Schweden war jahrzehntelang bekannt für das sogenannte «Folkhemmet», das Volksheim. Es galt als Inbegriff des skandinavischen dritten Wegs zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Der Staat sollte ein fürsorgliches Zuhause für alle bieten, und zwar mit universellen Sozialleistungen, finanziert durch umfassende Besteuerung. Doch in den 1990er Jahren schlitterte das Land in eine tiefe Krise. Seither hat es diverse tiefgreifende Reformen umgesetzt, die sehr erfolgreich waren – und als Inspiration für die Schweiz dienen können.
Da wäre zunächst die Altersvorsorge. Die Schweden haben schon vor Jahren erkannt, dass ihr System nicht mehr zeitgemäss war. Während das Rentenalter fix blieb, ist die Lebenserwartung markant gestiegen. Gleichzeitig waren Frühpensionierungen übermässig attraktiv. Zwar lag das offizielle Rentenalter bei 65 Jahren, doch in diesem Alter arbeiteten Ende der 1990er Jahre nicht einmal mehr die Hälfte der Schweden. Mit einer umfassenden Reform wurde dann das Ruder herumgerissen.
Rentenalter erhöht, Steuern gesenkt
Erstens wurde das Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt: Für die Jahrgänge 1960–1964 gilt derzeit ein Richtalter von 67 Jahren, für die Jahrgange 2015–2017 wird mit rund 71 Jahren gerechnet. Zweitens ist eine schrittweise Pensionierung mit Teilbezug der Rente möglich. Wer über das Rentenalter hinaus arbeitet, baut zusätzliche Ansprüche auf. Dieses angesparte Guthaben verteilt sich dann auf weniger verbleibende Jahre, was die Rente erhöht. Heute sind über 40 Prozent der Schweden bei Beginn des Rentenbezugs weiterhin arbeitstätig.
Die Schweizer Politik schafft es derweil weder, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln, noch es zu flexibilisieren. Und es ist nicht der einzige Bereich, wo Bern etwas lernen kann. Auch in der Fiskalpolitik lohnt sich der Blick nach Schweden. Das ist erstaunlich, galt das Land doch lange als «halbsozialistisch» mit einer Vielzahl sich kumulierender Steuern – allein bei der Einkommenssteuer lag der höchste Grenzsteuersatz zeitweise bei 85 Prozent. Doch diese Zeiten sind vorbei.
Bei den Vermögens- und Erbschaftssteuern hat Schweden sogar eine radikale Trendumkehr vollzogen. Beide Steuerarten wurden in den 2000er Jahren abgeschafft – nicht zuletzt, um die Abwanderung Vermögender zu stoppen. Der Entscheid zur Abschaffung der Erbschaftssteuer fand Unterstützung von ganz rechts bis ganz links. Das sollte all jenen in der Schweiz zu denken geben, die derzeit zusätzlich zu den kantonalen Vermögens- und Erbschaftssteuern auch noch solche auf Bundesebene fordern. In der Theorie mag das einfache Steuererträge versprechen und verlockend klingen. Die Praxis im hohen Norden zeigt jedoch, dass man sich damit ins eigene Knie schiessen kann.
Schliesslich hat Schweden auch als Startup-Ökosystem von sich reden gemacht – unter anderem mit Spotify als einer der bekanntesten europäischen Tech-Firmen. Natürlich sind unzählige Faktoren relevant, damit sich ein Startup-Ökosystem entwickelt. Ein Puzzle-Teil davon dürfte in Schweden aber eine ausgeprägte Aktienkultur sowie eine Börse spezifisch für kleinere Unternehmen darstellen: die Nasdaq First North.
Führend bei Tech-Firmen und Börsengängen
Auch die Schweiz kennt mit der SIX Sparks ein entsprechendes Segment. Doch bei der Nasdaq First North sind die Anforderungen an einen Börsengang gezielt niedriger als an der Hauptbörse – es handelt sich um eine Art «IPO light». Das erhöht zwar die Risiken für Investoren, erleichtert aber grösseren Startups den Zugang zu Kapital. Die Zahlen sprechen für sich: Seit 2014 verzeichnete allein First North in Schweden mehr als 500 neue Listings, während die gesamte Schweiz im selben Zeitraum nur auf 76 Börsengänge kam.
All diese Beispiele zeigen: Das alte Bild des behäbigen schwedischen Wohlfahrtsstaats ist überholt. Die Schweden sind längst aus dem Folkhemmet der 1990er Jahre ausgezogen – heute investieren sie stattdessen an einer «Volksbörse» in ihre Zukunft. Ganz anders in der Schweiz. Hier scheint man in die Gegenrichtung zu gehen und es sich im Volksheim gerade mehr und mehr einzurichten.
Das Fundament des hiesigen Erfolgsmodells wird dabei zunehmend vernachlässigt. Trotzdem errichtet man auf dieser bröckelnden Basis immer neue sozialpolitische Bauten – wobei viele der Bestehende bereits ziemlich windschief dastehen, etwa die Altersvorsorge. Geht es dann um die Finanzierung dieser neuen sozialpolitischen Vorhaben, ignoriert man geflissentlich die fiskalpolitischen Erfahrungen im hohen Norden. Das mag wie einst in Schweden bis zu einer grossen Krise vielleicht gut gehen. Spätestens dann aber droht auch das helvetische Volksheim zum Sanierungsfall zu werden.
Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 19. April 2026 erschienen.
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