Aktuelle Volkswirtschaftslehre: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Stärken einer Marktwirtschaft – insbesondere im Hinblick auf die Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten?
Jürg Müller: Eine Marktwirtschaft hat zwei zentrale Stärken. Die erste ist ökonomischer Natur: Ein marktwirtschaftliches System ist ein hervorragender Koordinationsmechanismus. Es kann Wissen, Fähigkeiten und Präferenzen, die über viele Menschen, Unternehmen und Länder hinweg verteilt sind, zu einem funktionierenden Ganzen zusammenführen. Dabei spielt das Preissystem die zentrale Rolle. Preise erlauben erst, diese dezentralen Elemente abzubilden und in der Folge optimal zu koordinieren. Hinzu kommt der Wettbewerb, der Innovationen antreibt und dafür sorgt, dass Unternehmen miteinander konkurrenzieren. Schlechte oder überteuerte Angebote werden so vom Markt verdrängt.
Die zweite Stärke hängt eng mit der ersten zusammen: Weil diese Koordination ohne zentrale Steuerung auskommt, braucht sie individuelle Freiheit – und stärkt sie zugleich. Menschen können eigene Entscheidungen treffen, Unternehmen gründen, Neues ausprobieren und Verantwortung übernehmen. Nicht zufällig war Adam Smith in erster Linie Moralphilosoph: Er erkannte, dass die Organisationsform «Marktwirtschaft» nicht nur Wohlstand schafft, sondern auch die Freiheit des Einzelnen fördert.
Unter welchen Bedingungen stösst die Marktwirtschaft an Grenzen, und wann spricht man von Marktversagen?
Die Marktwirtschaft stösst an zwei Grenzen. Erstens ist sie «blind» gegenüber Verteilungsfragen: Sie kann zwar sagen, wann ein Ergebnis effizient ist, aber nicht, ob das Ergebnis moralisch erwünscht ist – das muss im gesellschaftlichen Diskurs beantwortet werden. Zweitens gibt es Situationen, in denen Märkte kein effizientes Ergebnis liefern. In diesen Fällen wird von Marktversagen gesprochen. Das kann, erstens, beim Vorhandensein von externen Effekten passieren. Dabei wirken sich ökonomische Handlungen auf unbeteiligte Dritte aus, ohne dass deren Kosten oder Nutzen im Preis korrekt gespiegelt werden. Ein Beispiel wäre Lärm oder Umweltverschmutzung. Zweitens werden öffentliche Güter am Markt nicht ausreichend bereitgestellt. Das klassische Beispiel ist die Landesverteidigung. Drittens können Informationsasymmetrien zwischen Akteuren zu einem Kollabierendes Marktes führen – so etwa im Versicherungsbereich. Viertens gibt es den Fall von Marktmacht. Bei natürlichen Monopolen kann ein einziger Anbieter effizienter produzieren als mehrere (z.B. Schienennetze), und diesem Anbieter kommt dann Markt macht zu; Marktmacht kann aber auch durch Absprachen (z. B. Kartelle) entstehen.
Viele Formen von Marktversagen betreffen Umwelt, gemeinsame Ressourcen oder externe Effekte. Welche Rolle sollten Preise und Wettbewerb bei der Lösung solcher Probleme spielen?
Sie sollten eine zentrale Rolle spielen. Ökonomen haben seit Langem Instrumente entwickelt, um externe Kosten zu internalisieren– etwa eine CO2-Steuer oder handelbare Emissionszertifikate. Solche Instrumente nutzen den Preismechanismus gezielt: Wer die Umwelt belastet, soll dafür bezahlen. Der Wettbewerb sorgt dann dafür, dass Unternehmen nach möglichst effizienten und umweltschonenden Lösungen suchen. In der Praxis greift die Politik jedoch oft zu Verboten oder Subventionen – was meist Innovations- und Wettbewerbsanreize verzerrt.
Wenn Märkte versagen, wird häufig ein staatlicher Eingriff gefordert. Welche Rolle sollte der Staat dabei übernehmen – und wo liegen die Grenzen solcher Eingriffe?
Der Staat kann bei Marktversagen die Situation verbessern. Dabei sollte er, wenn immer möglich, auf Wettbewerbskräfte setzen. Es ist aber wichtig zu wissen, dass der Staat eine Situation auch «verschlimmbessern» kann. Denn nicht nur Märkte, sondern auch der Staat kann versagen. Das kann in zwei Fällen passieren. Erstens kann der Staat ein Marktversagen postulieren und angehen, wo gar keines ist – das ist oft der Fall, wenn ein individuelles Verhalten mündiger Erwachsener in eine politisch gewünschte Richtung gelenkt werden soll. Zweitens kann er ein echtes Marktversagen falsch angehen. In diesen Fällen kommt es dann oft zu Regulierungsspiralen, da versucht wird, die kontraproduktiven Effekte ursprünglicher Regeln mit neuen Regeln abzumildern – was wiederum neue Nebeneffekte bewirken kann.
Wie sollte aus ökonomischer Sicht entschieden werden, ob ein Problem besser durch den Markt, durchstaatliche Regeln oder durch andere Institutionen gelöst wird?
Aus ökonomischer Sicht sollte man zuerst das Problem präzise diagnostizieren. Liegt ein Marktversagen vor? Wenn nein, kann das Feld den Privaten überlassen werden. Wenn ja, stellt sich die zweite Frage: Welches Instrument adressiert das Problem zielgenau und mit möglichst geringen Nebenwirkungen – also effektiv und effizient? Manchmal sind hier zivilgesellschaftliche Lösungen optimal. Manchmal braucht es klare staatliche Regeln. Entscheidend ist letztlich ein nüchterner Vergleich der Vor- und Nachteile aller möglichen Optionen.
Dieses Interview ist in der neusten Ausgabe des Buches «Aktuelle Volkswirtschaftslehre 2026/2027» von Jan-Egbert Sturm und Peter Eisenhut erschienen (Somedia Buchverlag).