Vereinfachungen und Komplexitätsreduktionen sind in der Politik hoch im Kurs. Aktuell besonders beachtetes Beispiel: der ökologische Fussabdruck. Der Begriff ist attraktiv, da er komplexe Zusammenhänge auf eine plakative Botschaft reduziert. Als Basis für wirtschaftspolitische Entscheidungen ist er allerdings ungeeignet.

In einer immer komplexeren und scheinbar im Informationsmeer ertrinkenden Welt herrscht eine hohe Nachfrage nach Vereinfachungen. Egal ob in Politik, Wirtschaft, bei den Medien oder im privaten Bereich, die Zahlungsbereitschaft für Komplexitätsreduktionen steigt stetig. Am populärsten ist dabei die Reduktion auf eine einzige, einprägsame Kennzahl. Man denke an die «Übereinstimmungspunkte» bei Online-Partnervermittlungen oder an die vielbeachteten Urteile von Ratingagenturen zur Kreditwürdigkeit von Firmen, Finanzprodukten oder von ganzen Staaten. Gerade letztere zeigten die Grenzen der Vereinfachung auf, erwiesen sich manche dieser Bewertungen in der Finanzkrise 2007/08 doch als ziemlich irreführend.

Komplexitätsreduktion hoch im Kurs

Trotzdem schreit auch die Politik förmlich nach Simplizität. Regelmässig wird etwa die aktuelle Platzierung der Schweiz im WEF-Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit kommentiert. In der Umweltpolitik steht eine andere Kennzahl seit geraumer Zeit hoch im Kurs: der ökologische Fussabdruck. Dieser soll, grob gesagt, Auskunft darüber geben, wie viele Erden nötig wären, würden alle Weltbürger denselben durchschnittlichen Lebensstil pflegen wie die Bewohner einer bestimmten Volkswirtschaft. Ist dieser Wert nach Korrektur um die Biokapazität des Planeten grösser als 1 – und das ist er für alle Industrienationen bei weitem –,  so lebt das Land «nicht nachhaltig». Diese einprägsame Bildhaftigkeit macht den ökologischen Fussabdruck selbstredend zu einem hervorragend Tool für die politische Kommunikation.

Tatsächlich können aus solchen Fussabdrücken interessante Einsichten gewonnen werden, besonders hinsichtlich Effizienz einer Volkswirtschaft. Die Grafik zeigt beispielsweise, wie hoch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit (berechnet durch das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf) pro ökologischen Fussabdruck im internationalen Vergleich der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer ist. In diesem Ranking steht die Schweiz sehr gut da: Pro Konsumeinheit belasten die Schweizer die Erde also relativ wenig. Überraschend kommt das nicht, nimmt die Schweiz bezüglich Ressourceneffizienz in diversen Studien stets Spitzenplätze ein.

Fussabdruck mit Unzulänglichkeiten_670px

Fussabdruck mit diversen Unzulänglichkeiten

Dieses für die Schweiz prinzipiell positive Resultat kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Konzept des ökologischen Fussabdrucks einige Schwächen aufweist.

  1. Unklare Berechnung. Wie jede Komplexitätsreduktion krankt auch der ökologische Fussabdruck an der Methode. Das in den Medien häufig zitierte Global Footprint Network (GFN) versucht zu berechnen, wie viel Fläche Land der Konsum einer Person in einer bestimmten Volkswirtschaft ungefähr benötigt. Dazu kommt der Landbedarf für die Rückführung der CO2-Emissionen in den biologischen Kreislauf. Diese Umrechnung ist mit diversen Ungenauigkeiten behaftet. So wird beispielsweise die Kernenergie der Einfachheit halber wie eine fossile Energiequelle behandelt. Kein Wunder erachtet das Bundesamt für Umwelt (BAFU) den klassischen ökologischen Fussabdruck als untauglich und arbeitet mit dem Instrument der sogenannten Umweltbelastungspunkte.
  1. Verschiedene Konzepte. Der Weg des BAFU zeigt darüber hinaus exemplarisch, dass das Konzept des ökologischen Fussabdrucks alles andere als sakrosankt ist. So gibt es auch «Fussabdrücke», die sich auf den CO2-Ausstoss konzentrieren (wobei solche auch zu den Unterkategorien des klassischen Fussabdrucks gehören) oder solche mit dem Wasserverbrauch im Fokus (was bei einer solch typisch lokalen Ressource allerdings bedingt Sinn ergibt). Es hängt von Zielsetzung und Perspektive ab, welcher Ansatz für umweltpolitische Diskussionen am besten geeignet wäre.
  1. Fussabdruck ist nicht gleich Umweltbelastung. Obwohl das Adjektiv beim «ökologischen» Fussabdruck viel verspricht, konzentriert sich das klassische Konzept des GFN (und auch die meisten anderen) viel eher auf die Ressourcennutzung im globalen Kontext. Dies ist a priori jedoch keine Aussage über die tatsächliche Umweltbelastung (oder «externe Effekte» in Ökonomensprache). Ohne eine solche kann eine wirtschaftspolitische Reaktion kaum gerechtfertigt werden. Zudem vernachlässigt der ökologische Fussabdruck lokale Umweltbelastungen wie etwa das Ozon.
  1. Statische Sichtweise. Die grösste Schwäche aller ökologischen Fussabdrücke ist, dass diese statischen Konzepte den Preismechanismus und die wirtschaftliche Dynamik vernachlässigen. Nimmt nämlich die Nachfrage nach gewissen Ressourcen zu (z.B. dank Wirtschaftswachstum), steigt auch deren Preis. Der Preismechanismus wird automatisch dafür sorgen, dass sich Fussabdruck der Schweiz ohne politisches Zutun im Laufe der Zeit verbessert. Auch die technologische Entwicklung (z.B. im Bereich des Recycling) führt zu einer verbesserten Effizienz und reduzierter Umweltbelastung. Da der klassische ökologische Fussabdruck vom konzeptionellen Aufbau her solche Effekte nicht berücksichtigen kann, enden aus ihm abgeleitete Politikempfehlungen zwangsläufig im Konsumverzicht und in der Reduktion des Wohlstandsniveaus.

Keine brauchbare Grundlage für die Wirtschaftspolitik

Ökologische Fussabdrücke erlauben durch ihre Komplexitätsreduktion plakative Aussagen. Die dahinter liegenden Konzepte sind durchaus interessant. Sie eröffnen neue Blickwinkel und erlauben internationale Vergleiche. Das alles darf jedoch nicht über ihre diversen methodischen Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Als Basis für wirtschaftspolitische Entscheidungen sind sie deshalb ungeeignet.

Dieser Text wurde am 4. September 2016 in der «Zentralschweiz am Sonntag» publiziert. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.