Die Organisatoren der Vollgeld-Initiative, die vor einiger Zeit bei der Bundeskanzlei eingereicht wurde, versprechen krisensicheres Geld. Das ist mehr als vollmundig. Die Krise im Finanzsystem lässt sich bestimmt nicht nur durch die Kontrolle des Geldangebots beheben.

Schweizer Münzen sind seit dem 19. Jahrhundert im Umlauf. Das hat Seltenheitswert und ist das Resultat einer stets mit Bedacht geführten Geldpolitik. (Bild: Wikimedia Commons) _ Illustrationsbild zu Vollgeld-Blog

Schweizer Münzen sind seit dem 19. Jahrhundert im Umlauf. Das hat Seltenheitswert und ist das Resultat einer stets mit Bedacht geführten Geldpolitik. (Bild: Wikimedia Commons)

In seinem Mitte April veröffentlichten globalen Finanzstabilitätsbericht zeigt sich der Internationale Währungsfonds (IMF) besorgt. Die Finanzierungsbedingungen hätten sich weltweit verschärft, der Abbau fauler Kredite in den Bankbilanzen stocke und somit bleibe das Bankensystem krisenanfällig. Als kurzfristige Massnahmen empfiehlt der IMF, das Experiment der Negativzinsen zur Stärkung der Konjunktur vorläufig weiterzuführen. Gleichzeitig warnt er vor einer Überfrachtung der Geldpolitik in der langen Frist. Entscheidend seien grundlegende wirtschaftspolitische Reformen, um die Wachstumsbedingungen auf den Produkt- und Arbeitsmärkten zu verbessern.

Geldschöpfung nur noch für die SNB

Das Interessante an diesem Bericht: Vollgeld wird in den Empfehlungen des IMF gar nicht erwähnt. Dies, obwohl eine vielbeachtete Studie («Chicago Plan revisited» ) zur Thematik aus der Küche des Währungsfonds stammt. Allerdings entspricht diese nicht der offiziellen Meinung des IMF, was die Vollgeld-Initianten gerne übersehen.

Die Promotoren der Vollgeld-Initiative stört dies alles nicht. Ginge es nach ihnen, soll das gesamte Geldangebot nur noch durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) geschaffen und direkt an Bund, Kanton und Bürger verteilt werden. Als schöner Nebeneffekt flössen auch noch «ausgiebige Gewinne aus der Geldschöpfung der Öffentlichkeit» zu:  Woran sich die Initianten besonders stören, ist der Umstand, dass Geschäftsbanken durch die Vergabe an Kunden «Buchgeld schöpfen». Dieser Teil des Bankgeschäfts wird im aktuellen System (recht erfolgreich) durch die Liquiditäts- und Eigenkapitalvorschriften reguliert.

Es geht um mehr als um das Geldangebot

Ein Finanzsystem ist viel mehr als eine Geldverteilungsmaschine, die es zu kontrollieren gilt. Der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter sah im «Zustand des Geldwesens eines Volkes ein Symptom aller seiner Zustände». Er meinte damit, dass die meisten Aspekte der Geldpolitik ihren Ausdruck in der Währung finden: Das Niveau der Staatsverschuldung, die Steuer-, Handels- und Wettbewerbspolitik, ganz allgemein das Vertrauen der Wirtschaftssubjekte in das Zahlungsmittel.

Nach Prof. Jörg Baumberger von der Universität St. Gallen ist jedes real existierende Geld-und Finanzsystem mit einigen Risiken und Unsicherheiten konfrontiert:

  1. Liquiditäts- und Solvenzrisiken
  2. Inflation (oder Deflation) bei Gütern und Dienstleistungen
  3. Schwankungen der Vermögenswerte
  4. Staatsfinanzkrisen
  5. Wechselkursfluktuationen

Vollgeld bietet einzig eine Antwort auf Liquiditäts- und Solvenzrisiken, weil es die Wahrscheinlichkeit eines «Bank run» praktisch eliminiert: Wenn – wie vor kurzem in Griechenland – Bankeinlagen überstürzt und massiv abgezogen werden und Banken dadurch mit der Gefahr einer Insolvenz kämpfen müssen.

Dass ein dermassen grosser Eingriff wie das Verbot der Geldschöpfung durch Geschäftsbanken die Stabilität des Finanzsystems erhöhen könnte, stimmt trotzdem nicht. Im Gegenteil: Viele Banken würden dadurch eines wichtigen Ertragspfeilers beraubt und wären in ihrer Existenz bedroht.

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