Der Geruch von Sonnencrème hängt noch etwas in der Nase, doch im Kalender rücken die ersten Sitzungen näher. Die beste Zeit des Jahres neigt sich dem Ende zu. Wer über die Sommerferien weg war, hat sich in fremden Strukturen bewegt. Dabei konnte man sehen, was wir zu Hause längst nicht mehr wahrnehmen. Erstaunlich dabei: Im Ausland akzeptieren wir wie selbstverständlich ökonomische Regeln, die wir zuhause am liebsten aushebeln würden – ein Rückblick auf einen Ferientag.
10.10 Uhr, beim Frühstück. Schon zum vierten Mal steuert man Richtung Buffet. Hunger ist längst keiner mehr da, aber man hat bei der Buchung ja das Frühstück für 23 Euro dazugebucht. Aus ökonomischer Sicht ist das Überessen nur logisch: Was pauschal abgegolten ist, wird übernutzt. Genau dieses Phänomen ist auch hierzulande relevant, etwa im öffentlichen Verkehr. Das GA kostet knapp 4000 Franken. Damit ist jede Fahrt gratis, genau wie jeder Gang zum Buffet. Und auch hier ist das Resultat eine Übernutzung. Kommt hinzu: ÖV-Nutzer tragen weniger als die Hälfte ihrer Kosten selbst, den Rest berappt die Allgemeinheit. Am Buffet ärgert man sich über die halbvollen Teller, die abgeräumt werden – zu Hause heisst dasselbe Service public und wird mit Zähnen und Klauen verteidigt.
12.45 Uhr, bei der Rollervermietung. Das vorgeführte Gerät knattert, ein Spiegel fehlt, Helme gibt es keine mehr. Egal. Fünf Minuten später fährt man im flatternden T-Shirt Richtung Altstadt und fühlt sich kurz wieder wie mit siebzehn. Zu Hause wäre dasselbe Fahrzeug ein Fall für drei Ämter; für den fehlenden Spiegel würde man von der Polizei gestoppt – und haben wir nicht jüngst bei einem Apéro für eine Helmpflicht bei den Miet-E-Scootern plädiert? Ja, in den Ferien sind wir garantiert zu unvorsichtig. Aber genauso sicher ist, dass wir zu Hause zu sehr auf eine Vollkaskomentalität setzen. Jedes Restrisiko wird zum Regulierungsanlass. Die einzelne Vorschrift lässt sich meist gut begründen. Zusammengenommen potenziert sich aber die Bürde aller Vorschriften – und der Raum für Eigeninitiative und Selbstverantwortung wird enger und enger.
13.55 Uhr, auf der Schnellstrasse. Mit dem Roller geht es rasch vorwärts. Die Strasse auf der kleinen Insel ist überraschenderweise dreispurig, frisch asphaltiert und gähnend leer. Nach ein paar Kilometern fährt man an einem Kulturzentrum aus Sichtbeton mit Glasfronten vorbei. Davor ein Parkplatz, so gross wie zwei Fussballfelder, aber mit nur einer Handvoll Autos drauf. Das Gebäude trägt den Namen des letzten Präsidenten. Unwillkürlich kratzt man sich bei voller Fahrt am Kopf (dem fehlenden Helm sei Dank). Die Erklärung für diese Verschwendung ist jedoch simpel: Distanz der politischen Entscheidungsträger. In der Schweiz entscheiden über solche Projekte meist Kantone und Gemeinden – und sie müssen die Rechnung denselben Steuerzahlern präsentieren, die nachher darüber abstimmen. Dennoch ist der Föderalismus unter Druck. So heisst es allenthalben, der Bund müsse übernehmen, sonst gehe es nicht vorwärts. Mit dem Koloss aus Beton und Glas im Rückspiegel dämmert einem: Lieber etwas langsamer und mit regionalen Besonderheiten, als schnell und dafür teuer am Bedarf vorbei.
16.30 Uhr, im Hotel. Zurück im Zimmer will man die nächsten Tage organisieren – man hat sich zu Hause ja dafür entschieden, spontan zu sein. Keine gute Idee. Das Hotel mit Meersicht kostet nun 470 Franken die Nacht. Doch am gleichen Ort ist auch das Restaurant mit der preisgekrönten Fischküche, in das man unbedingt wollte. Beides zusammen liegt nicht drin. Nach einem tiefen Seufzer bucht man ein Hotel etwas weiter weg vom Meer für 180 Franken. Ein ganz normaler Vorgang – nur in der Politik nicht. Dort gilt jede Abwägung als Zumutung. Es müsse doch für Armee, Kitas und höhere Renten zusammen reichen! Geht das nicht, ist von Kaputt- oder sogar Totsparen die Rede. Doch jeder weiss, im Leben kann man nicht alles haben, das gilt selbst für die schönste Zeit des Jahres.
21.40 Uhr, an der Strandpromenade. Das Hotelbuchen hat zu lange gedauert, hungrig und leicht genervt zieht man an den vollen Restaurantterrassen vorbei. Hätte man doch reserviert. Da wird plötzlich ein Tisch in der ersten Reihe frei. Rasch hin, kein Blick auf die Bewertungen. Das Essen ist wunderbar, der Wein auch. Was folgt daraus aus ökonomischer Sicht? Nichts. Und das ist vielleicht die wichtigste Lektion. Gute Politik erkennt man daran, wo sie aufhört. Nur so wird der Freiraum bewahrt, in dem jeder sein Glück selbst finden darf – den Tisch in der ersten Reihe inklusive.
Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 9. August 2026 erschienen.
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