Die Debatte um die Konzernverantwortung kommt wieder in die Gänge. Demnächst steht die Neuauflage des 2020 abgelehnten Volksbegehrens an. Der Bundesrat will sich in den nächsten Tagen ebenfalls zum Thema äussern. Die Fronten sind bekannt: Links pocht auf moralische Verantwortung, rechts auf unternehmerische Handlungsfähigkeit. Und fast immer geht dabei unter, ob die vorgeschlagenen Massnahmen das eigentliche Ziel überhaupt erreichen.
Was ist denn das Ziel? So simpel es klingt: Dass die Welt besser wird. Dieses Ziel teilen Politiker von links bis rechts. Im Zuge der ersten Konzernverantwortungsinitiative wurde denn auch ein indirekter Gegenvorschlag umgesetzt. So hat die Schweiz eine Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung eingeführt. Seit 2023 müssen Unternehmen etwa offenlegen, wie sie die Risiken für Umwelt und Menschenrechte begrenzen wollen.
Sogar Habeck kritisiert die Auswüchse der Regulierung
Ob diese Regulierung ihr Ziel erreicht hat, wissen wir aber nicht. Eine systematische Evaluation des Nutzens fehlt bis heute. Zu den Kosten gibt es hingegen Schätzungen: Sie belaufen sich für Schweizer Unternehmen auf rund 130 Millionen Franken pro Jahr. Würde man den früheren EU-Vorschlag zur Nachhaltigkeitsberichterstattung übernehmen, was der Bundesrat einst vorhatte, wären die Kosten mit geschätzten 1,7 Milliarden Franken jährlich noch deutlich höher.
So weit dürfte es nun kaum kommen, denn der Referenzpunkt im Ausland hat sich verschoben. In der EU ist die Euphorie für eine immer detailliertere Regulierung spürbar abgeflaut, und die Nachhaltigkeitsberichterstattung wurde entschlackt. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begründete dies mit zu vielen Berichtspflichten, die zu komplex und aufwändig seien.
Diese Berichterstattungspflicht ist nur eine von vielen Regulierungen im Nachhaltigkeitsbereich. Auch bei anderen Regulierungsansätzen werden Effektivität und Effizienz in der EU mittlerweile kritisch gesehen, so etwa beim Lieferkettengesetz. Dieses verpflichtet Unternehmen, menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken bei globalen Zulieferern zu identifizieren, Sorgfaltspflichten zu erfüllen und darüber zu berichten. Selbst Robert Habeck, der ehemalige grüne Vizekanzler Deutschlands, meint mittlerweile zu diesen Ansätzen, man sei «bei guter Intention völlig falsch abgebogen».
Mehr Berichtspflichten können der Transparenz schaden
Diese Aussage bringt die Kernfrage der Thematik auf den Punkt: Sollen wir Gutes tun, oder Gutes bewirken? Bereits der Soziologe Max Weber unterschied zwischen diesen beiden Formen politischen Handelns: der Gesinnungsethik, die sich an Prinzipien orientiert, und der Verantwortungsethik, die die Folgen ins Zentrum stellt. Entscheidend ist nicht einfach, ob eine Massnahme gut gemeint ist, sondern ob sie tatsächlich etwas bewirkt – oder frei nach Habeck: Es ist die richtige Abzweigung, die zählt, nicht allein die gute Intention.
Genau hier liegt das Problem der Debatte in der Schweiz. Beim Bundesrat und in der Politik ist viel Wille zu spüren. Doch bei der Wirkung bleibt vieles im Dunkeln. Man folgt bei jedem Regulierungsschritt primär einer Gesinnungsethik: Es wird etwas gemacht, weil es sich richtig anfühlt. Doch gute Politik berücksichtigt immer auch die Verantwortungsethik, sie sollte entsprechend evidenzbasiert sein und Wechselwirkungen beachten.
Dass das heute nicht der Fall ist, zeigt die Berichterstattungspflicht exemplarisch. So ist hier keineswegs garantiert, dass mehr Regulierung zu besseren Resultaten führt. Im Gegenteil: Zu viele und zu komplexe Berichtspflichten können die Transparenz sogar verschlechtern, weil sie den Blick aufs Wesentliche verstellen. Wer Hunderte von Kennzahlen erhebt, verliert leicht den Fokus auf jene, die tatsächlich aussagekräftig sind.
Die Hebel nutzen, die etwas bewirken
Auch bei anderen Regulierungen, die ihre Wirkung in fremden Ländern erzielen sollen, drohen Nebenwirkungen. So besteht die Gefahr, dass sich Schweizer Unternehmen aus gewissen Ländern zurückziehen, weil die Kosten zu hoch sind, um die Einhaltung von Standards bei Zulieferern zu garantieren. In die Bresche springen dürften insbesondere Unternehmen aus Ländern mit tieferen Standards. Die Welt würde dann nicht nur nicht besser, sondern schlechter.
Die Schweizer Nachhaltigkeitsdebatte zeigt damit einmal mehr, wie viel ausserhalb der eigenen Kontrolle liegt. Demut ist angebracht, doch das spricht keineswegs gegen ein Engagement für eine besser Welt. Vielmehr gilt es, die wenigen eigenen Hebel, die etwas bewirken, geschickt zu betätigen. Weniger Gesinnungsethik, mehr Verantwortungsethik: Man verschreibt sich nicht dem grossen Wurf – das eigene Gewissen leidet –, doch dafür wird die Welt effektiv ein klein wenig besser.
Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 22. März 2026 erschienen.
Sie möchten nichts mehr verpassen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter.