Die «Engadiner Post» befragte Daniel Müller-Jentsch, den Autor der Studie «Strukturwandel im Schweizer Berggebiet», über die spezifische Situation im Bündner Hochtal. Er sieht in der Zukunft gute Chancen für das Engadin, wenn es auf seine «menschlichen Ressourcen» und gebündelte touristische Angebote setzt.Engadiner Post: Daniel Müller-Jentsch, in einer umfangreichen Studie haben Sie aufgezeigt, dass die Schweizer Berggebiete wirtschaftlich zunehmend unter Druck geraten. Wie schätzen Sie die Situation im Engadin ein?

Daniel Müller-Jentsch: Das Engadin hat eine lange Wachstumsphase erlebt, da es sich erfolgreich im Premium-Sektor positionieren konnte. Die Region bot ihren Gästen hochwertigen Kultur- und Luxustourismus mit allem, was dazugehört. Zu diesem Premium-Ökosystem gehören Kunstgalerien, Finanzdienstleister oder ein Angebot an hochwertigen Zweitwohnungen, aber auch der Flughafen und das renommierte Lyceum Alpinum, wohin der betuchte Gast seinen Nachwuchs schickte. Das Engadin stand lange für Premium auf der ganzen Linie.

St. Moritz hat sich früh im Premium-Segment profiliert. Anfang der 1930er-Jahre fanden bereits Sightseeing-Flüge der Swissair statt. Im Bild eine Fokker F.VII a vor dem St. Moritzer Grand Hotel. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Doch dann brachen einige dieser Bereiche ein oder veränderten sich stark.

Ja, Stichworte sind hier die überbewertete Währung, die Zweitwohnungsinitiative, der Klimawandel, Probleme im Private Banking, der direkte Wettbewerb mit Österreich sowie den Warmwasserdestinationen und sicherlich noch einige Störfaktoren mehr. Auch das Engadin muss sich nun dem Strukturwandel stellen.

Hätte der Rückgang nicht wenigstens teilweise verhindert werden können?

Sicherlich wurden in den guten Jahren Fehler gemacht. Man machte das schnelle Geld im Bausektor, hat einen massiven Bau von Zweitwohnungen betrieben und so manches Ortsbild – etwa das von St. Moritz stellenweise – verunstaltet. Die Standortqualität erodierte, und einträgliche Geschäftsbereiche wurden «kanibalisiert». Aus zahlenden Hotelgästen wurden Zweitwohnungsbesitzer, die nun in ihren Wohnungen selber kochen, statt den Restaurants Umsätze zu bescheren. Die Tourismuswirtschaft hat in den fetten Jahren zu wenig auf Innovation gesetzt und den schleichenden Strukturwandel verschlafen.

Und wie könnte es nun weitergehen?

Das Engadin ist mit seiner Attraktivität und seinem Premium-Cluster immer noch in einer soliden Position. Dadurch hat es noch den Zugang zu «externen Ressourcen», die sich einbinden und zur Bewältigung des Strukturwandels aktivieren lassen. Dazu zählen vor allem die Zweitwohnungsbesitzer, die auswärtigen Arbeitskräfte und die Touristen. Deren Kompetenzen, ihre Finanzkraft und ihr Engagement gilt es für das Engadin zu mobilisieren. Dafür muss man mit diesen Menschen aber auch ein partnerschaftlicheres Verhältnis entwickeln als bisher.

Welche Möglichkeiten sehen Sie bei den Touristen?

Diese sind unter anderem auch wegen der Franken-Aufwertung preissensitiver geworden und fühlen sich, platt ausgedrückt, «abgezockt», wenn sie in den Ferien auf Schritt und Tritt zur Kasse gebeten werden. Es bedarf einfach buchbarere und auch günstigere Paketangebote, und das erfolgreiche Beispiel der Weissen Arena Flims zeigt, was hier möglich ist. Solche Packages sind im internationalen Tourismus heute Standard und künftig für die «Hochpreisinsel» Schweiz unerlässlich. Gerade der Skisport mit seiner komplexen Logistik verliert – besonders für Familien – an Attraktivität, denn er ist aufwendig und teuer. Das beginnt mit der Bereitstellung und dem Transport des Equipments, geht über Skilehrer, Bergbahntickets, Parkieren, Essen auf dem Berg – Hotel, Anreise und Verpflegung kommen on top. Fast alles muss separat bezahlt werden, da kann ein «All-inclusive-Angebot» auf den Seychellen für eine Familie deutlich günstiger sein. Das Angebot «Hotel und Skipass für 35 Franken», das im Oberengadin angeboten wird, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Und die Ressource Arbeitskräfte? Der Eindruck entsteht, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sehen viele Betriebe die schnelle Möglichkeit, beim Personal zu sparen.

Der Stammgast sieht sich zunehmend von saisonal oder kurzzeitig wechselndem Personal bedient, das wenig mit Besonderheiten des Engadins vertraut ist. Wenn es für diese – oft ausländischen – Kräfte einen Anreiz gäbe, länger zu bleiben, sich eventuell mit ihren Familien hier dauerhaft niederzulassen, wäre dies nicht nur ein Beitrag zur demografischen Verjüngung der Region. Das Personal könnte gegenüber dem Gast auch wieder eine emotionale Verbundenheit mit dem Engadin zum Ausdruck bringen. Stattdessen ist eher ein «Personalverschleiss» mit hoher Fluktuation zu beobachten, der auch das Tourismusprodukt beliebig erscheinen lässt. Das Ziel sollte es sein, qualifizierte Fachkräfte dauerhaft zu binden und sie dazu zu animieren, sesshaft zu werden.

Grosse Chancen sehen Sie auch bei den Zweitwohnungsbesitzern?

Hier liegt meines Erachtens ein enormes Potenzial, denn das Engadin hat viele tausend Zweitwohnungsbesitzer. Diese Menschen sind mit der Region emotional verbunden, meist wohlhabend, gebildet und gut vernetzt. Unter ihnen sind viele Unternehmer. Ihr Know-how, ihr Engagement und ihre Investments gilt es für die Entwicklung der Region zu mobilisieren. In der Vergangenheit hat man sie eher als «Milchkühe» betrachtet und, etwa in Silvaplana, durch die Zweitwohnungsabgabe vergrault. Stattdessen muss man sie als Partner gewinnen, etwa durch ein gezieltes «Relationship-Management». So könnte beispielsweise das Engadin einen Zweitwohnungsbeauftragten einsetzen, der als Ansprechpartner für diese Menschen dient, den Austausch mit ihnen pflegt und sie in Projekte vor Ort einbindet. Diese Funktion wäre vergleichbar mit einem Alumni-Beauftragten einer Hochschule. Eine andere Möglichkeit wäre es, auf Gemeindeebene für die nicht abstimmungsberechtigten «Teilzeitbürger» ein konsultatives Gremium einzurichten, einen «Rat der Zweitwohnungsbesitzer». So liessen sie sich in die Entscheidungsfindung der Gemeinden einbeziehen. Man würde auf ihre Bedürfnisse eingehen und von ihrem Wissen profitieren. Eine dritte Möglichkeit wäre die Übertragung von Milizämtern an diese potente Gruppe.

Kommen wir zu den Innovationen. Es entsteht der Eindruck, dass das Neue eher skeptisch betrachtet wird, weil die Konkurrenz für alteingesessene Betriebe gefürchtet wird.

Ja, ein Hemmnis für den Strukturwandel sind im Berggebiet bisweilen filzartige Verflechtungen zwischen Lokalpolitik und alteingesessenen «Platzhirschen» mit ihren Eigeninteressen. Diese etablierten Akteure neigen dazu, bestehende Strukturen zu bewahren. Solange die alten Geschäftsmodelle funktionieren, ist das okay. In Zeiten des Strukturwandels jedoch behindert dies die notwendige Verjüngung und Erneuerung von Strukturen. Auch hier wäre ein Rat der Zweitwohnungsbesitzer ein geeignetes Instrument, um Verkrustungen aufzubrechen – denn die Zweitwohnungsbesitzer sind nicht darin verstrickt, und sie bringen frische Ideen von aussen.

Angesichts all dieser anstehenden Herausforderungen, wäre da nicht ein Grossanlass wie Olympia die Rettung gewesen?

Ich denke nicht. Ein solcher Sportevent hätte die Aufmerksamkeit und sehr viele Ressourcen über einen langen Zeitraum gebunden und die Akteure vor Ort von den eigentlich anstehenden Aufgaben abgelenkt. Die Gefahr wäre gewesen, dass der schleichende Strukturwandel – der natürlich trotzdem stattgefunden hätte – übersehen worden wäre und die Tourismusbranche hinterher umso härter getroffen hätte. Im Nein zu Olympia liegt also eine Chance, sich nun den eigentlichen Herausforderungen zu stellen.

Wäre kein nachhaltiger Marketingeffekt nach Olympia zu erwarten, mit dem man dem Strukturwandel hätte begegnen können?

Erfahrungsgemäss sind solche Grossereignisse teuer und für die Austragungsregion wenig nachhaltig. Vorher sagen alle «Wir machen es diesmal anders», aber letztlich gewinnen dann meist doch die Interessen der internationalen Sportverbände wie das IOC die Oberhand. Aber diese Diskussionen Pro und Contra Olympia sollten man im Engadin nun hinter sich lassen, um gemeinsam den Strukturwandel anzupacken. Denn diesbezüglich sitzen die ehemaligen Gegner und Befürworter von Olympia im selben Boot.

Dieses Interview ist in der «Engadiner Post» vom 14. März 2017 erschienen. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.Studie: «Strukturwandel im Schweizer Berggebiet»