Was ist das Besondere an der Schweiz? Wo liegen ihre Stärken, wo ihre Schwächen? Diese Fragen haben wir für unser Buch «Watch the Swiss» auch Ottmar Hitzfeld gestellt. Als ehemaliger Trainer unserer Fussball-Nationalmannschaft ist er dankbar für die Erfahrungen, die er als junger Spieler und Trainer auf Schweizer Rasen gemacht hat. Potenzial sieht er in unserem Land unter anderem in der Kommunikation, wo er den Mut zur klaren Aussage vermisst. In der ausgeprägt internationalen Zusammensetzung der «Nati» erkennt er vor allem eine Chance. 

Ottmar Hitzfeld (© Wikimedia Commons, Biso)

Die Fussballkarriere des «Generals» begann mit einem Telefonanruf beim FC Basel. (Bild: Wikimedia Commons)

Im wahrsten Sinne des Wortes bin ich ein Grenzgänger, der 100 Meter von der Schweizer Grenze weg in Lörrach aufgewachsen ist. Und gleich drüben in Riehen, auf Schweizer Boden, gab es einen Fussballplatz mit echtem Rasen. Den als kleiner Junge zu betreten, kam mir vor wie ein Gang ins Paradies.

Die Schweiz war für mich von Kindesbeinen an der Inbegriff von Qualität. Wir sind regelmässig nach Basel einkaufen gegangen und haben immer mal wieder Kaffee und Mehl heimgebracht, weil uns diese Produkte so gut geschmeckt haben. Wir sind nach Engelberg in die Ferien gefahren, weil wir uns in den Schweizer Bergen so wohlgefühlt haben. Das Land hat mir damals ein Schutz- und Sicherheitsgefühl gegeben, das ich bis heute nicht missen möchte.

Auch fussballerisch habe ich der Schweiz viel zu verdanken. Beim FC Basel bin ich als Spieler mit offenen Armen empfangen worden, nachdem ich den damaligen Trainer Helmut Benthaus gleich direkt angerufen hatte, ob ich zu einem Probetraining kommen dürfe. Seine Nummer stand im Telefonbuch. Nach wenigen Trainingseinheiten bot mir der Klub einen Vertrag an, den ich sofort unterschrieb.

Die Schweiz stand ebenfalls am Anfang meiner Trainerkarriere. Hier genoss ich auch die Ausbildung. Es war für mich ein optimaler Einstieg. Ich bin mir nicht sicher, ob mir meine Laufbahn ohne die Erfahrungen aus der Schweiz in Deutschland geglückt wäre. Jetzt, als halber Ruheständler, fühle ich mich nach wie vor unglaublich wohl im Land. Als Alemanne bin ich ja auch ein halber Schweizer. Das verbindet. Wir sind uns ähnlich, das spüren beide Seiten. Ich habe auch schon gehört, die Alemannen seien weniger forsch als Deutsche aus anderen Regionen (schmunzelt).

Die Schweiz bleibt für mich ein privilegiertes Land mit hohem Qualitätsbewusstsein und Sicherheitsdenken, obwohl ich mir wünschen würde, dass die Polizei bei Randalierern und gewaltbereiten Leuten noch rigoroser durchgreifen würde. Ob auf dem Weg zum Fussballspiel oder sonstwo in einer Stadt ist doch der Staat für die Sicherheit zuständig. Wenn Menschen in Gefahr geraten oder Sachbeschädigungen passieren, wünsche ich mir weniger Nachsicht und mehr gezieltes Vorgehen. So wie es der Fussballverband will: Situationen analysieren, Fehlbare identifizieren und sanktionieren. Nicht pauschal abstrafen oder behaupten, alle Fussball-Fans seien Chaoten. Oder alle jungen Leute seien Krawallbrüder. Derlei bringt niemanden weiter.

Als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft habe ich unter anderem von der kulturellen Vielfalt in der Bevölkerung enorm profitiert. Ohne die Spieler mit ausländischen Wurzeln wären die regelmässigen Schweizer Qualifikationen für die grossen Endrunden wohl kaum möglich. Diese Spieler sind oft selbstbewusst, frech, zielstrebig und ehrgeizig. Das sind viele Schweizer Fussballer auch, aber etwas weniger ausgeprägt. Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen belebt ein Team. Es kommen neue Gesichtspunkte hinein, Reibungen entstehen, und es werden Energien freigesetzt. Das Führen einer solchen Mannschaft mag etwas schwieriger sein. Doch damit hatte ich nie Probleme. Das pädagogische Studium dürfte geholfen haben.

Sehr befruchtend für meine Arbeit empfand ich auch die verschiedenen Landeskulturen, die unterschiedliche Charaktere hervorbringen. Der Welsche, der gerne gut lebt, besser abschalten kann und bei dem nicht nur die Karriere im Vordergrund steht. Der Zürcher, der aggressiver und lauter ist als etwa der Berner, der es ruhiger nimmt und gemütlicher ist. Doch das Zusammenspiel führt zu guten Resultaten – auf dem Platz wie auch in den Institutionen, die für den  Fussball verantwortlich sind.

Die Fussball-Nationalmannschaft mit zu meiner Zeit Spielern aus 14 Herkunftsländern ist sicher ein Stück weit Abbild der aktuellen Schweiz. Die Bemerkung des auch im Ausland höchst erfolgreichen Luzerner Innenverteidigers Stephan Lichtsteiner, dass er sich unter den vielen Migranten in der „Nati“ manchmal als Schweizer etwas einsam vorkomme, kann ich gut nachvollziehen. Jeder Spieler versucht, seine Philosophie durchzusetzen. Das ist ein permanenter Prozess, bei dem Führung und Vorbilder noch mehr gefragt sind. Darum habe ich nach dem Rücktritt von Alex Frei Gökhan Inler zum Captain gemacht, da er Migrationshintergrund hat, Integration vorleben kann und auch dank seinem Alter und seinen Erfahrungen als Spieler in der Schweiz sowie im Ausland gewisse Situationen mit seiner besonnenen Art beurteilen und bewältigen kann.

Allgemein gesprochen: In einer Zeit mit vielen Immigranten braucht es viel Einfühlungsvermögen. Man muss stets nach Wegen suchen, wie die unterschiedlichen Interessen zusammengeführt werden können. Es ist ein Umbruch im Gang, in den die Schweizer noch mehr hineinwachsen werden. Ich sehe es als Chance, dass die Schweiz noch stärker wird. Dazu braucht es Mut zu führen, und es braucht Toleranz.

Die Wirtschaft macht es ja längst vor. Sie holt in die Führungsgremien die Besten aus der ganzen Welt. Die Schweiz hat nun einmal nur 8 Millionen Einwohner. Entsprechend präsentiert sich die Anzahl Talente. Nach meiner langjährigen Beobachtung haben sich die Schweizer jedoch mental zunehmend geöffnet und sind noch selbstbewusster geworden. Es ist doch kein Zufall, dass sich Schweizer Trainer wie Spieler und insbesondere Torhüter in Deutschland so grossartig behaupten, notabene in einer der allerbesten Ligen der Welt.

Als kleines Land darf man sich allerdings noch weniger Fehler erlauben, und die Ausbildung muss noch besser sein. Im Fussball sind die Weichen schon sehr früh richtig gestellt worden – viel früher als etwa in Deutschland. Davon habe auch ich profitiert, als ich mich in der Schweiz zum Trainer ausbilden liess. Dank der verschiedenen Sprachregionen kann das Land traditionell jeweils das Beste aus den Strömungen herausnehmen, ob sie aus Deutschland, Frankreich oder Italien kommen. Das empfand ich im Fussball stets als bereichernd.

Nicht mitbekommen habe ich in der Schweiz, wie man im Fussball-Business bisweilen zu kommunizieren hat. Das musste ich mir in Deutschland, wo man auch mit pointierten Meinungen weniger zurückhaltend umgeht, richtiggehend erarbeiten. Ich musste lernen, manchmal sogar eine gewisse Arroganz zu zeigen. In der Schweiz fehlt noch immer etwas der Mut zu klaren Aussagen. Oft will man es lieber möglichst allen recht machen, um nirgends anzuecken, und man lässt sich dabei stets ein Hintertürchen offen. Da hat die Schweiz noch Potenzial. Man muss sich positionieren und manchmal auch mutig exponieren. Nicht aus Prinzip, nicht einfach so, sondern wohl begründet und auf fundierter Basis. Ein aktuelles Beispiel ist der Franken-Kurs. Da wünsche ich mir weniger Jammern und mehr konkrete Ansätze zu Optimierungen. Man muss sich der Situation stellen und noch besser werden, wie beispielsweise auch im Tourismus.

Und noch etwas: Man dürfte Erfolge noch viel mehr anerkennen und wertschätzen. Was ein Roger Federer seit vielen Jahren leistet, auch für das Land, ist doch Wahnsinn. Ein Jahrhundert-Sportler aus der Schweiz!

2015_Watch-the-swiss_Cover_140x215px«Watch the Swiss»ist bei NZZ Libro erhältlich. Mit Beiträgen (u.a.) von Udo Di Fabio, Wolfgang Schüssel, Lim Siong Guan, Jonathan Steinberg und Helen Zille sowie einem Vorwort von Aussenminister und Bundesrat Didier Burkhalter.