Das Wandern ist des Müllers Lust – und manchmal dessen Frust. Dann nämlich, wenn einen beim Aufstieg ein Senior mit schwerem Gepäck leichtfüssig und mit beschwingtem Gruss überholt. Wie macht er das bloss? Doch schon zieht man selbst an einem deutlich jüngeren Pärchen vorbei und denkt: ha, noch immer topfit. Nur um sich dann zu fragen: Ist man nun schnell oder langsam? Oben auf dem Gipfel gibt man deshalb die Route rasch in der Karten-App ein – die eigene Zeit liegt leicht unter dem Durchschnitt.

Die Psychologie des Vergleichens

Diese Episode aus den Bergen sagt viel aus über die Psychologie des Vergleichens. Wir vergleichen je nach Situation entlang dreier Motive. Der Blick nach oben sucht ein Vorbild. Der Blick nach unten sucht Bestätigung. Und der Blick auf die App sucht Orientierung. Erst wenn wir uns die jeweiligen Motive bewusst machen, können wir sie gezielt ablegen oder annehmen. Dann bringt uns ein Vergleich auch weiter. Das gilt gleichermassen beim Wandern in den Bergen wie für die Schweiz als Land.

So dominiert hierzulande in vielen Diskussionen derzeit das Motiv der Bestätigung. Dies ist besonders dann der Fall, wenn das Selbstbild unter Druck gerät: Wer gezielt jene sucht, denen es schlechter geht, hebt zuverlässig die eigene Stimmung. In der Deutschschweiz hat dieses Motiv einen Lieblingsprotagonisten – den grossen Nachbarn im Norden.

Wie oft haben wir schon über die Unzuverlässigkeit der Deutsche Bahn gelästert? Und tatsächlich, die Daten belegen das Gefühl: 2025 fuhr die SBB im Fernverkehr zu knapp 93 Prozent pünktlich, die Deutsche Bahn zu rund 60 Prozent – wobei die Schweiz erst noch strenger misst und etwa Verspätungen bereits ab drei Minuten gelten, in Deutschland erst ab sechs Minuten.

Schadenfreude bringt nicht weiter

Solche Abwärtsvergleiche mögen für Schadenfreude sorgen, doch sie bringen uns nicht weiter. Im Gegenteil, sie führen dazu, dass man eigene Unzulänglichkeiten ausblendet, etwa die verpatzte Rollmaterialbeschaffungen. So ist das Reisen in den neuen Dosto-Fernverkehrszügen der SBB zwar pünktlicher, aber unkomfortabler als im ICE der Deutschen Bahn.

Statt in Abwärtsvergleichen zu schwelgen, sollte der Vergleich also genutzt werden, um sich zu orientieren. Dafür betrachtet man mit Vorteil das Gesamtbild. Ein Beispiel ist der E-Government-Index der Uno. Dort liegt die Schweiz auf Rang 26 von 193 Ländern – vor Frankreich auf Rang 34, aber hinter dem als Eisenbahnwüste verspotteten Deutschland auf Rang 12.

Wer seinen Standort bestimmt hat, ist dann nur noch einen Schritt entfernt, aus dem Vergleich etwas zu lernen. Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung, weil so Vorbilder identifiziert werden können. Dieser Prozess ist nicht leicht. Er fordert unser Selbstbild heraus – und auf Ebene von Ländern verhindert manchmal ein fehlgeleiteter Patriotismus das Lernen von anderen.

Dabei kann die Schweiz durchaus vom Ausland lernen, etwa von Dänemark. Das skandinavische Land ist nicht nur Vorbild, wenn es um die Nachhaltigkeit der Altersvorsorge geht – so ist das Rentenalter dort seit langem an die Lebenserwartung gekoppelt. Vielmehr ist Dänemark auch Vorreiter bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Das Land steht auf dem erwähnten UN-Index für E-Government denn auch an der Spitze.

Während Bundesbern derzeit einen neuen Anlauf für das elektronische Gesundheitsdossier nimmt, nutzen die Dänen ihr digitales Gesundheitsportal seit über zwanzig Jahren. Entscheidend war die Reihenfolge: Zuerst etablierte das Land Standards für den Datenaustausch zwischen Spitälern, Praxen und Apotheken, darauf setzte später das Portal auf.

Die richtigen Fragen stellen

Von Dänemark lernen hiesse also: zuerst Interoperabilität, dann Anwendungen. Damit ist auch die richtige Frage gestellt. Sie lautet nicht: Was ist das dänische Modell? So setzte Dänemark auf einen zentralistischen Ansatz, ganz getreu ihrem Staatsaufbau. Die richtige Frage ist: Was war der Erfolgsfaktor? Das war die Implementierungs-Reihenfolge – erst die Einigung auf Standards, dann die Anwendungen. Ob ein Erfolgsfaktor übertragen werden kann, entscheidet sich immer im Einzelfall. Er muss in das eigene Modell passen und es besser machen.

Das gilt für Länder genauso wie für uns selbst. Am Berg hilft es wenig, sich am langsameren Pärchen hinter einem zu erfreuen. Und ebenso wenig bringt es, dem Senior mit dem schweren Rucksack verbissen nachzurennen, der sich später als ehemaliger Profi-Triathlet entpuppt. Interessanter ist die Frage, weshalb er trotz seiner Last schneller oben ist. Vielleicht lässt sich daraus etwas lernen. Nicht, um seinen Weg zu kopieren – sondern um den eigenen besten Weg zum Gipfel zu finden.

Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 6. September 2026 erschienen.

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