Das Jahr 2016 ist das Jahr, in dem erstmals mehr inländische Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind als nachgerückt. Es ist auch das Jahr, in dem fast ein Fünftel der Schweizer Unternehmen Schwierigkeiten bei der Einstellung von Fachkräften bekundete. Die Folge: Unternehmen müssen länger suchen und haben höhere Kosten.

Es herrscht ein Mangel an einheimischen Absolventen aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Dennoch: Die Erwerbsquote liegt auf hohem Niveau. Ausländische Arbeitskräfte, die seit der Einführung der Personenfreizügigkeit hierzulande einer Erwerbstätigkeit nachgehen, üben weitgehend komplementäre Tätigkeiten gegenüber den einheimischen Arbeitskräften aus. Davon profitiert die Schweiz.

Die Freizügigkeitsdividende beträgt alle 17 Jahre ein zusätzliches Jahreseinkommen. Doch die Grundlagen des Wohlstands werden im helvetischen Bewusstsein zunehmend verdrängt. Beispiel Demografie: Um der Nachfrage der Schweizer Unternehmen nach Arbeitskräften gerecht zu werden, müsste das Rentenalter rasch erhöht werden. Dies allein wird aber nicht reichen. Gleichzeitig muss die Schweiz für Arbeitsmigration offen und attraktiv bleiben. Doch linksrestaurative Kreise bekämpfen Rentenaltersanpassungen. Und rechtskonservative Kreise lancieren die Kündigungsinitiative zur Abschaffung der Personenfreizügigkeit.

Es wird argumentiert, dass «namentlich ältere Leute ihre Stelle verlieren». Dass diese mit 2.9% Arbeitslosigkeit weniger betroffen sind als jüngere (3.3%), spielt offensichtlich keine Rolle. Auch nicht die Tatsache, dass die Arbeitsmarktbeteiligung von älteren Personen in den letzten zehn Jahren von 62% auf 73% zugenommen hat. Zugleich sprechen sich Verfechter der Clubtheorie für eine Rückkehr zur Migrationsteuerung mit Kontingenten aus und streben eine Abkehr von der arbeitsmarktgesteuerten Personenfreizügigkeit an.

In der Schweizer Pharmaindustrie arbeiten besonders viele Arbeitskräfte aus der EU Bild (Fotolia): Mitarbeiterin in der Pharmaindustrie | Avenir Suisse

In der Schweizer Pharmaindustrie arbeiten besonders viele Arbeitskräfte aus der EU (Fotolia)

Sie blenden aus, dass das frühere bürokratische Migrationsregime der Schweiz den nötigen Strukturwandel behinderte. Das Nachsehen hatten wachsende Branchen und Startups. Es bleibt unbeantwortet, wie sich die Zangenangriffe von Links- und Rechtskonservativen mit der unternehmerischen Praxis vereinbaren lassen.

Es ist kein Zufall, dass die Schweizer Pharmaindustrie nach der Einführung der Personenfreizügigkeit zur mit Abstand wichtigsten Exportbranche aufstieg und zur Prosperität beiträgt. Gleichzeitig geht die Arbeitsmigration zurück, weil der Schweizer Arbeitsmarkt in Konkurrenz zur sich im Aufschwung befindenden Euro-Zone steht. Daher sähe eine Politik zur Wohlstandssicherung anders aus als die Flut an Initiativen und Forderungen zur Einschränkung des auch migrationsmässig flexiblen Arbeitsmarktes. Die grösste Herausforderung für den einheimischen Arbeitsmarkt ist nicht die Frage des Schweizer Passes des Arbeitnehmers, sondern die nach seiner Qualifikation.

Dieser Artikel erschien in der «Handelszeitung» vom 15. Februar 2018.