Das europapolitische Dilemma um die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative rückt den chronischen Mangel an einheimischen Fachkräften erneut ins Rampenlicht. Der Bund und auch die Wirtschaftsverbände möchten vermehrt auf einheimische Arbeitskräfte zurückgreifen. Die Erwartungen sollten allerdings etwas zurückgeschraubt werden. 

Der Fachkräftemangel ist auch Resultat des anhaltenden Erfolgs der Schweiz als Premium-Standort im Herzen Europas.

Der Fachkräftemangel ist auch Resultat des anhaltenden Erfolgs der Schweiz als Premium-Standort im Herzen Europas.

Fachkräftemangel ist kein neues Phänomen, auch in den neunziger Jahren beklagten sich 40% der befragten Unternehmen über fehlendes Personal. Von der Demografie ist diesmal keine Linderung zu erwarten. Im Gegenteil: Die Schweizer Erwerbsbevölkerung wird ab dem Jahr 2021 zu schrumpfen beginnen. Die Referate und Debatten am Basel Economic Forum (BEF) zeigten, dass die Branchen und Interessengruppen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln intensiv an der Bewältigung der Personalknappheit arbeiten. Das ist legitim und nötig.

Auf gesamtwirtschaftlicher Flughöhe musste den Teilnehmern des BEF allerdings bewusst werden, dass das eigentliche Problem tiefer wurzelt. Auf den kürzesten Nenner gebracht lautet es: der anhaltende Erfolg der Schweiz als Premium-Standort im Herzen Europas hat dazu geführt, dass die demographische Basis des Landes nicht ausreicht, um die Personalbedürfnisse der Firmen (und leider nicht zu vergessen: des Staates) zu befriedigen. Die Schweiz ähnelt einem Stadtstaat ohne grosses Hinterland. Gelingt es einer Branche, mehr Personal aus dem Inland zu rekrutieren, werden diese Arbeitskräfte anderswo fehlen.

Dieser Umstand ist der Grund für die anhaltende Zuwanderung. Sie ist im Wesentlichen noch immer eine «Pull-Migration», ausgelöst durch den inländischen Mangel. Das ist daran abzulesen, dass der Zuwachs von Erwerbstätigen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt seit 2000 (rund 800’000 Erwerbstätige) ausschliesslich aus dem Ausland gespeist wurde, gleichzeitig aber keine grossflächige Verdrängung im Inland stattfand, denn die Arbeitslosigkeit nahm nicht zu. Die Fachkräfteinitiative des Bundes kann die heimische Knappheit nicht beheben, sondern bestenfalls mildern. Schon letzteres wäre ein Erfolg. Mit einer Erwerbspartizipation von über 81% schöpft die Schweiz ihren Arbeitskräftepool nämlich heute schon aus wie kaum ein anderes Land. Eine weitere Erhöhung wird schwierig und teuer. Die Erwartungen und Ziele sollten also nicht zu hoch gesteckt werden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir auch inskünftig auf Zuzug aus dem Ausland angewiesen sein werden.

Neben den älteren Arbeitskräften sollen es vor allem die Frauen richten. Allerdings haben letztere punkto Partizipation schon weit aufgeholt und werden über kurz oder lang zu den Männern aufschliessen. Auffallend ist hingegen der hohe weibliche Teilzeitanteil mit oft sehr tiefen Anstellungsgraden. Hier liegt wohl am meisten «Potenzial» brach. Der verspätete Aufbau der externen Kinderbetreuung spielt hier zwar mit, ist aber kaum der Hauptgrund für die tiefen Pensen der Frauen.

Zum einen wird das Arbeitsangebot durch das hohe Schweizer Lohnniveau selbst reduziert – auch bei den Männern. Dies ist die erfreuliche Folge des Erfolgs und von daher nicht zu ändern. Zum andern untergraben aber massive implizite Progressionen auf den «Zweiteinkommen» verheirateter Frauen die Arbeitsanreize. Hierzu trägt nicht nur die formelle Steuerprogression unter gemeinsamer Veranlagung bei, sondern auch einkommensabhängige Krippentarife und einige Aspekte der Sozialpolitik. Nicht selten bleiben von einem zusätzlich verdienten Franken nur 20 Rappen oder noch weniger übrig. An diesem Missstand sollte die Politik arbeiten. Ziel muss es sein, dass der Staat möglichst wenig in die individuellen Lebenspläne der Menschen eingreift.

Dieser Artikel erschien im «metrobasel report» vom Dezember 2014.