In Europa hat nur das Vereinigte Königreich höhere Industriestrompreise als die Schweiz – so das Ergebnis unseres Vergleichs für sehr grosse Verbraucher. Diese Analyse hat für Aufsehen gesorgt – und für Nachfragen. Wie sieht es für das Gewerbe aus? Und wie für mittelgrosse industrielle Abnehmer?
Bei kleinen Firmen nicht mehr am teuersten
Wir haben deshalb die Daten für zwei weitere Verbrauchskategorien ausgewertet. Wer sich für die Methodik interessiert, findet dazu mehr in der Box am Schluss des Artikels. Zuerst widmen wir uns den kleineren, oft gewerblichen Kunden.
Der Grafik lassen sich drei Beobachtungen entnehmen:
- Bei den KMU liegt die Schweiz nicht mehr ganz an der Spitze.
Bei den kleineren Unternehmen (Grafik 1) war der Strom im Jahr 2015 europaweit – zusammen mit Italien – am teuersten. Inzwischen wurde diese unrühmliche Spitzenposition an das Vereinigte Königreich abgegeben. Die Schweiz liegt gemeinsam mit Irland aber dicht dahinter. - Bei kleineren Firmen war die Preissteigerung etwas geringer als in anderen Ländern.
Zwischen 2015 und 2025 stiegen die Strompreise für gewerbliche Verbraucher um 40% (von einem allerdings hohen Ausgangsniveau aus). Dies ist zwar ein deutlicher Anstieg, er liegt jedoch unter dem Durchschnitt der abgebildeten Vergleichsländer von 60%. - Der Abstand zu den Nachbarländern hält sich bei kleineren Kunden im Rahmen. Deutschland und vor allem Frankreich sind zwar für kleinere Stromverbraucher günstiger als die Schweiz. Jedoch ist die Differenz im Vergleich zu den Grosskunden weniger ausgeprägt. In der Schweiz zahlen die Grosskunden ganze 2,6-mal so viel wie in Frankreich, bei den kleineren Verbrauchern sind es «nur» 1,4-mal so viel. Dies legt nahe, dass die staatliche Unterstützung in Frankreich, aber auch Deutschland vor allem den grössten Verbrauchern zugutekommt und dadurch den Wettbewerb verzerrt.
Starker Preisanstieg bei mittelgrossen Kunden
Als nächstes betrachten wir die mittelgrossen Kunden, zu denen energieintensive Mittelständler bis hin zu grösseren Produktionsbetrieben mit mehreren hundert Mitarbeitenden gehören.
Die Berechnungen lassen wiederum drei Schlüsse zu:
- Vom oberen Mittelfeld an die zweitteuerste Position.
Bei den mittelgrossen Verbrauchern gehörte die Schweiz 2015 noch dem oberen Mittelfeld an, hinter Italien, Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Mittlerweile liegt die Schweiz hinter dem Vereinigten Königreich auf Platz 2 – die Entwicklung ist also wie bei den Grossverbrauchern (siehe Teil 1 der Blog-Serie). - Die Preise sind stärker gestiegen als im Schnitt der anderen Vergleichsländer.
Der Preisanstieg in der Schweiz um 80% liegt bei mittelgrossen Kunden zwischen demjenigen für kleine (40%) und demjenigen für grosse Industriekunden (100%). - Schweden und Italien mit geringem Preisanstieg.
Zwei Länder fallen durch geringe Preisanstiege auf. Erstens Schweden, das seinen Platz als günstigstes Land der Vergleichsgruppe dank seines Energiemixes aus viel Wasser-, zusammen mit Kern- und Windkraft behaupten konnte. Zweitens Italien, das 2015 in beiden Kategorien noch am teuersten war und sich nun einige Ränge verbessert hat. Polen und die Niederlande weisen dagegen die höchsten Teuerungsraten auf.
Schweizer Wettbewerbsnachteil
Auch bei den kleineren und mittelgrossen Verbrauchern des Gewerbes und der Industrie weist die Schweiz hohe Strompreise auf – jeweils ziemlich gleichauf mit Irland und hinter dem Vereinigten Königreich. Das rüttelt ein wenig am Schweizer Selbstverständnis, dass man dank der Wasserkraft besonders günstigen Strom hat.
Bei den mittelgrossen und vor allem grössten Verbrauchern hat der Abstand zu den günstigsten Ländern sogar zugenommen. Dies ist für Branchen besorgniserregend, die energieintensiv sind und im internationalen Wettbewerb stehen. Verantwortlich für diesen Effekt sind auch staatliche Entlastungsprogramme in vielen EU-Mitgliedstaaten, die vor allem den energieintensiven Industrien zugutekommen.
Die Stellschrauben für die Schweiz, um sich bei den kleinen und den mittelgrossen Nachfragern zu verbessern, sind die gleichen wie bei den Grosskunden:
- Der Zugang zum europäischen Strombinnenmarkt trägt zu einer Glättung der Strompreise bei, gerade in den Wintermonaten, in denen die Schweiz auf Importe angewiesen ist. Das Vereinigte Königreich zeigt, dass sich eine geringere Integration in höheren Preisen niederschlagen kann.
- In den vergangenen Jahren machten die Netzkosten einen wichtigen Teil des Schweizer Preisanstiegs aus, und diese dürften auch weiterhin steigen. Deshalb sind verursachergerechte Preissignale notwendig. Netzentgelte, die Anreize zur Verlagerung der Nachfrage in netzschonende Zeiten setzen, können den Investitionsbedarf dämpfen und somit den Kostendruck auf alle Verbraucherkategorien reduzieren.
- Auf Subventionen ist dagegen zu verzichten. Diese belasten nicht nur den bereits angespannten Bundeshaushalt. Vielmehr schwächen solche staatlichen Gelder auch Preissignale ab und verzögern damit Anpassungsprozesse sowie Effizienzsteigerungen.
Box: Berechnungsdetails
Für den Vergleich der kleineren (gewerblichen) Verbraucher stützen wir uns auf die Eurostat-Kategorie IB (20–499 MWh Jahresverbrauch)[CE2.1] für die EU-Länder und das Vereinigte Königreich. Für die Schweiz kombinieren wir die Kategorien Typ II und Typ III, die einen Verbrauch bis zu 375 MWh abdecken. Dies entspricht dem Jahresstromkonsum von rund 80 Haushalten. Typ-II-Firmen verbrauchen 9,9% und Typ-III-Firmen 8,5% des gesamten Stroms in der Schweiz. Entsprechend wird der Strompreis für Typ II mit 54%, der Strompreis für Typ III mit 46% gewichtet, um einen Durchschnitt über die beiden Kategorien zu bilden.
Für die mittelgrossen Kunden verwenden wir die Eurostat-Kategorie ID (2–20 GWh) sowie für die Schweiz die Kategorien Typ VI, GEK 3–10 und GEK 10–20, ebenfalls verbrauchsgewichtet zusammengefasst. Die drei Typen decken Verbräuche von 1 bis 20 GWh ab.
Ein direkter Kategorienvergleich zwischen der Schweiz und den anderen Ländern ist nicht möglich, da die Schweiz andere Einteilungen macht. Die Schweizer Kategorien schliessen tendenziell etwas mehr kleinere Verbraucher ein als die Eurostat-Kategorien, was den Schweizer Preis leicht nach oben verzerren dürfte, da grössere Abnehmer in der Regel günstigere Konditionen erhalten.
Bei kleinen Verbrauchern kann man den Netzzuschlag zur Förderung erneuerbarer Energien (2015: 1,1 Rappen pro kWh; 2025: 2,3 Rappen pro kWh) nicht abziehen, da er für diese Kundengruppe nicht rückerstattungsfähig ist. Bei den mittleren Kunden haben wir wie bei den Grosskunden in Teil 1 der Blogserie die entsprechenden Beträge abgezogen, da sie diesen Zuschlag nicht bezahlen, sofern sie sich zu Energiesparmassnahmen verpflichten.