In der Schweizer Bildungspolitik stehen nicht Effizienz oder gar Exzellenz im Zentrum, sondern Ausgleich und regionalpolitische Anliegen. Hochschulen werden als erweiterter Service public verstanden, der gleichmässig übers Land verteilt ein möglichst dichtes und umfassendes Angebot gewährleisten soll. Um kompetitiv zu sein, müssten die Hochschulen jedoch Kooperationen oder sogar Fusionen eingehen können.

Im weltweiten Schanghai-Ranking der Universitäten bringt die Schweiz vier Hochschulen unter die erlauchten ersten hundert Universitäten, gleich viele wie unsere zehnmal grösseren Nachbarn Deutschland und Frankreich. Und die ETH ist nach diesem Benchmark die beste nichtangelsächsische Hochschule der Welt. Gemessen an der Kleinheit des Landes besitzt die Schweiz einen aussergewöhnlichen Wissens- und Forschungsplatz. Die Exportindustrie, aber genauso der Finanzplatz und die Dienstleistungswirtschaft profitieren vom Wissen und dem Ideenreichtum von Forschern aus aller Welt.

Globaler Wettbewerb verschärft sich

Doch der Erfolg ist nicht in Stein gemeisselt. Der globale Wettbewerb um die besten Talente und Ideen verschärft sich mit zunehmender Mobilität. Auf vielen Gebieten wird Spitzenforschung anspruchsvoller und aufwendiger, die kritische Masse der Mittel steigt. Viele Länder intensivieren ihre Anstrengungen in der tertiären Bildung und holen auf. Bildung und Forschung stehen aber bei uns in Konkurrenz mit anderen Staatsaufgaben, und die Geldmittel, die es dafür braucht, sind nicht einfach im Überfluss vorhanden. Daraus folgt: Will die Schweiz ihre Position halten oder ausbauen, wird sie nicht darum herumkommen, ihre Kräfte auf dem Wissensplatz mehr als bisher zu bündeln.

Zürcher Hochschule der Künste. (Wikimedia Commons)

Auch Fachhochschulen wie die ZHdK in Zürich betreiben «angewandte Grundlagenforschung» und möchten Doktorate vergeben. (Wikimedia Commons)

Dieser Imperativ steht in scharfem Kontrast zur real existierenden Schweizer Hochschulpolitik. Hier stehen nicht Effizienz oder gar Exzellenz im Zentrum, sondern Ausgleich und regionalpolitische Anliegen. Hochschulen werden als erweiterter Service public verstanden, der gleichmässig übers Land verteilt ein möglichst dichtes und umfassendes Angebot gewährleisten soll. Muss man in einem Land mit acht Millionen wirklich an vier Orten Indologie studieren können und an sechs Orten Slawistik? Hinzu kommt, dass die Profile der Hochschultypen zusehends verwischen. Die Fachhochschulen verinnerlichen das Humboldtsche Bildungsideal, betreiben «angewandte Grundlagenforschung» und möchten Doktorate vergeben. Beeindruckt von der Akademisierungskritik, möchten umgekehrt die Universitäten heute auch ein bisschen Berufsbildner sein und preisen «berufsqualifizierende Abschlüsse» an.

Anstatt sich zu fragen, ob die Schweiz wirklich sieben eigenständige Phil-I-Fakultäten braucht oder noch eine weitere Wirtschaftsfakultät, setzt der Bildungssektor seine Energien dafür ein, zuerst einen möglichst grossen Teil des öffentlichen Kuchens für die Bildung abzuschneiden, um ihn dann freundeidgenössisch weiter unter sich aufzuteilen. Das ist ihm nicht einmal zu verübeln, er spielt einfach nach den geltenden Regeln. Auf Bundesebene heisst dieses Austarieren der Ansprüche BFI-Botschaft (Bildung, Forschung, Innovation). Das Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz ist Ausdruck einer föderal-korporatistischen Grundhaltung, die Verteilung über Effizienz setzt. Was fehlt, ist eine klare Strategie zur globalen Positionierung des Hochschulplatzes Schweiz und ein Bekenntnis zur Prioritätensetzung, sprich der Mut, Besitzstände zu hinterfragen.

Die Schweiz als nationaler Hochschulraum

Eine Zukunftsvision könnte wie folgt aussehen: Die Schweiz definiert sich als einen nationalen Hochschulraum, der im globalen Konzert der besten Wissensplätze mitspielt. Gefragt ist dafür aber nicht ein Masterplan von höchster Stelle, der den Hochschulen Rollen zuweist, sondern im Gegenteil mehr Gestaltungsfreiheit für die einzelnen Institutionen. Dazu müssten sie weitgehend aus der politischen Einflussnahme befreit werden. Ein möglicher Weg dahin wäre der Übergang von der heutigen Anbieter- zur Nutzerfinanzierung, etwa über ein Bildungskonto. In diesem System würde der Staat nicht wie heute die Bildungsträger unterstützen, sondern direkt die Studierenden. Die öffentliche Hand würde dazu für jeden Maturanden ein Konto mit einem Grundbetrag bereitstellen, mit dem er sein Studium bezahlen könnte. Ohne direkte staatliche Zuwendungen müssten die Hochschulen von den Studierenden Vollkosten einfordern. Neben mehr Kostentransparenz entstünde so vor allem eines: Wettbewerb um die Studierenden.

Um kompetitiv zu sein, müssten sich die Hochschulen in diesem System (wie jedes andere Unternehmen schon heute) überlegen, welche Studiengänge sie selbst anbieten und wo sie Kooperationen oder sogar Fusionen eingehen wollen. So käme es zu einer Spezialisierung und zur nötigen Konzentration der Kräfte. In diesem Umfeld würden sich Hochschulen auch für mehr private Mittel bewerben, die hiesige Sorge um die Unabhängigkeit der Forschung wird übertrieben. Die Studierenden ihrerseits würden aus der Komfortzone gelockt. Sie würden nicht mehr wie heute ihre Studienwahl auf die nächstgelegene Uni ausrichten, sondern müssten Angebote, Qualität und Preise im ganzen Hochschulraum Schweiz vergleichen.

Dieser Text ist in der Rubrik «Der externe Standpunkt» in der «NZZ am Sonntag» vom 25. September 2016 erschienen (online nicht verfügbar). Hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.