Wer befürchtet hatte, die Politik für Bildung, Forschung und Innovation werde künftig zentral vom Bund diktiert, durfte nach einem Referat von Staatssekretär Mauro Dell’Ambrogio bei Avenir Suisse beruhigt nach Hause gehen. Eine gute Politik in diesem Bereich beschränke sich sinnbildlich darauf,  einen gut gespitzten Bleistift und Papier zur Verfügung zu stellen.

Dell'Ambrogio

Mauro Dell’Ambrogio, Direktor des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI)

Mauro Dell’Ambrogio, der Direktor des neu geschaffenen Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), das die bundesseitigen Zuständigkeiten für Berufsbildung, Allgemeine Bildung, Hochschulen, Forschung und Innovation neu unter einem Dach vereint, erklärte am Mittwoch an einem Abendlichen Gespräch bei Avenir Suisse, wo er Herausforderungen und Diskussionsbedarf sieht. Er betonte aber auch: «Das Schweizer BFI-System ist alles andere als ein Sanierungsfall. Die Schweiz weist im internationalen Vergleich bei der Bildung die grösste gesellschaftliche Durchlässigkeit auf und ist auch in Forschung und Innovation Weltspitze.» Ein gutes Beispiel hierfür sei die Auszeichnung des Human-Brain-Forschungsprojektes der ETH Lausanne als EU-Flaggschiff-Projekt.

«Günstige Bedingungen zu schaffen ist die beste Innovationsförderung.»  Anstelle einer aktiven Innovationspolitik, die schnell zur Industriepolitik zu werden drohe, gelte es sicherzustellen, dass sämtliche Bundesämter die Anreize und Rahmenbedingungen für Firmen im Inland so setzen, dass in der Schweiz weiterhin intensiv geforscht und entwickelt wird.

Langfristige und föderale Bildungspolitik

Berufslehre und Föderalismus hätten massgeblich zur Qualität des Schweizer Bildungssystems beigetragen und trügen auch heute dazu bei. Eine gute Bildungspolitik sei langfristig ausgelegt und berücksichtige lokale Gegebenheiten, Bedürfnisse und Möglichkeiten.  So würden – Harmos zum Trotz – die Schülerinnen in Basel Stadt  in ihrer Schulkarriere nur etwa zwei Drittel so viele Schullektionen erhalten wie die Walliser. Trotzdem lägen Wallis und Basel in der wiederkehrenden PISA-Studien näher beisammen, als die Schüler in unterschiedlichen Regionen anderer Länder, die einen zentralen Bildungsplan befolgten.

Das neue Hochschulförderungsgesetz (HFKG) soll die allgemeinen Spielregeln der künftigen Hochschullandschaft Schweiz festlegen und dabei mehr Transparenz schaffen. Bedarf für bessere Koordination und Aufgabenteilung bestehe, so Mauro Dell’Ambrogio, namentlich in den kostenintensiven Bereichen. Doch die Erfahrungen mit der Spitzenmedizin hätten auch klar gezeigt «wie schwierig und vor allem langwierig es ist,  Aufgaben und Kosten zwischen und unter den Kantonen und dem Bund neu zu verteilen.»  Ein Gefäss, das Kantone und Bundesvertreter im Hochschulbereich überhaupt erst an einem Tisch vereint, habe bisher schlicht gefehlt. In der Schweiz dürfte aber die  zentralisierte Hochschul- und Bildungspolitik weiterhin nur einen beschränkten Stellenwert geniessen,  zumal die Kantone mit der Grundausbildung und auch als autonome Hochschulträger den wesentlich grösseren Teil der Bildungskosten bezahlen.

Keine Maturitätsquote

Forderungen nach einer nationalen Maturitätsquote lehnt der Direktor des neuen Staatssekretariats entschieden ab: «Es geht vielmehr darum, die tertiäre Ausbildung als Ganzes zu fördern.» Mauro Dell’Ambrogio zieht andere, liberalere und pragmatischere Wege vor, um die Qualität an den Schweizer Hochschulen hoch zu halten. Handlungsbedarf sieht er etwa bei den Aufnahmebedingungen für Studierende aus dem Ausland, wobei strengere Selektionskriterien auch Signalwirkung hätten für Schweizer Studierende. Die Tatsache, dass die duale Berufsbildung äusserst attraktive Karrieremöglichkeiten verspreche, vermeide Massenuniversitäten und halte die Qualität hoch. Und mit der Berufslehre hätten wir eine hervorragende Alternative, die dafür sorge, dass auch in einem bestimmten Alter zum Studium weniger Begabte  im Arbeitsmarkt unterkommen und, wenn motiviert, später am lebenslangen Lernen partizipieren können. «Es ist aber weniger  Aufgabe des Bundes, sondern der Berufsverbände, Jugendliche für den Bäcker- oder Sanitärberuf zu begeistern» hält der Staatssekretär fest.

Höhere Studiengebühren kein Tabu

Der Staatssekretär zeigt ein gewisses Verständnis für Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler, der in der Sonntagspresse kritisierte, dass ein Schreiner oder Metallbauer seine Ausbildung zum Meister aus dem eigenen Portemonnaie berappen müsse, während Medizinstudenten nur minimale Studiengebühren zahlten. Der noch immer gültige Grundsatz, wonach die öffentliche Hand für die Grundbildung aufkommt,  die Finanzierung von Weiterbildungen jedoch Privatsache ist, werde zunehmend schwierig umzusetzen sein, da die Grenzen zwischen Aus- und Weiterbildung kaum mehr auszumachen seien. «Das heisst aber nicht zwingend, dass der Bund nun auch in gleichem Ausmass für die in ihrer Erweiterung nicht immer klar zu bestimmende höhere Berufsbildung aufkommen muss bzw. es dürfe in diesem Kontext durchaus auch die Frage nach höheren Studiengebühren gestellt werden.»

Spannungsfeld Forschung und Lehre

Wie viel soll an Fachhochschulen geforscht werden? Verschiedene Voten aus dem Publikum galten diesem Thema. Ist es sinnvoll, dass Fachhochschulen Mittel und Zeit für Forschungsarbeiten aufwenden und dabei ihre wichtigste Aufgabe, nämlich die praxisnahe Lehre, vernachlässigen? Mauro Dell’Ambrogio bezeichnet die Fachhochschulen als Erfolgsgeschichte mit gewissen Kinderkrankheiten. Es sei vor allem auch nötig, die Zusammenarbeit der verschiedenen Studienrichtungen an den Fachhochschulen, wie auch in der Berufsbildung, über die Berufsgrenzen hinweg zu verbessern. Es müsse doch möglich sein, dass Landschaftsgärtner und angehende Landwirte einen gemeinsamen Kurs zur Bodenbeschaffenheit besuchen. Die gegenseitige Beeinflussung gehöre schliesslich zum Kern der Hochschulausbildung und sei auch Bedingung dafür, dass sich das Bildungssystem selber entwickeln könne.