Es gibt zwei gute Gründe für Arbeit im Rentenalter. Erstens, weil es Spass macht und zweitens, weil es den Vorsorgewerken zu Stabilität verhilft. Nicht nur in der Schweiz sind Erwerbstätige mit grauen Haaren auf dem Vormarsch.

Immer mehr Menschen sind in vorgerücktem Alter berufstätig. Je besser ausgebildet sie sind, desto stärker sind sie in den Arbeitsmarkt integriert. Das zeigen Analysen amerikanischer Forscher und Daten von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union (EU). Die Grafik veranschaulicht die nach dem Bildungsstand gegliederte durchschnittliche Erwerbstätigenquote der 65 bis 69-Jährigen in einigen Ländern der EU sowie in Norwegen und der Schweiz. In der EU lassen sich je rund ein Drittel der Bevölkerung im Alter 65 bis 69 den drei Bildungsstufen Primar- und Sekundarstufe I, Sekundarstufe II und Tertiärstufe zuordnen (32,4%/36,5%/31,0%).

Besonders aktive Amerikaner

Der Trend zu einer mit höherer Bildung steigenden Arbeitsmarktbeteiligung war zu erwarten. Die Unterschiede zwischen Bildungsstufen und Ländern sind aber frappant, und die hohe Erwerbsbeteiligung der älteren Hochqualifizierten dürfte viele Leser überraschen. In Norwegen und der Schweiz steht jede dritte Person mit Tertiärbildung zwischen 65 und 69 Jahren noch im Erwerbsleben. Zur Tertiärstufe zählen in der Schweiz Universitäten, Fachhochschulen und die höhere Berufsbildung (höhere Fachschulen, eidgenössische Berufsprüfungen und höhere Fachprüfungen). Die Beteiligungsquote ist seit 2004 in den meisten «alten» EU-Ländern gestiegen, besonders deutlich in Deutschland (von 11,3% auf 19,8%), wo reformbedingte Anreize wirkten. Die Ausnahme bilden die krisengeschüttelten Länder Italien, Spanien, Griechenland und Portugal. In Spanien sank die Quote von 18% (2004) auf 11,5% (2013).

Von den Verhältnissen in den USA ist Europa weit entfernt. Gemäss einer Studie der Brookings Institution (zitiert in The Economist April 26 2014) sind dort 50% der Männer und über 40% der Frauen mit Bachelor- und Masterabschlüssen im Alter 62 bis 75 noch berufstätig. Die hohe Erwerbsbeteiligung in den Vereinigten Staaten allein auf die weniger grosszügige Altersvorsorge zurückzuführen, greift zu kurz. Wie in Europa ist auch die Freude an der Arbeit für die sehr gut ausgebildeten Senioren ein wichtiges Motiv für das berufliche Engagement.

Gewinn an Lebensqualität

In einer 2012 von der Europäischen Kommission durchgeführten Erhebung gaben zwischen 50% und 75% der noch berufstätigen Rentenempfänger mit Tertiärbildung Freude an der Arbeit und andere nicht-materielle Kriterien als Hauptgrund für ihre Weiterarbeit an. Somit profitieren alle: Betriebe und die Volkswirtschaft, weil Wissen und Fähigkeiten nicht auf Kommando verschwinden und der Fachkräftemangel entschärft wird, die Vorsorgeeinrichtungen, weil ihnen weiterhin Beiträge zufliessen, und die Erwerbstätigen, weil sie dank der Arbeit an Lebensqualität gewinnen.

Es wird schwierig sein, die Erwerbsbeteiligung der weniger gut Ausgebildeten auf das Niveau der Hochqualifizierten zu hieven. Erstere sind häufig noch in körperlich belastenden Berufen tätig und nehmen mit dem Rentenbezug keinen grösseren Einkommensrückschlag in Kauf. Für sie ist die Pensionierung eine verlockende Option. Dennoch ist für eine nachhaltige Finanzierung der Altersvorsorge wichtig, dass auch diese Berufstätigen ihre Lebensarbeitszeit verlängern. Hierbei kann man auf mehreren Ebenen ansetzen:

  1. Die Erhöhung beziehungsweise Flexibilisierung des Rentenalters und die Beseitigung von Anreizen für die Frühpensionierung sind die wirkungsvollsten Hebel.
  2. Voraussetzungen für die Weiterarbeit können durch Umschulungen, Weiterbildungsangebote auch für ältere Mitarbeiter (Weiterbildungsgutscheine sind bei Dienstjubiläen ein sinnvolles Geschenk) und die Möglichkeit von Teilzeitarbeit verbessert werden.
  3. Funktionswechsel vom (allenfalls physisch fordernden) Produktionsbereich zum Coaching jüngerer Kollegen und zur Beratung älterer Kunden bei flexiblen Arbeitszeiten sind für Mitarbeiter aller Bildungsstufen möglich. Funktionswechsel setzen aber voraus, dass allenfalls Lohnabstriche akzeptiert werden.
  4. Nicht zuletzt für Hochqualifizierte kommt der Schritt in die Selbstständigkeit in Frage. Sie können zum Beispiel als Berater, Betreuer und Kolumnisten tätig werden. Die wachsende Bedeutung des Dienstleistungssektors in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften unterstützt diese Tendenz. Eine unkomplizierte Gründung von Kleinunternehmen kann diesen Schritt erleichtern. Auch in diesem Bildungssegment könnte die Bereitschaft zur Weiterarbeit durch Teilzeitangebote und Funktionswechsel – zum Beispiel von Führungsverantwortung zu beratender Tätigkeit – noch gesteigert werden.

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