Einstellung zur Allgemeine Dienstpflicht

Die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht anstelle der heute geltenden Wehrpflicht gehört sicher zu den Vorschlägen, die Avenir Suisse in dem Buch «Ideen für die Schweiz» lanciert hat, die die Gemüter am meisten bewegen. Nicht nur die Möglichkeit, die Bürgerpflicht in Form einer zivilen Tätigkeit zu erfüllen, sondern auch die Erweiterung auf Frauen und niedergelassene Ausländer kratzt an althergebrachten Gewohnheiten. Umso überraschender sind die Ergebnisse einer Meinungsumfrage, die das Institut Demoscope kürzlich durchgeführt hat. Die telefonisch Befragten hatten die Möglichkeit, diesen Vorschlag als «sehr gute Idee», «eher gute Idee», «eher schlechte Idee» oder «sehr schlechte Idee» einzustufen. Bei allen Vorbehalten gegenüber solchen spontan geäusserten Meinungen und der kleinen Stichprobe (717 Befragte) ist es doch bemerkenswert, dass eine Mehrheit dieser Idee positiv gegenüber steht. 55% der Befragten gaben an, den Bürgerdienst für eine «sehr gute» resp. für eine «eher gute Idee» zu halten. 40% der Zustimmenden bezeichneten den Vorschlag sogar als «sehr gute Idee».

Die Einstellung gegenüber einer so weitreichenden Reform, die sowohl das Verhältnis zwischen Bürger und Staat als auch die Sicherheit betrifft, spiegelt naturgemäss die weltanschauliche Grundhaltung. Trotzdem zeigt  eine tiefer gehende Analyse der individuellen Befragungsdaten einige interessante  systematische Zusammenhänge. Zu diesem Zweck wurden die Antworten mit einem Bündel von Merkmalen der befragten Personen in Beziehung gesetzt.

Nicht erstaunlich ist, dass jüngere Frauen bis 34 Jahre die grösste Skepsis vorbringen, denn sie wären von der Dienstpflicht im Vergleich mit dem heutigen Zustand am meisten betroffen. Ablehnung und Zustimmung verlaufen aber nicht strikt entlang den Geschlechtergrenzen. Im Allgemeinen sind es nämlich die Frauen – besonders die älteren – , die der Idee aufgeschlossener gegenüberstehen. Die Männer befinden sich – unabhängig vom Alter – eher im ablehnenden Lager. Möglicherweise überwiegt bei den Männern die Sorge um die Rekrutierung der Armeebestände, während die Frauen den sozialen Dienst an der Allgemeinheit stärker gewichten. Eine abschliessende Interpretation dieses Resultates ist allein aufgrund der vorliegenden Daten allerdings nicht möglich. Eine besonders ausgeprägte Ablehnung ist bei Alleinerziehenden festzustellen. Womöglich befürchten sie eine noch stärkere zeitliche Belastung durch die Dienstpflicht. Zwei-Eltern-Familien mit Kindern bewerten den Vorschlag hingegen gleich wie Singles oder Paare ohne Kinder. Dies könnte ein Hinweis dafür sein, dass Erziehungsaufgaben und Dienstpflicht nicht von vorneherein als unvereinbar betrachtet werden.

Schwierig zu deuten ist das Ausmass der Zustimmung zum Bürgerdienst in Abhängigkeit vom Einkommen. Gemäss der ökonomischen Theorie müssten Personen mit höheren Einkommen den Vorschlag eher ablehnen, da ihnen die im Dienst verbrachte Zeit grössere individuelle Kosten aufbürdet, das entgangene Einkommen also höher ist. Gemäss den Umfrageergebnissen sind es aber die Bezüger der tieferen Einkommen, die die Dienstpflicht skeptisch beurteilen, während die höheren Einkommen (über 7‘000 Franken pro Monat) sie eher befürworten. Dieser – scheinbar paradoxe – Zusammenhang ist allerdings auch aus der Beteiligung an der Freiwilligenarbeit bekannt: Menschen, die beruflich stark eingebunden sind und daher (meistens) mehr verdienen, leisten auch mehr Freiwilligenarbeit. Es ist denkbar, dass sie sich von einem obligatorischen Dienst für alle eine Verbreiterung der Personalbasis in ihrem Betätigungsfeld (und vielleicht auch eine Entlastung) erhoffen. Möglich ist ebenso, dass die Bezüger höherer Einkommen dem Milizprinzip und der Schweizer Staatsidee einen höheren Wert beimessen. Und vorstellbar ist auch, dass sich die Einstellung zu Einsatz und Leistung eben durch alle Bereiche, Beruf und Gemeinwesen, hindurch zieht. Letztlich sind aber alle solchen Interpretationsversuche spekulativ.

Auch der Zusammenhang zwischen der Haltung zum Bürgerdienst und dem höchsten Bildungsabschluss der Befragten ist schwierig zu deuten. Es zeigt sich nämlich, dass – teilweise korrelierend mit dem Einkommen – Menschen ohne nachobligatorische Bildung und Absolventen einer Berufslehre die Idee eher ablehnen, während Akademiker überwiegend auf der zustimmenden Seite sind.

Bemerkenswert ist, dass die französischsprachige Schweiz den Bürgerdienst signifikant positiver wertet als der Rest des Landes. Dies überrascht, denn das Milizprinzip ist in der Romandie weniger verankert als in der Deutschschweiz, was sich unter anderem an der schwächeren Beteiligung an freiwilliger und gemeinnütziger Arbeit ablesen lässt. Zudem liegt auch die Zustimmung zur heutigen Wehrpflicht in der Westschweiz unter dem Durchschnitt. Man könnte dies dahingehend interpretieren, dass viele Romands sich von einem allgemeinen Bürgerdienst indirekt eine  Abschaffung oder Schwächung der Wehrpflicht erhoffen, was allerdings nicht im Sinne des Avenir-Suisse-Vorschlags wäre und auch so nicht im Buch «Ideen für die Schweiz» zu finden ist. Ähnlich könnte man die Tatsache interpretieren, dass die Dienstpflicht in den Grossstädten mehr Zuspruch erhält als in den Agglomerationen und auf dem Land. Interessant ist, dass zwischen Schweizer Bürgern und Ausländern kein signifikanter Unterschied in der Zustimmung auszumachen ist. Zwar würde von Letzteren ebenfalls eine Dienstleistung an der Gesellschaft eingefordert, sie versprechen sich aber möglicherweise eine bessere Integration und Anerkennung. Das war tatsächlich eine der Überlegungen, die zur Lancierung der Idee durch Avenir Suisse geführt hat.

Mit dem Buch «Ideen für die Schweiz -44 Chancen, die Zukunft zu gewinnen» will Avenir Suisse einen Beitrag leisten zur Sicherung des Lebensraums und Wirtschaftsstandortes Schweiz im Morgen und Übermorgen. Die Vorschläge bilden kein abgerundetes und detailliertes Reformprogramm, sondern sie sind ein Angebot für eine breite und offene Debatte über alle Lager hinweg. Die Ideen sollen diskutiert und weiterentwickelt werden und verhindern, dass die Schweiz wegen ihrer vergleichsweise guten Lage an ihrem Haus nur noch die nötigsten Reparaturen vornimmt.