Über lange Zeit verstand sich die Schweiz als «Fels in der Brandung» der Weltgeschichte. Ringsum mochten Krisen toben, doch das helvetische Modell schien immun dagegen. In den vergangenen Jahren hat das Bild aber Risse bekommen.

Der Kollaps der Swissair oder der Credit Suisse erschütterte das nationale Selbstverständnis. Und im vergangenen Jahr trafen die amerikanischen Zölle dort, wo es besonders weh tut: bei der Exportindustrie. Gleichzeitig wird die Welt rauer; Machtpolitik ist zurück, Protektionismus wird salonfähig. Und während die Schweiz einmal mehr über die Beziehungen zur EU streitet, zwingt die künstliche Intelligenz Unternehmen praktisch über Nacht dazu, ihre Geschäftsmodelle neu zu denken.

Plötzlich wirkt dieses kleine, offene Land ungewohnt verwundbar. In der weltläufigen Region Basel ist die Verunsicherung besonders gross. Basel beherbergt mit der Pharmaindustrie jenen Sektor, der zuletzt massgeblich zum Wohlstand der Schweiz beigetragen hat – und der nun besonders exponiert ist gegenüber «America First» oder dem Kostendruck im Gesundheitswesen.

Die Kritik: Unsere Institutionen als Bremsklotz?

Der Druck von aussen trifft dabei auf ein Inneres, das ziemlich erstarrt wirkt. Notwendige Reformen werden blockiert oder vertagt – sei es bei der AHV, bei der beruflichen Vorsorge oder im Gesundheitswesen. Das ist nicht nur ein (sozial-)politisches Problem. Es ist ein negatives Signal an Unternehmen und qualifizierte Arbeitnehmende aus aller Welt: Wenn ein Land das
Offensichtliche nicht mehr anpackt, schwindet das Vertrauen in seine Gestaltungskraft und damit in seine Standortattraktivität.

Entsprechend schärfer wird der Ton der Kritiker. Gerade auch Wirtschaftsführende hinterfragen das «Modell Schweiz» zunehmend. Die direkte Demokratie, der Föderalismus und das Konsensprinzip: Sie wurden über Jahrzehnte als Erfolgsgaranten gefeiert. Nun er scheinen sie manchen als Bremsklötze einer Wirtschaft, die unter permanentem Anpassungsdruck steht.

Der Vorwurf lautet: Die Schweiz ruhe sich auf den Lorbeeren aus. Man fröne einer «Vollkasko-Mentalität» und konzentriere sich darauf, den Wohlstand zu verwalten, statt ihn durch Risikofreude und echte Erneuerung zu steigern.

Während die Welt Agilität verlangt, wirke die Schweiz wie ein Tanker, der für eine Kurskorrektur unendlich lange braucht. So hätte es im Zollstreit mit den USA rascher Reaktionen bedurft, doch die Regierung wirkte überrumpelt. Und obwohl die Altersvorsorge einen grossen Wurf benötigen würde, genehmigte sich der Souverän eine 13. Rente, ohne deren Finanzierung zu bedenken.

Die Diagnose vor der Therapie

Die Kritik am «Modell Schweiz» trifft einen wunden Punkt. Doch bevor wir bewährte Institutionen über Bord werfen, braucht es eine präzise Diagnose: Sind unsere einstigen Stärken in einer beschleunigten Welt tatsächlich zu Schwächen geworden? Oder haben wir in den Jahren der Hochkonjunktur schlicht vergessen, was uns erfolgreich gemacht hat? Um darauf eine Antwort zu finden, hilft der Blick auf ein Konzept, das den Kern unseres bisherigen Erfolgs beschreibt: die Antifragilität.

Was «fragil» ist, wissen wir: Wer Weingläser verschickt, markiert das Paket als zerbrechlich. Was aber ist das Gegenteil? Viele würden sagen: etwas Robustes wie ein Fels, der Belastungen ohne Schaden standhält. Doch ein Felsblock wird durch einen Sturm weder besser noch schlechter – er bleibt einfach, wie er ist.

Das wahre Gegenteil von fragil ist deshalb nicht robust, sondern antifragil. So wie das Gegenteil von Rückschritt nicht Stillstand ist, sondern Fortschritt. Wer antifragil ist, lernt und profitiert von Unsicherheit und Stress, anstatt daran zu zerbrechen. Ein perfektes Beispiel ist unser Körper: Im Fitnessstudio setzen wir die Muskeln gezieltem Stress durch Gewichte aus. Dabei entstehen feine Risse im Gewebe. Doch in der Regenerationsphase baut sich der Muskel nicht nur wieder auf, er wird stärker als zuvor.

Übertragen auf ein Land bedeutet das: Antifragilität ist die Fähigkeit, Schocks zu verarbeiten, sie lokal zu begrenzen und als Lernimpuls zu nutzen. Und genau hier wird die Schweiz spannend. Über die Zeit hat sie Institutionen entwickelt, die diese Idee fast lehrbuchhaft abbilden.

Kleine Störungen statt grosser Krisen

Viele Institutionen der Schweiz sind so konstruiert, dass sie gezielt Störungen provozieren und diese in produktive Reibung verwandeln. Die direkte Demokratie etwa wirkt wie ein permanenter Feedback-Mechanismus, der sicherstellt, dass sich Regierungen und Parlamente nicht zu weit von den Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger entfernen.

Eng damit verbunden ist die hiesige Konsenskultur. Akteurinnen und Akteure ringen miteinander um Lösungen, statt nur aneinander vorbeizureden. Dieser institutionalisierte Zwang zur Auseinandersetzung ist mühsam – erhöht aber die Qualität und vor allem die Haltbarkeit politischer Entscheide.

Natürlich hat dieser Modus Operandi seinen Preis: Ein System mit vielen Vetospielenden ist zwangsläufig langsamer. Aber diese Langsamkeit ist unsere Versicherungspolice gegen grosse Fehler. Top-down-Systeme versprechen zwar Agilität und schnelle Würfe, statt dessen leisten sie aber einer überhasteten Industriepolitik Vorschub und sind durch radikale Kurswechsel nach Machtwechseln geprägt. Die Schweizer Behäbigkeit hingegen schafft Vorhersehbarkeit, was langfristig auch der Wirtschaft nützt.

Wo die Kritiker jedoch richtig liegen: Wir beginnen, dieses fein austarierte System falsch zu bedienen. Die Kompromissbereitschaft nimmt ab, und der politische Streit verlagert sich verstärkt auf Volksinitiativen und digitale Plattformen, wo Emotionen mehr zählen als Argumente. Das macht die Suche nach der besten Lösung schwieriger.

Optionen statt grosser Pläne

Diese beste Lösung entsteht stets durch das Ausloten verschiedener Wege. Die Schweiz ist nicht deshalb erfolgreich, weil sie weiss, wohin die Welt steuert, sondern weil sie Strukturen entwickelt hat, die Optionen offen- und Fehlschläge zulassen. So probieren Kantone und Gemeinden immer wieder Neues aus, scheitern lokal oder werden kopiert, wenn etwas funktioniert.

Dieselbe Logik prägt auch unsere Wirtschaft. Die Berufsbildung ermöglicht viele Einstiege und Umstiege, der liberale Arbeitsmarkt kombiniert Flexibilität mit Sicherheit: Uns wird zugetraut, Risiken im Normalfall selbst zu tragen – im Ernstfall erhält man aber gezielt Hilfe durch die Gemeinschaft.

Das Ergebnis ist ein Mikrokosmos aus unterschiedlichsten Fertigkeiten und Branchen. Dieser vielfältige Nährboden erlaubt es der Schweiz, den Strukturwandel aus sich selbst heraus zu meistern. So entwickelte sich einst aus der Textilindustrie die Maschinen- und die Chemieindustrie. Letztere transformierte sich zum heute dominierenden Pharma-Cluster.

Das ist ein zentraler Grund dafür, weshalb die Schweiz globale Stürme bisher oft gut überstanden hat. Wenn sich die Welt verändert, muss die Schweiz als Ganzes keinen neuen «Masterplan» ausarbeiten. Vielmehr kann sie darauf vertrauen, dass sich Gemeinden und Kantone, die Unternehmen, aber auch die Bürgerinnen und Bürger an die neuen Verhältnisse anpassen – eine Flexibilität, die sich als grosser Vorteil erwiesen hat.

Doch vieles, was die Schweiz krisenfest gemacht hat, steht unter Druck. Bei jedem Problem wird reflexartig nach dem Staat gerufen – oft nach dem Bund, zunehmend auch von den Kantonen selbst. Das fördert eine schleichende Zentralisierung und macht das System fragiler. Gleichzeitig werden aus einem legitimen Bedürfnis nach Sicherheit Regulierungen entworfen,
die den Spielraum für Eigenverantwortung und Experimente stetig verkleinern.

Antifragilität lebt von ständiger Erneuerung

Im Kern bedeutet all das weniger Antifragilität. Es gibt weniger lokale Störungen, weniger Experimente, weniger Wahlmöglichkeiten. Es droht damit eine Erstarrung, und letztlich fehlen dann genau jene Impulse, die dafür sorgen, dass Krisen zu Chancen werden. Das System wird zwar scheinbar ruhiger, aber in Wahrheit fragiler.

Die Schweiz braucht deshalb keinen Systemwechsel, sondern den Mut, ihre eigenen Stärken wieder konsequent zu nutzen. Unsere Institutionen sind kein Ballast; sie sind hochmoderne Werkzeuge für eine Welt der Unordnung. Aber Werkzeuge muss man warten und richtig einsetzen. So müssen wir den Föderalismus wieder als Wettbewerb der Ideen begreifen und
den Konsens als Werkzeug für echte Reformen nutzen. Es gilt zu akzeptieren, dass eine Welt in Unordnung Stress bedeutet – und dass dieser Stress unser politisches Immunsystem stärkt, wenn wir ihm mit der Bereitschaft zum Lernen begegnen.

Ja, die Schweizer Mühlen mahlen oft langsamer als jene im Ausland. Doch diese vermeintliche Schwäche ist unser Filter gegen kurzfristigen Aktionismus. Und nein: Die Schweiz braucht deshalb keine neue, zentral gesteuerte «Wirtschaftsstrategie». Vielmehr wurde unser Land erfolgreich, weil es den Unternehmen den nötigen Freiraum sowie verlässliche und attraktive Rahmenbedingungen bot, um sich selbst immer wieder neu zu erfinden. Hier müssen wir wieder ansetzen.

Antifragilität ist kein Zustand, den man einmal er reicht und dann im Tresor der Nationalbank lagern kann. Es ist eine Fähigkeit, die wir uns täglich neu erarbeiten müssen: als Land, als Region Basel und als Bürgerinnen und Bürger. Dabei sind die eingangs erwähnten Kritikerinnen und Mahner ein unverzichtbarer Teil dieses Prozesses. Indem sie den Status quo hinterfragen und Reibung erzeugen, provozieren sie genau jene kleinen Störungen, die unser System braucht, um fit zu bleiben.

Denn wer sich nicht mehr bewegt, der wird bewegt. Und in der aktuellen globalen Gemengelage ist das selten eine Bewegung in die richtige Richtung. Die Schweiz hat alles, was es braucht, um in einer Welt der Unordnung zu bestehen. Wir müssen nur aufhören, unsere Muskeln zu vernachlässigen.

Dieser Beitrag ist in der Frühjahrsausgabe 2026 des Magazins «twice» der Handelskammer beider Basel erschienen.

Sie möchten nichts mehr verpassen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter.