Der strapazierte Mittelstand - Zwischen Ambition, Anspruch und Ernüchterung

Der strapazierte MittelstandDer Schweizer Mittelstand ist in den letzten 20 Jahren relativ zu den Rändern der Gesellschaft zurückgefallen, auch wenn es ihm materiell sehr gut geht. Die neuste Avenir-Suisse-Studie zeigt, dass die mittleren 60 Prozent der Löhne in der Einkommensverteilung weniger stark gewachsen sind als die hohen und tiefen Gehälter. Eine umfassende Analyse der staatlichen Umverteilung zeigt zudem, dass der Mittelstand sich nur noch mit Mühe nach unten abgrenzen kann, während der Aufstieg stark erschwert wird.

Das Lohngefüge hat sich in den letzten 20 Jahren verschoben. Während die höchsten und tiefsten Gehälter real zwischen 10 und 15 Prozent gestiegen sind, konnten die Löhne des unteren und des mittleren Mittelstands nicht Schritt halten – sie sind lediglich um 6 bis 8 Prozent gewachsen. Obwohl also sämtliche Löhne gewachsen sind, wurde der Mittelstand relativ zurückgesetzt. Dahinter stehen Veränderungen der Bildungsprämien, d. h. des Lohnvorsprungs gegenüber tieferen Bildungskategorien, der für die Kosten der Ausbildung entschädigt.

Die «Rendite» der Hochschulausbildung steigt

So sind die Bildungsprämien von tertiären Ausbildungen seit 1994 (Universität, Fachhochschule oder höhere Berufsbildung) gegenüber einer Berufslehre als höchstem Bildungsabschluss gestiegen, bei den Männern von 35 auf 45 Prozent, bei den Frauen von 27 auf 37 Prozent. Gleichzeitig stagnierten die Bildungsprämien von Arbeitnehmern mit einer Berufslehre als höchstem Abschluss gegenüber unqualifizierter Arbeit. Insgesamt hat die mittlere Bildungsschicht (Sekundarstufe II, meistens Berufslehre) ihren Vorsprung gegenüber tieferen Bildungsniveaus (Sekundarstufe I) nicht ausgebaut, ist im Vergleich zu höheren Bildungsschichten (Tertiärstufe) jedoch deutlich zurückgefallen. Relativ gesehen hat sich die Position in der Mitte also verschlechtert.

Diese Veränderungen wiederum sind eine Folge der Polarisierung der Job-Qualifikationen, die auch in der Schweiz sichtbar ist: Technologischer Fortschritt und Outsourcing setzen in erster Linie Jobs mit mittlerem Anforderungsprofil (qualifizierte Routinetätigkeiten, z. B. im Rechnungswesen) unter Druck. Einfache Tätigkeiten (z. B. persönliche Dienstleistungen) und anspruchsvolle, nicht repetitive Aufgaben (z. B. Forschung und Entwicklung, Beratung) lassen sich dagegen nicht automatisieren und nur schwer auslagern.

Ein weiterer Grund für die Klagen und die Verunsicherung, die in weiten Teilen des Schweizer Mittelstands zu spüren ist, ergibt sich aus der staatlichen Umverteilung. Der Staat pflügt über unkoordinierte Steuern, Tarife und Transfers die Einkommensverteilung um, wobei sich die Umverteilung für den Mittelstand insgesamt als Nullsummenspiel erweist.

Arbeiten lohnt sich nicht mehr

Während die unteren Einkommensgruppen profitieren, werden der mittlere und der obere Mittelstand belastet. Nach Abgaben und Transfers findet sich ein grosser Teil des Mittelstands in der Nähe der Grenze zur Unterschicht wieder. Gleichzeitig hebt der Staat die Mehrzahl der tiefsten Einkommen beinahe auf das Niveau des unteren Mittelstands. Alles in allem kann sich die gesellschaftliche Mitte nur noch schwer nach unten abgrenzen und der Weg nach oben wird ihr stark erschwert. Einkommensabhängige Tarife wie Subventionen für Kosten der Kinderkrippen und die Verbilligung der Krankenkassenprämien bewirken zudem in Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, implizite Progressionen von bis zu 90 Prozent des Zusatzverdienstes. Dies schafft ein schwerwiegendes Anreizproblem. Neben dem relativen Zurückfallen der Löhne dürfte dies der Hauptgrund für die verbreitete Ernüchterung im Mittelstand sein.

Der Mittelstand ist schwer zu fassen

Wer gehört zum Mittelstand? Eine Analyse der gesellschaftlichen Mitte ist methodisch schwierig, auch weil der Begriff «Mittelstand» höchst unscharf ist: Die grosse Mehrheit der Bevölkerung zählt sich selbst zum Mittelstand. Die wichtigste Bezugsgrösse bleibt das Einkommen, wobei es zwei gängige Definitionen gibt: Zum Mittelstand zählen alle Haushalte, (1) die sich in den mittleren 60% der Einkommensverteilung befinden bzw. (2) deren Einkommen zwischen 70 und 150% des Medianeinkommens (d. h. der Mitte der Verteilung) liegt. Gemäss der ersten Definition sind Einpersonenhaushalte mit einem jährlichen Bruttoeinkommen zwischen rund 45‘000 und 100‘000 Franken dem Mittelstand zuzurechnen. Für einen Paarhaushalt ohne Kinder verschieben sich diese Grenzen auf rund 67‘000 bis 150‘000 Franken. Ein Paarhaushalt mit 2 Kindern unter 14 Jahren gehört zum Mittelstand, wenn sein Bruttoeinkommen zwischen 94‘000 und 209‘000 Franken liegt.

Neben den Avenir-Suisse-Projektleitern Patrik Schellenbauer und Daniel Müller-Jentsch haben diverse Gastautoren bei dieser Publikation mitgewirkt. Das Buch enthält Gastbeiträge der Autorenteams Sandro Favre, Reto Föllmi und Josef Zweimüller (Universitäten St. Gallen und Zürich), Monika Bütler und Christian Marti (Universität St. Gallen) sowie die Sozialgeografinnen Corinna Heye und Sarah Fuchs. Weiter haben der Historiker Harold James (Princeton University) und der Politologe Dieter Freiburghaus (Universität Lausanne, em.) je ein Essay beigesteuert. Schliesslich kommen die sowohl fachlich als auch weltanschaulich unterschiedlichen Sichtweisen auf den Schweizer Mittelstand in einem Round-Table-Gespräch zwischen dem Historiker Jakob Tanner, dem CEO von Adecco Schweiz, Michael Agoras, dem Soziologen Stefan Sacchi und dem Ökonomen Boris Zürcher zum Ausdruck.

Die Publikation ist ab sofort im Buchhandel erhältlich. Eine detaillierte Zusammenfassung finden Sie hier zum Download.

Schlagwörter: Mittelstand
Dr. Patrik Schellenbauer ist stellvertretender Direktor von Avenir Suisse und betreut schwergewichtig die Themen Bildung, Arbeitsmarkt, Verteilung sowie Immobilien. Er ist ausserdem Lehrbeauftragter der ETH Zürich für Immobilien- und Stadtökonomie. Frühere berufliche Stationen waren die Zürcher Kantonalbank, wo er den Bereich Immobilienrisiken leitete sowie eine Stelle als Oberassistent an der ETH Zürich.
Dr. Daniel Müller-Jentsch ist Senior Fellow bei Avenir Suisse. Zuvor arbeitete er als Ökonom bei der Weltbank in Brüssel. Das Studium der Volkswirtschaftslehre absolvierte er an der London School of Economics und an der Yale University. Bei Avenir Suisse beschäftigt er sich schwergewichtig mit Fragen der räumlichen Entwicklung, des Standortwettbewerbs, der Zuwanderung und des Stiftungswesens.

2 Kommentare

  • Alex Schneider

    Unterschicht und Mittelstand mit Mindestlöhnen stärken

    Ein einziges Lohneinkommen pro Haushalt mit bis zu zwei Kindern sollte genügen, um eine durchschnittliche Lebenshaltung finanzieren zu können. Das war vor den 80er Jahren noch möglich. Dazu braucht es heute aber Mindestlöhne. Dann wären auch keine Krippen- und Krankenkassenzuschüsse mehr nötig.

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