Deutschland fürchtet den Verlust seiner Industrie. Ein Argument: Die Energie- und Stromkosten seien nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Regierung hat deshalb ein Programm aufgesetzt, mit dem die Stromkosten der Industriebetriebe jährlich um gut 10 Mrd. Euro reduziert werden sollen.

Die höchsten Strompreise auf dem Kontinent zahlt man jedoch nicht in Deutschland – sondern in der Schweiz. Dies zeigt unser neuer internationaler Vergleich für Grossverbraucher. Dazu zählen etwa Industrieunternehmen aus der Papier-, Glas- oder Stahlbranche, aber auch Chemiefirmen oder grosse Rechencenter. Für unsere Analyse haben wir die Daten des Bundesamts für Statistik den Daten der EU und des Vereinigten Königreiches gegenübergestellt (vgl. Box).

Der internationale Vergleich zeigt, dass Strom in der Schweiz für grosse Verbraucher teuer ist. Das war vor zehn Jahren schon so, hat sich aber seither noch verstärkt: 2015 waren die Strompreise für Industriebetriebe in Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Irland und Italien noch höher als in der Schweiz. 2025 belegt die Schweiz nun hinter dem Vereinigten Königreich den zweiten Platz und liegt vor allen 27 EU-Mitgliedstaaten. In keinem anderen Vergleichsland sind die Industriestrompreise prozentual so stark gestiegen. Sie haben sich innert zehn Jahren verdoppelt.

Am günstigsten schneiden Frankreich sowie die nordischen Staaten wie Norwegen, Schweden und Finnland ab. Sie sind auch ähnlich günstig wie die Drittstaaten China, USA oder Kanada, die 2024 auf 8 bis 9 Euro-Cents je kWh kamen. Der Schweizer Preis ist gut doppelt so hoch.

Mit einem Strompreis von über 23 Rappen pro kWh liegt das Vereinigte Königreich im europäischen Vergleich auf dem unrühmlichen Spitzenplatz. Ein Grund dafür ist die Insellage, die den Austausch mit dem europäischen Festland erschwert. Ein weiterer ist die hohe Abhängigkeit von Gas, was seit dem Krieg in der Ukraine teurer geworden ist.

In den Resultaten spiegelt sich allerdings auch, dass diverse Länder ihre Industrie gezielt entlastet haben:

  1. Frankreich zählt traditionell zu den Ländern mit den niedrigsten Strompreisen für Grossabnehmer. In der Schweiz sind die Kosten aktuell 2,5-mal so hoch wie in Frankreich. 2015 betrug dieser Faktor erst 1,5. Das hat damit zu tun, dass die französische Regierung den Stromproduzenten EDF bis Ende 2025 dazu zwang, einen Teil des Stroms aus Kernkraftwerken zu 4,2 Euro-Cents an Grossverbraucher zu verkaufen. Etwa die Hälfte des Industriestroms untersteht diesem Preisregime. Seit diesem Jahr gilt eine neue Regulierung: Liegt der Marktpreis zum Beispiel über 7,8 Euro-Cents, wird bei Atomstrom die Hälfte der Differenz zu dieser Schwelle an alle Kunden zurückerstattet, ab 11 Euro-Cents sogar 90%.
  2. In Deutschland fällt die Verteuerung des Industriestroms über die vergangenen zehn Jahre moderat aus. Ein Grund dafür ist, dass deutsche Industriefirmen ab 2024 praktisch von der Stromsteuer von 1,54 Cent pro kWh befreit waren. Nun plant Berlin zusätzlich die Einführung eines reduzierten Industriestrompreises, der rückwirkend zum 1. Januar 2026 in Kraft treten soll. Der Staat übernimmt dabei die Differenz zwischen dem Marktpreis und dem Zielpreis von 5 Euro-Cents pro kWh, aber nur für maximal die Hälfte des Stromverbrauches. Die 5 Cents beziehen sich ausschliesslich auf den reinen Energieeinkaufspreis. Netzentgelte, Steuern und Abgaben kommen noch dazu. Im Gegenzug muss die Firma mehr Geld in Energiesparmassnahmen stecken. Darüber hinaus wurden die Netzentgelte für 2026 einmalig für alle Verbraucher gesenkt.
  3. In der EU gibt es zahlreiche weitere Mitgliedstaaten, die ihre Industrie mittels verschiedener Instrumente entlasten. Die Kommission hat letztes Jahr befristet bis 2030 erneut ihre Beihilferegeln gelockert, damit die Mitgliedstaaten ihren Unternehmen Rabatte von bis zu 50% auf die Hälfte ihres Stromverbrauches gewähren können.

Netzkosten werden zum Problem

Es gibt nun zwei Erklärungsansätze, weshalb der Strompreis in der Schweiz höher ist als in jedem anderen Land der EU. Der erste hat mit den Massnahmen der EU-Staaten zu tun:

  1. Skepsis gegenüber Subventionen: Bisher war die Schweizer Politik bei Subventionen, wie sie in zahlreichen EU-Staaten vergeben werden, zurückhaltend. Doch im vorigen Jahr musste sich die Regierung einem Auftrag des Parlaments beugen. Im März 2025 hat der Bundesrat Überbrückungshilfen für die Eisen-, Stahl- und Aluminiumproduzenten eingeführt, die bis Ende 2028 gelten. In diesem Rahmen werden die Netzkosten von Stahl Gerlafingen um 13,9 Mio. Franken reduziert. Bei Steeltec in Emmenbrücke sind sogar 25,5 Mio. Franken im Gespräch. Dies ist zwar ein Bruch mit der bisherigen Schweizer Politik, gleichzeitig ist der Mitteleinsatz im Vergleich zur in Deutschland diskutierten Summe immer noch gering. Entsprechend wird dies die Industriestrompreise kaum senken.
  2. Steigende Netzkosten: Der reine Strompreis – also ohne Netzkosten sowie Abgaben und Steuern – war 2025 im Grosshandel für die Schweiz und Deutschland ähnlich hoch. Das überrascht nicht, da die Schweiz mit ihren vielen Transitleitungen in den europäischen Markt integriert ist. Zugenommen haben in der Schweiz seit 2011 besonders die Netzkosten. Dies legen die Daten der Elektrizitätskommission nahe, die allerdings nur die Tarife für die Grundversorgung erfasst. Ein Grosskunde, der 7,5 Mio. kWh Strom über die Grundversorgung bezieht, bezahlte 2011 im Median 4,08 Rappen je kWh fürs Netz. Dieser Betrag kletterte bis 2024 um 63% auf 6,64 Rappen und sank 2025 wieder etwas auf 5,46 Rappen.

Der Rückgang von 2024 auf 2025 hat damit zu tun, dass sich die Wasserkraftreserve für den Winter verbilligt hat. Doch man sollte sich nicht in falscher Sicherheit wiegen: Die Netzkosten werden mittel- und längerfristig weiter steigen. Zum einen sollen mehrere Reservekraftwerke für den Notfall gebaut werden. Diese Kosten werden auf die Netzentgelte umgelegt. Zum anderen steigen die Netzkosten aber auch, weil immer mehr Solarenergie ins System integriert werden muss, was Netzverstärkungen erfordert.

Verursachergerechte Entgelte und Binnenmarkt

Aus diesen Beobachtungen ergeben sich drei Handlungsempfehlungen:

  1. Damit die Netzkosten nicht immer weiter steigen, braucht es korrekte Preissignale. Firmen aber auch Konsumenten sollten belohnt werden, wenn sie ihre Nachfrage in Zeiten legen, in denen das Netz nicht am Anschlag ist. Das gleiche sollte für das Angebot gelten, also beispielsweise die Einspeisung von Strom von Solaranlagen. Das würde den Bedarf an Netzausbauten reduzieren. Weil das Netz einen hohen Fixkostenanteil hat, sollten Netzentgelte aus einer Kombination von einem Leistungs- und einem Arbeitspreis bestehen. Der Leistungspreis würde sich nach der Anschlussleistung (Kilowatt) des Kunden richten. Der Arbeitspreis (je Kilowattstunde) sollte sich danach bemessen, wie stark das Netz gerade belastet wird. Der Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid gewichtet den Leistungspreis bereits deutlich stärker als früher.
  2. Das Beispiel der britischen Inseln mit ihrer begrenzten Anbindung an das europäische Stromnetz zeigt den Wert des Strom-Binnenmarktes. In Irland und Grossbritannien sind die Stromkosten entsprechend hoch. Die Schweiz will mit dem Stromabkommen den Zugang zum Strombinnenmarkt der EU absichern. Das dürfte dazu beitragen, dass die reinen Strompreise (ohne Abgaben und Netzentgelt) hierzulande auf dem Niveau der Nachbarländer bleiben dürften.
  3. Auf Subventionen für Grossverbraucher ist zu verzichten. Diese belasten nicht nur den bereits angespannten Bundeshaushalt. Vielmehr schwächen solche staatlichen Gelder auch Preissignale ab und verzögern damit Anpassungsprozesse sowie Effizienzsteigerungen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Schweizer Industrie im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich energieeffizienter ist – auch innerhalb einzelner Branchen. Wettbewerbsdruck und Marktpreise sind wichtige Treiber für einen sparsamen Energieeinsatz.

Box: Berechnungsdetails

Die hier präsentierten Daten für die Schweiz wurden durch das Bundesamt für Statistik mittels einer Umfrage unter grossen Stromverbrauchern erhoben. Wir stützen uns dabei auf die Kategorie mit einem Verbrauch von über 20 Mio. Kilowattstunden (kWh). Dies entspricht dem Konsum von mindestens 5000 Haushalten. Diese Zahlen werden mit Industriebetrieben in den EU-Ländern und dem Vereinigten Königreich verglichen, die 70 bis 150 Mio. kWh verbrauchen.

Diese Kategorie wird in der Schweiz nicht ausgewiesen. Vergleicht man die Schweizer Zahlen mit der EU-Kategorie 20 bis 70 Mio. kWh, ist neben Grossbritannien auch Irland (leicht) teurer als die Schweiz. Bildet man bei den EU-Staaten einen Durchschnitt über die drei Kategorien 20 bis 70 Mio. kWh, 70 bis 150 Mio. kWh und grösser als 150 Mio. kWh, liegt die Schweiz hinter dem Vereinigten Königreich und vor Irland.

Bei den in der Grafik ausgewiesenen 19 Rappen pro kWh im Jahr 2025 für die Schweiz ist der Netzzuschlag von 2,3 Rappen, mit dem erneuerbare Energien gefördert werden, bereits abgezogen. Stromintensive Betriebe können sich diesen Betrag zurückerstatten lassen, sofern sie sich zu Massnahmen der Energieeffizienz verpflichten. Wer dies nicht tut oder keinen Anspruch auf Rückerstattung hat, bezahlt demnach sogar 21,3 Rappen. Auch bei den Eurostat-Daten sind erstattungsfähige Steuern und Abgaben abgezogen.