In einer eigenen Studie zum Schweizer Mittelstand kommen die Statistiker des Bundes zum Schluss, dass bei den Einkommen der Haushalte keine Polarisierung nachzuweisen sei. Der Mittelstand konnte seine wirtschaftliche Position aber nur halten, weil er den Rückstand in der Lohnentwicklung dadurch wettmachte, dass er mehr arbeitete.

Armut wird in reichen Ländern als nicht akzeptabel angesehen, aber auch ein zu starkes Abheben hoher und höchster Einkommen wird – gerade in der auf Mässigung bedachten Schweiz – mit Argwohn gesehen. In Verteilungsdebatten interessieren darum die Ränder der Gesellschaft mehr als die Mitte und Untersuchungen zum Zentrum der Einkommensverteilung waren lange Zeit Mangelware. Dies hat sich in letzter Zeit jedoch geändert. Lange Zeit waren die Mittelstands-Berichte des Büros BASS die einzig verfügbaren Informationsquellen. Avenir Suisse publizierte im Oktober 2012 eine umfassende Analyse zur wirtschaftlichen Lage und zur Befindlichkeit im Schweizer Mittelstand. Auf einen kurzen Nenner gebracht lautet das Fazit: der Mittelstand wurde relativ zu den hohen und tiefen Einkommen zurückgesetzt, obwohl es ihm absolut gesehen sehr gut geht. Die Schweiz ist zwar vom global zu beobachtenden Anstieg der Einkommensungleichheit nur wenig betroffen, doch das Abgaben- und Transfersystem erschwert dem Mittelstand den Aufstieg, was als ein wichtiger Grund für den verbreiteten Unmut identifiziert wurde.

Resilienz der mittleren Einkommen

Die Diskussionen um die Lage des Schweizer Mittelstandes erhielt jüngst neue Nahrung von offizieller Seite. Das Bundesamt für Statistik doppelte mit einer eigenen Studie nach: «Die Mitte im Fokus». In dem kurzen Bericht kommen die Statistiker des Bundes zu weitgehend anderen Schlüssen als Avenir Suisse. Vor allem die von uns ins Zentrum gestellte Polarisierung  lasse sich nicht nachweisen. Im Gegenteil: Gemäss den Zahlen des BfS wurde die Einkommensmitte sogar eher gestärkt. Zu diesem Fazit gelangt die Studie, indem sie den Anteil mittelständischer Haushalte für die Periode 2000 – 2009 verfolgte. Dazu zählt sie alle Haushalte, die zwischen 70% und 150% des Medianeinkommens erzielen. Bewegte sich der so definierte Anteil des Mittelstands um das Jahr 2000 knapp unter 60%, so kam er 2009 bei 62% zu liegen. Dies bestätigt im Übrigen die erwähnten BASS-Untersuchungen, die ebenfalls eine bemerkenswert hohe Resilienz der mittleren Einkommen feststellten.

Von einer «Strapazierung» des Mittelstandes also keine Spur? Wie sind die widersprüchlichen Ergebnisse und Folgerungen einzuordnen? Hat jemand einfach falsch gerechnet? Oder wurden gleiche Resultate völlig unterschiedlich gewertet, ein weiterer Beleg dass statistisch alles bewiesen werden kann? Mitnichten. Das Bundesamt für Statistik stützt sich auf die Befragungsdaten der Haushaltsbudgeterhebung (HABE), die Einkommen und Ausgaben der Haushalte erfasst. Die BfS-Analyse trifft Aussagen über die Verteilung der Bruttoeinkommen der Haushalte, die mittels Äquivalenzskalen vergleichbar gemacht werden. Zum Bruttoeinkommen zählen sämtliche Einkommensquellen aller Haushaltsmitglieder: Löhne und Kapitaleinkommen wie Zinsen, Dividenden und Mieteinnahmen, aber auch staatliche Transfers (alle Renten, Arbeitslosengelder usw.) und private Transfers zwischen Haushalten (z.B. Alimente und Unterstützung durch die Eltern) sowie Naturaleinkommen.

Kompensation durch grösseren Arbeitseinsatz

Avenir Suisse hingegen untersucht den Arbeitsmarkt und die Löhne mit den Daten der Lohnstrukturerhebung. Das relative Zurückbleiben der mittleren Löhne wird auf Stufe der Bruttohaushalteinkommen von verschiedensten Effekten überlagert: Zu einem von der Entwicklung  (und Korrelation) aller andern Einkommensquellen, zum andern von den Veränderungen der Haushaltszusammensetzung (z.B. Anzahl der Kinder). Ein weiterer wichtiger Faktor besteht darin, dass die Arbeitsbeteiligung  der Bevölkerung in der Untersuchungsperiode zugenommen hat, angetrieben vor allem durch die höhere Partizipation der Frauen. Diese vermochte die etwas gesunkene Beteiligung der Männer mehr als auszugleichen. Dazu kommt, dass sich die Geschlechter-Lohnschere etwas verringerte. Da das Erwerbseinkommen für den aktiven Mittelstand die mit Abstand wichtigste Einkommensquelle ist, wirkten beide Effekte der ungünstigeren Entwicklung bei den mittleren Löhnen entgegen. Mit anderen Worten: Der Mittelstand machte den Rückstand in der Lohnentwicklung unter anderem dadurch wett, dass er mehr arbeitete.

Die Resultate der BfS-Studie widersprechen der Diagnose einer Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt also nicht. Die Situation für den Mittelstand blieb insgesamt stabil, was – wenn man sich im Ausland umschaut – schon als höchst erfreulich bezeichnet werden darf. Allerdings musste er einen grösseren Arbeitseinsatz und eine höhere Anstrengung leisten, um seine Position im Einkommensgefüge zu halten. Diese Zusatzbelastung wird sehr wohl wahrgenommen. Aufgrund konstanter Anteile der Bruttoeinkommen der Mittelstandshaushalte am Medianeinkommen zu schliessen, es habe sich nichts verändert, greift zu kurz.