«Blick»: Herr Salvi, Sie haben eine Studie zum Thema Gleichstellung verfasst. Sagen Sie uns: Ist das Kind ein Karrierekiller?

Marco Salvi: Spätestens ab dem zweiten Kind wird es schwierig, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen, auf jeden Fall.

Vater mit Kind im Homeoffice. (Bild Fotolia)

Vater mit Kind im Homeoffice. (Bild Fotolia)

Warum?

Während Väter ihr Arbeitspensum kaum anpassen, fahren Frauen ihres in der Regel deutlich zurück. Damit vermindern sich ihre Karrierechancen, was sich auch in tieferen Löhnen niederschlägt. Schuld daran ist zu einem grossen Teil der Mangel an bezahlbaren, flexiblen Betreuungsplätzen für die Kinder.

Aber bei Krippen wurde doch ordentlich ausgebaut.

Ja, aber erstens werden die Plätze viel mehr nachgefragt: Auch für Kinder im Primarschulalter besteht ein Mangel an Ganztagesbetreuung. Zweitens geht es eben darum, einen bezahlbaren Platz zu finden. Das ist für den Mittelstand nicht einfach. Gut ausgebildete Mütter werden sogar doppelt bestraft.

Wie das?

Wollen sie mehr arbeiten, müssen sie mehr Betreuungsleistungen in Anspruch nehmen und zahlen. Wegen der steilen Progression der Krippentarife steigt der Preis zudem überdurchschnittlich, weil das Haushaltseinkommen höher ist. Das macht Arbeit unattraktiv und hat grosse volkswirtschaftliche Konsequenzen, die wir uns nicht leisten können.

Was brauchen arbeitende Mütter?

Schulergänzende Betreuung. Von allen Massnahmen, um mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu bringen, wäre diese die wirksamste. Dann können die Mütter ihre Pensen erhöhen. International ist die Schweiz hier im Rückstand.

Und wer soll das bezahlen?

Einen Teil könnte man über die zusätzlichen Steuereinnahmen zahlen, die resultieren, wenn die Frauen mehr verdienen. Ausserdem liegt im Krippensektor mit überflüssigen Vorschriften einiges Sparpotenzial. Ich bin überzeugt: Wir hätten wieder mehr Kinder, wenn es uns gelänge, die Kosten für die Betreuung zu senken.

Was wäre die ideale Lösung?

Wir sollten ein System mit Betreuungsgutscheinen einführen, das nicht nur Krippen, Kitas und Tagesschulen berücksichtigt, sondern auch Tagesmütter und Nannys. So könnte jede Familie entscheiden, welche Lösung für sie die beste ist.

Dieses Interview von Sermîn Faki mit Marco Salvi ist am 28. 5. 2016 im «Blick» erschienen.
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.