gesundheitssystems vorzunehmen, um sich auf eine mögliche zweite Welle vorzubereiten. Die Resilienz ruht auf drei Säulen:

Personal

Die erste besteht zweifellos aus dem Personal. Mit 4,3 Ärztinnen und Ärzten (OECD: 3,3) und 17,2 Krankenpflegeden (OECD: 7,9) pro tausend Einwohnern (2017) verfügt die Schweiz im internationalen Vergleich über eine starke Personaldecke. Anders als oft behauptet, wurden die Kapazitäten im Gesundheitswesen nicht ab-, sondern ausgebaut: In den letzten zehn Jahren ist die Ärztedichte um 13%, diejenige des Pflegepersonals um 29% gestiegen. Darüber hinaus arbeiten die Beschäftigten des Gesundheitssektors überwiegend in Teilzeit. Der durchschnittliche Beschäftigungsgrad beträgt 78% in Krankenhäusern, 69% in Pflegeheimen und 43% in der Spitex. Dies verursacht in normalen Zeiten zusätzliche Ausbildungs- und Rekrutierungskosten, erweist sich aber in der Krise als wichtige Personalreserve, da diese Mitarbeitenden Überstunden leisten können, ohne die maximale Anzahl von Arbeitsstunden pro Woche überschreiten zu müssen.

Ausrüstung und Infrastruktur

Die zweite Säule der Resilienz sind Ausrüstung und Infrastruktur. Viele Kritiker haben den Mangel an Geräten zur künstlichen Beatmung während der Corona-Krise beklagt und fordern zusätzliche Investitionen. Jede Pandemie hat jedoch ihre Besonderheiten. Während Covid-19 die Lunge angreift, rufen andere Viren wie z.B. Ebola nach Bluttransfusionen. Es wäre wenig zielführend – und vor allem sehr teuer –, Geräte für alle möglichen Infektionen bereitzustellen.

Hingegen werden Masken und andere Schutzkleidungen bei allen Arten von Pandemien benötigt. Diese Verbrauchsmaterialien waren jedoch Mangelware. Dies ist umso stossender, als der Bedarf ermittelt und der Mangel dokumentiert worden war. Auf kantonaler und institutioneller Ebene müssen daraus Lehren gezogen werden.

Medizinische Schutzmaske. (De An Sun, Unsplash)

Mit rund 1000 Betten auf Intensivstationen schien die Schweiz am Anfang der Krise über wenig Infrastruktur zu verfügen. Allerdings konnte diese Kapazität dank Anpassungen in öffentlichen und privaten Spitälern um 60% erhöht werden. Diese institutionelle Flexibilität, unterstützt durch koordinierte Aktionen der Kantonsärzte und der Abteilungen für Infektionsprävention und -kontrolle der Universitätskliniken, bildete ein Schlüsselelement zur Bewältigung der Krise.

Prozesse

Damit kommen wir zur dritten Säule der Resilienz: die Prozesse. Noch ist es schwierig, ein genaues Bild für alle Kantone und Institutionen zu zeichnen. Gewiss ist, dass sich das Personal in Spitälern, Pflegeheimen und Arztpraxen rasch auf die Situation einstellen konnte. Im Hinblick auf das Ressourcenmanagement sind trotzdem Verbesserungen nötig: Einige Intensivstationen liefen an ihren Kapazitätsgrenzen und wurden durch die Armee, den Zivilschutz und Studierende der Medizin und der Krankenpflege unterstützt. Anderseits verfügten viele Spitäler und Kliniken aufgrund des Verbots von nicht-notfallbedingten Eingriffen über leere Betten und überzähliges Personal. Auf dem Höhepunkt der Krise befanden sich bis zu 20’000 Pflegekräfte in Kurzarbeit. Ein besseres Management dieses hochqualifizierten Personals ist unumgänglich.

Einerseits müssen die Möglichkeiten zur Stellvertretung innerhalb einer Institution verbessert werden. Während es an Notfallärzten, Anästhesisten und Internisten mangelte, gab es Personal in anderen Abteilungen mit überschüssigen Kapazitäten. Wie in chemischen Produktionsstätten, wo ein Teil der Belegschaft als Ergänzung zur Berufsfeuerwehr in der Brandbekämpfung ausgebildet wird, könnte man sich die Schaffung eines Reservekorps für Pandemien vorstellen. Diese Ärzte und Pflegenden wären dazu ausgebildet, ihre Kollegen auf den Intensivstationen in Krisenfällen zu unterstützen.

Anderseits soll das Personalmanagement innerhalb eines Kantons oder gar einer Region verbessert werden. So wäre etwa die Kanalisierung viruskontaminierter Patienten auf einzelne Spitäler und diejenige der übrigen Patienten auf andere Spitäler, wie sie im Kanton Genf und zum Teil im Kanton Bern praktiziert wurde, ein interessanter Weg. Ebenfalls zu begrüssen sind digitale Plattformen zur temporären Vermittlung von Pflegepersonal in Kurzarbeit, wie sie im Kanton Zürich eingerichtet wurden.

Die Schweiz verfügt mit ihrem teuren und hochentwickelten Gesundheitssystem über viel Infrastruktur und Personal. Die Politiker müssen der Versuchung widerstehen, «bei Eröffnungsfeiern fotografiert werden zu wollen», und den Bau unzähliger Intensivbetten in Auftrag zu geben. Vielmehr muss der Staat als Regulierer und Eigentümer von Krankenhäusern zuallererst sicherstellen, dass die Vorbereitungsprozesse im Hinblick auf eine nächste Welle oder neue Pandemie definiert und eingeübt werden. Es ist vielleicht für Politiker weniger medienwirksam, aber für den Schutz der Bevölkerung deutlich effektiver.

Dieser Beitrag ist am 25. Mai 2020 in französischer Sprache in «Le Temps» erschienen.