Wegen der Energiewende und einer vermeintlich drohenden «Versorgungslücke» wollen Politiker den Gewässer- und Landschaftsschutz lockern, um einen Ausbau der Grosswasserkraft zu erleichtern. Dass solche Projekte im aktuellen Marktumfeld wahrscheinlich nur mit grossen Subventionen realisierbar sind, interessiert offenbar niemanden. 

Unwirtschaftliche Grosswasserkraftprojekte sollen die Energiewende herbeiführen.

Unwirtschaftliche Grosswasserkraft soll die Energiewende herbeiführen.

Während viele grüne Politiker die Photovoltaik als Schlüsseltechnologie für die Energiewende sehen, glauben viele bürgerliche, dass der Ausbau der Grosswasserkraft unumgänglich ist. Die «Strategien» der beiden energiepolitischen Lager haben eines gemeinsam: Ohne grosszügige Subventionen geht es nicht. Das mag den einen oder anderen erstaunen. Zwar wird die Photovoltaik tatsächlich immer günstiger, doch hat der Strom mit wachsender Produktion im europäischen Kontext auch immer weniger Wert am Markt. Bei den grossen Wasserkraftwerken gehen die Politiker offenbar pauschal davon aus, dass sie ein hochrentables Geschäft sind – nicht zuletzt für die Kantone als Eigner der Kraftwerke und Verbundunternehmen. Dieser Optimismus basierte einerseits auf der Annahme immer knapperer Gas- und Kohlereserven, anderseits auf der Erwartung einer anhaltend strikten europäischen Klimapolitik. Von beiden Effekten würde die Wasserkraft direkt profitieren: Höhere Gas- und Kohlepreise sowie teurere CO2-Emissionszertifikate liessen die europäischen Strompreise steigen – die Erträge der heimischen Wasserkraft ebenso.

Doch der erhoffte Preissprung im Stromgrosshandel blieb aus. Im Gegenteil: Die Terminmarkt-Notierungen sinken seit Mitte 2008 praktisch kontinuierlich. Die Gründe dafür sind vielfältig: Erstens zeichnen sich wegen der Wirtschaftskrise in Europa Kraftwerksüberkapazitäten ab. Zweitens sind die fossilen Energien alles andere als knapp – vielmehr versprechen etwa die Entwicklungen beim unkonventionellen Gas ein weltweit wachsendes, günstiges Angebot. Und drittens hat die EU-Klimapolitik in den letzten Jahren immer weniger auf die Besteuerung des CO2-Ausstosses (über die Begrenzung von CO2-Emissionszertifikaten) gesetzt, sondern hat den Fokus auf die Subventionierung erneuerbarer Energien gelegt. Und diese «überfluten» die europäischen Märkte regelrecht, was immer häufiger zu temporären Preiseinbrüchen im Grosshandel führt. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht: Angesichts der Wirtschaftskrise und des fehlenden Konsens für eine weltweit striktere Klimapolitik ist es eher unwahrscheinlich, dass die Preise für CO2-Emissionszertifikate in Europa in absehbarer Zeit besonders stark ansteigen. Durch die Einführung sogenannter Kapazitätsmechanismen zur finanziellen Förderung konventioneller (Backup-) Kraftwerke könnten die Strompreise zusätzlich unter Druck geraten. Für Investoren in neue Grosswasserkraftwerke im Inland – die nicht unbedingt von den ausländischen Kapazitätsmechanismen profitieren können – sind das keine guten Nachrichten. Neue Projekte sind daher mit enormen wirtschaftlichen Risiken verbunden.

Unwirtschaftliche Grosswasserkraftprojekte

Diesen Umstand illustriert etwa das aktuell in Bau stehende Wasserkraftwerk «Chlus» in Graubünden. Die Investitionskosten des (bereits redimensionierten) Projekts belaufen sich auf rund 350 Mio. Fr., oder umgerechnet rund 4700 € /kW (Kurs 1,22). Vorgesehen ist, dass die Anlage bei einer Leistung von 61 MW jährlich rund 214‘000 MWh produziert. Die Bauzeit beträgt voraussichtlich vier Jahre. Zur Kostenbestimmung kann man eine Betriebszeit von etwa 65 Jahren unterstellen sowie von einer durchschnittlichen Verzinsung von Fremd- und Eigenkapital von 6,09% ausgehen. Dies entspricht der im Rahmen der faktischen Tarifregulierung in der Grundversorgung vom Regulator ElCom für die Jahre 2009 und 2010 durchschnittlich unterstellten Kapitalverzinsung (Weighted Average Cost of Capital). Für die späteren Jahre hat die Elcom noch keine definitiven Werte verfügt – doch dürften sie etwas tiefer liegen. Dennoch kann der Zinssatz bei dieser groben Berechnung der Kraftwerkskosten als untere Schätzung angenommen werden, da er praktisch von einem sicheren (weil regulierten) Ertrag ausgeht – Kraftwerksprojekte im freien Markt müssten dagegen höhere Risiken berücksichtigen. Betriebskosten werden der Einfachheit halber vernachlässigt. Um in dieser – sehr vereinfachenden – Investitionsrechnung einen positiven Barwert (Net Present Value) zu erhalten, müsste man einen Ertrag pro MWh von rund 90 € erzielen. Das heisst, erst ab dieser Strompreisschwelle würde diese einfache Entscheidungsregel den Bau der Anlage nahelegen. Doch davon ist der Markt weit entfernt: 2012 lagen die durchschnittlichen Grundlastpreise am Spotmarkt für die Schweiz bei nur rund 50 € /MWh. Natürlich ist die Berechnung kein eindeutiger Hinweis auf die Unwirtschaftlichkeit solcher Projekte. Schliesslich können sich in einem derart langen Planungshorizont vielfältige Parameter verändern.

Ungeachtet der mangelnden Wirtschaftlichkeit und der bedeutenden Investitionsrisiken lancieren Schweizer Stromproduzenten immer wieder neue Grosswasserkraftprojekte. Jüngstes Beispiel ist ein unterirdisches Kraftwerk beim Rheinfall. Natur- und Heimatschutzbestimmungen sollen zu diesem Zweck gelockert werden. Dass die Kraftwerksprojekte ohne irgendwelche Formen von öffentlichen Subventionen vermutlich nicht auskommen würden, interessiert dabei scheinbar niemanden, schon gar nicht jene Politiker, die vom Ausbau der Wasserkraft schwärmen. Das aber gilt nur deshalb, weil letztlich die öffentliche Hand als Investor und Versicherer der wirtschaftlichen Risiken auftritt. Marktpreise und Investitionsrisiken scheinen da kaum relevant zu sein. Zahlen muss es indirekt der Steuerzahler über den Gewinnverzicht, Verlustdeckung bzw. die Kapitalisierung der öffentlichen Stromunternehmen – man kann es auch Subvention nennen. Vermutlich wäre es besser, wenn besonders rigorose Naturschutzbestimmungen den zunehmend abenteuerlichen Investitionen der öffentlichen Hand Einhalt gewährten. Der Markt und die (fallenden) Preise sind bisher jedenfalls nicht in der Lage, den Politikern Signale für einen notwendigen Marschhalt zu geben.