Immer wieder stösst man auf Schlagzeilen wie «Väter verdienen, Mütter managen» oder «Care-Arbeit: Wer zahlt für die unbezahlbare Arbeit?». Meist ist damit die Haus- und Familienarbeit gemeint – vom Kochen und Putzen bis hin zur Kinderbetreuung. Besonders rund um den Frauenstreik ziehen das Thema und mögliche politische Antworten medial Aufmerksamkeit auf sich. Ein wiederkehrender Vorschlag lautet etwa, unbezahlte Care-Arbeit staatlich zu entlohnen, um ihre Bedeutung klarer sichtbar zu machen. Im Folgenden beantworten wir sechs zentrale Fragen zu diesem Thema, die in der Debatte immer wieder auftauchen.
1. Alle reden von Care-Arbeit. Doch was zählt dazu?
Hierzu gibt es unterschiedliche Definitionen und Verständnisse. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) fallen unter den Begriff «unbezahlte Arbeit» Hausarbeiten (Kochen, Putzen, Waschen, administrative Tätigkeiten usw.), Betreuungsarbeiten (Kinder, pflegebedürftige Erwachsene) sowie Freiwilligenarbeit (ehrenamtliche und freiwillige Tätigkeiten, Hilfeleistungen für Verwandte und Nachbarn usw.). In der Schweiz wird der Umfang dieser Tätigkeiten in der Bevölkerung seit 1997 über Umfragen erfasst. Laut dem BFS verbringen Personen in der Schweiz im Schnitt 28,7 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit.
So viel zur Statistik. Es stellt sich bei den aufgelisteten Tätigkeiten aber eine wichtige Frage: Wird der Begriff «Arbeit» hier immer so verwendet, wie er auch in der Alltagssprache genutzt wird? Wahrscheinlich nicht. Denn wenn man den Garten pflegt, mit den Kindern spielt, einen Nachmittag beim Weihnachtsguetzli-Backen verbringt oder im Fussballverein eine Junioren-Mannschaft trainiert, würde man das wohl kaum durchgehend als Arbeit einstufen. Die BFS-Kategorie der «unbezahlten Arbeit» lässt sich damit nur schwer von Freizeittätigkeiten abgrenzen, weshalb die Zahlen mit Vorsicht zu geniessen sind (vgl. auch Infobox).
2. Wie ist unbezahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen verteilt?
Im Jahr 2024 übernahmen Männer rund 40 Prozent der unbezahlten Arbeit, Frauen rund 60 Prozent. Ende der 1990er Jahre lag der Anteil der Männer noch bei einem Drittel, der der Frauen bei zwei Dritteln. Es zeigt sich also eine langsame Angleichung zwischen den Geschlechtern. Bei der Erwerbsarbeit zeigt sich derselbe Trend, allerdings mit umgekehrten Geschlechteranteilen. Lag der Stundenanteil der Frauen Ende der 1990er Jahre noch bei rund 32 Prozent, beträgt er heute etwa 40 Prozent.
3. Sollten private Haus- und Familienarbeiten mit Steuergeldern abgegolten werden?
Nein, denn das würde mehr Probleme schaffen als lösen. Neben der schwierigen Abgrenzung der Tätigkeiten müsste auch der Umfang kontrolliert werden. Und wie das geschehen soll, ist völlig unklar. Sollten wir etwa künftig Arbeitsrapporte führen und sollten die Behörden prüfen, wie viel Zeit wir tatsächlich mit Putzen oder Kochen verbringen? Selbst mit einem enormen Kontrollapparat ist das kaum machbar – und ein solcher würde schon in kleinerem Ausmass stark in die Privatsphäre eindringen.
Verzichtet man hingegen auf eine Messung und Kontrolle der verrichteten Arbeit, endet man letztlich bei einer Art bedingungslosen Grundeinkommen. Denn praktisch jede und jeder von uns verrichtet eine gewisse Zeit an unbezahlter Arbeit und könnte damit einen Anspruch beim Staat auf Vergütung anmelden.
Und das weist bereits auf den nächsten Punkt hin.
4. Wäre eine vollständige Abgeltung von unbezahlter Arbeit in der Breite finanzierbar?
Eine einfache Überschlagsrechnung zeigt: Eine staatliche Bezahlung der unbezahlten Arbeit wäre nicht finanzierbar. Die geschätzten 434 Milliarden Franken, die eine Abgeltung der rund 10 Milliarden jährlich in der Schweiz geleisteten Stunden für Haus-, Betreuungs- und Freiwilligenarbeit erfordern würden, entsprechen etwa der Hälfte des Bruttoinlandprodukts (BIP), also der gesamten marktwirtschaftlichen Wertschöpfung in der Schweiz. Da diese Tätigkeiten staatlich finanziert würden, bedingte das beinahe eine Verdreifachung der Staatsausgaben. Dafür müssten zusätzliche Steuern erhoben werden. Aber: Wenn dreimal mehr Steuern und Abgaben auf dem Lohn anfallen, das Kochen zu Hause aber plötzlich vom Staat vergütet würde, dann würden sich viele Menschen aus dem Erwerbsleben zurückziehen. Das wiederum erfordert eine noch höhere Steuer- und Abgabelast für Erwerbstätige – ein Teufelskreis drohte.

5. Wäre eine staatliche Finanzierung von unbezahlter Arbeit ein geeignetes Instrument zur Armutsbekämpfung?
Nein. Denn damit würden alle Gelder für Putzen und Kochen erhalten, unabhängig von ihrer finanziellen Situation. Das ist weder effektiv noch effizient. Der Staat sollte dort unterstützen, wo die Menschen das Leben nicht eigenständig meistern können. Die Frage sollte daher weniger lauten: «Welche Tätigkeiten wollen wir fördern?», sondern vielmehr: «Welche Haushalte brauchen Unterstützung?» Bedarfsabhängige Leistungen – wie individuelle Krankenkassenverbilligungen, Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen – erreichen gezielter diese Haushalte, sind besser finanzierbar und damit wirksamer und effizienter als eine generelle Bezahlung der unterschiedlichen Tätigkeiten.
6. Würde eine staatliche Finanzierung von unbezahlter Arbeit die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen fördern?
Eine staatliche Finanzierung der unbezahlten Arbeit dürfte die Gleichstellung kaum fördern. Das Gegenteil könnte gar der Fall sein, denn als implizite Botschaft könnte verstanden werden: «Wir bezahlen euch, ihr dürft zu Hause bleiben.» Damit könnten traditionelle Rollenbilder eher noch zementiert werden.
Aus Gleichstellungssicht zentral ist und bleibt: Frauen und Männer sollten ihre Entscheidungen möglichst selbstbestimmt, informiert und unverzerrt von staatlichen Eingriffen treffen. Dafür braucht es zweierlei:
- (Finanzielle) Bildung: Da heute beide Geschlechter über gute Ausbildung und berufliche Möglichkeiten verfügen, lassen sich die Beiträge an Haus- und Erwerbsarbeit häufig auf Augenhöhe verhandeln. Das ist der Weg hin zu mehr Gleichstellung: Denn sie kann nicht von oben verordnet werden, sondern muss im Alltag gelebt werden. Wichtig ist ausserdem finanzielle Bildung, zum Beispiel über die Folgen von Erwerbsunterbrüchen oder tiefen Pensen auf die Altersrente.
- Unverzerrte Rahmenbedingungen: Damit Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten können, müssen staatliche Rahmenbedingungen möglichst neutral ausgestaltet sein. Der Staat sollte Entscheidungen also nicht in eine bestimmte Richtung – etwa zu einem bestimmten Familienmodell – lenken. Das ist heute etwa durch das Steuersystem der Fall: Es macht besonders für Zweitverdienende Hausarbeit im Vergleich zu Erwerbsarbeit attraktiv. Der Abbau solcher Fehlanreize ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Gleichstellung.
Kurzum: Haus-, Betreuungs- und Freiwilligenarbeit ist für das Funktionieren jeder Gesellschaft unverzichtbar. Doch Massnahmen wie eine staatliche Finanzierung der unbezahlten Arbeit sind weder sinnvoll noch realistisch umzusetzen noch finanzierbar. Deshalb sollten wir auf wirksame und finanzierbare Instrumente setzen, die dort ansetzen, wo Unterstützung tatsächlich benötigt wird – und Rahmenbedingungen schaffen, die es möglichst allen Menschen ermöglichen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.
Box: Wie werden die Daten zur unbezahlten Arbeit in der Schweiz erhoben – und wie verlässlich sind sie?
Die Daten stammen aus dem Modul «Unbezahlte Arbeit» der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE).
Die Vergleichbarkeit über die Zeit ist jedoch eingeschränkt. Seit 1997 wurde das Modul mehrfach überarbeitet; 2021 erfolgte zudem der Wechsel von einer rein telefonischen zu einer Mixed-Mode-Befragung sowie die Anpassung des Fragebogens. Diese Änderungen erzeugen einen Serienbruch, der sich stark in den Resultaten zeigt: Zwischen 2020 und 2024 stiegen die ausgewiesenen Stunden unbezahlter Arbeit pro Kopf um 19%. Einzelne Tätigkeiten verzeichneten besonders markante Anstiege: Abwaschen (+56%), Einkaufen (+53%), Wäsche machen (+64%) sowie die Betreuung und Pflege von Erwachsenen (+118%).
Solch abrupte Sprünge innerhalb weniger Jahre wirken wenig plausibel, gerade in Bereichen, in denen moderne Haushaltsgeräte eigentlich zu Zeitersparnissen führen sollten. Die Zahlen liefern deshalb zwar wertvolle Hinweise, sollten aber mit Vorsicht interpretiert werden.