Startup-Nation Schweiz – oder warum Geld allein nicht glücklich macht

Immer wenn Startups die Schweiz verlassen, wollen Politiker mit Fördergeldern dagegenhalten. Dabei wäre die Lösung viel einfacher – und billiger.

A A
Datum:
Autor(en): Jürg Müller

Viel hört man derzeit von Startups, die der Schweiz den Rücken kehren. Proton, einst von CERN-Wissenschaftlern gegründet und auf verschlüsselte Online-Dienste spezialisiert, will weg. Und auch Auterion und Destinus aus der Drohnen- und Luftfahrttechnologie machten mit ihrem Wegzug jüngst von sich reden. Solche Geschichten sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Mit jedem Wegzug verliert die Schweiz potenziell an Wertschöpfung und Arbeitsplätze – und womöglich einen künftigen Weltmarktführer.

Doch zunächst die gute Nachricht: Laut neuen Schätzungen verlegt nur eines von zwanzig Schweizer Startups seinen Hauptsitz ins Ausland. Natürlich muss der Hauptsitz nicht zwingend mit dem Ort der Wertschöpfung übereinstimmen, oft werden auch einfach Geschäftsaktivitäten ins Ausland verlagert. Hier ist dann allerdings immer viel Dynamik drin. So sorgte etwa 2012 das ETH-Spinoff GetYourGuide für Aufregung, als es fast alle Aktivitäten nach Berlin verschob. Fünf Jahre später baute dasselbe Unternehmen jedoch seine Präsenz in Zürich schon wieder aus.

Die USA, Singapur und Israel sind deutlich besser

So dynamisch Startups Geschäftstätigkeiten verlagern, so vorhersehbar ist die Reaktion der Politik darauf: Es brauche staatliche Fördergelder für Startups in der Wachstumsphase. Doch gerade der Schweizer Risikokapitalmarkt hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt. 2025 flossen knapp drei Milliarden Franken in hiesige Jungunternehmen – gut viermal mehr als noch vor zehn Jahren. Zudem haben Start-ups hierzulande gute Chancen auf eine Anschlussfinanzierung: Rund 35 Prozent sollen den Sprung von der Anfangsfinanzierung zur ersten grösseren Kapitalrunde schaffen – der europäische Durchschnitt liegt bei 19 Prozent.

Gewiss, der Vergleich mit Europa ist mit Vorsicht zu geniessen: Gemessen an der Wirtschaftsleistung liegen die Investitionen in der Schweiz weiterhin deutlich hinter reifen Startup-Nationen wie den USA, Singapur oder Israel. Und schliesslich wollen wir zu den Besten gehören. Was also gilt es zu tun? Die unbequeme Antwort: Geld allein macht nicht glücklich. Ein Startup-Ökosystem besteht aus Netzwerken, Talenten, einer unternehmerischen Kultur. All das muss wachsen und kann nicht einfach mit Fördergeldern «gekauft» werden.

Staatliche Fonds schneiden schlechter ab als private

Die Erfahrungen mit staatlichen Förderungen sind denn auch ernüchternd: Seit zwei Jahrzehnten tritt der Staat in vielen europäischen Ländern als Risikokapitalgeber auf. Der erhoffte Innovationsschub blieb aus. Öffentliche Fonds schneiden oft schlechter ab als private und lenken Kapital in weniger ertragreiche Bereiche. Zudem zeigt der Blick auf die konkreten Abwanderungsgründe von Startups, dass es oft nicht am fehlenden Geld liegt.

Bei Proton untergräbt zum Beispiel die Verordnung über die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs das auf Datenschutz basierende Geschäftsmodell. Auterion und Destinus kämpften mit dem Kriegsmaterialgesetz, das spätestens seit dem Krieg in der Ukraine bei vielen hierzulande für Kopfschmerzen sorgt. Schliesslich bekunden viele Startups wie schon GetYourGuide vor gut zehn Jahren Mühe, Talente aus Drittstaaten einzustellen. Hier spielt besonders der bürokratische Zugang zu Hochschulabsolventen aus diesen Ländern eine Rolle.

Ob Bürokratie, Arbeitsmarkt oder Regulierungen – einmal mehr gilt: It’s the Rahmenbedingungen, stupid. Gute Startup-Politik hat wenig mit dem Verteilen von Fördergeldern, aber viel mit politischer Knochenarbeit an den Grundlagen zu tun. Was konkret könnte die Politik denn tun? Drei Massnahmen drängen sich auf.

Startups funktionieren nicht nach Stechuhr

Erstens: die Emissionsabgabe auf Eigenkapital abschaffen – sie verteuert Kapitalerhöhungen und bremst Startups genau dann, wenn sie wachsen wollen. Zweitens: Hochschulabsolventen aus Drittstaaten den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern. Diese Personen werden mit Schweizer Steuergelder ausgebildet, doch wollen sie dann in einem hiesigen Startup arbeiten, geht das nur schwer. Drittens: das Arbeitsgesetz modernisieren. Es braucht flexible Arbeitszeitmodelle, denn innovative Startups funktionieren nicht nach Stechuhr.

Die Schweizer Wirtschaft ist in vielen Bereichen Weltspitze. Das zeigen die historisch gewachsenen Schwergewichte an der Schweizer Börse, aber auch viele kleinere Weltmarktführer. Doch dieser Erfolg ist nicht gottgegeben, eine Volkswirtschaft ist nie statisch. Damit das Land auch künftig an der Spitze bleibt, müssen Startups gedeihen können. Die Politik ist gefordert – aber nicht mit der Verteilung von Fördergeldern. Das hilft vielleicht der Profilierung, doch wem der Innovationsstandort wirklich am Herzen liegt, der packt die schwierigen Themen an und räumt Hindernisse aus dem Weg.

Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 22. Februar 2026 erschienen.

Sie möchten nichts mehr verpassen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter.

Senden Sie  teilen Feedback  an die Autoren oder teilen Sie den Inhalt auf 
Autoren kontaktieren Social Media

Weitere Beiträge zu diesem Forschungspfeiler

https://www.avenir-suisse.ch/blog-startup-nation-schweiz-oder-warum-geld-allein-nicht-gluecklich-macht