Führt uns die Künstliche Intelligenz (KI) in die grosse Arbeitslosigkeit? Für gewisse Tech-Apologeten aus dem Silicon Valley ist die Antwort klar. «Es wird der Punkt kommen, an dem kein Job mehr nötig ist», prophezeite Elon Musk 2023. Bill Gates legte zwei Jahre später nach: KI werde Ärzte und Lehrer binnen zehn Jahren ersetzen und den Menschen vielerorts «überflüssig» machen. Es ist eine These, die nicht neu ist.
Das deutsche Magazin «Der Spiegel» hatte etwa die Geschichte von der technologischen Automatisierung, die uns aus dem Arbeitsmarkt drängt, immer wieder auf der Titelseite: seit den 1960er Jahren mindestens vier Mal, zuletzt vor rund vier Monaten mit dem Thema KI. Natürlich werden wie bei jedem Technologieschritt gewisse Jobs verschwinden. Doch die Arbeit dürfte uns nicht ausgehen, wie folgende Lektionen aus der Geschichte nahelegen.
1. Neue Technologie erledigt einzelne Arbeitsschritte, aber nicht alle
Technologien automatisieren gewisse Aufgaben, doch selten ersetzen sie den Menschen komplett. Ökonomen sprechen von Komplementarität. Das dürfte auch bei KI so sein. Durch KI-Lerntools werden zum Beispiel Lehrer nicht einfach arbeitslos. Vielmehr gewinnen sie Zeit für das, was schwer automatisierbar bleibt: Mentoring, Motivation oder auch die soziale Integration in der Gruppe.
Gefährdet sind deshalb primär Berufe, deren Kern aus einer einzigen Aufgabe besteht, die wegen einer neuen Technologie wegfällt. Früher waren das etwa die Kohlenschaufler bei der Eisenbahn, morgen sind es mit dem automatisierten Fahren potenziell die Taxifahrer. Doch auch für diese Personen dürfte es wieder Arbeit geben, wie die nächste Lektion nahelegt.
2. Neue Technologie erfüllt bestehende Wünsche effizienter, aber neue entstehen
Bisher waren die Bedürfnisse der Menschen unersättlich. Sobald man dank Technologie ein Produkt besser oder schneller herstellen konnte, stellten sich zwei Effekte ein. Erstens wird das Produkt günstiger und damit meist stärker nachgefragt. In der Folge steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften, die komplementäre Aufgaben erledigen.
Zweitens entwickeln Menschen mit der freiwerdenden Zeit und dem zusätzlichen Einkommen neue Bedürfnisse. So hätte sich im 18. Jahrhundert wohl kaum jemand vorstellen können, dass Menschen im Winter dereinst für ihr Vergnügen Bretter unter die Füsse schnallen und sich an Stahlseilen die Berge hochziehen lassen.
Neue Technologien haben aus einer gesamtwirtschaftlichen Sicht denn auch nie Arbeit vernichtet, sondern sie stets in neue Tätigkeiten verschoben. Es überrascht nicht, dass sechs von zehn Berufen, die wir heute ausüben, im Jahr 1940 noch gar nicht existierten.
3. Neue Technologie überfordert viele zuerst, aber die Anpassung gelingt
Vieles spricht dafür, dass auch die KI-Revolution nicht das Ende der Arbeit bedeutet. Dennoch ist die Angst davor real. Sie sollte nicht bloss als Fortschrittsskepsis abgetan werden. So ist Arbeit – glücklicherweise – für viele sinnstiftend; im Idealfall ist der Beruf auch Berufung. Wenn sich Berufe verändern oder verschwinden, löst sich immer auch ein soziales Gefüge auf, bevor es sich neu zusammensetzt. Aus der Vogelperspektive mag diese Transformation für die Gesellschaft noch so vorteilhaft sein, für das Individuum ist sie meist eine Belastung.
Diese Überforderung war bei den bisherigen Technologieschüben jedoch stets bewältigbar. Gerade die Schweiz hat es mit ihren Institutionen jeweils gut geschafft, gesellschaftliche Spannungen abzufedern, ohne den Fortschritt abzuklemmen. Während Firmen dank des liberalen Arbeitsmarkts auf Technologien rasch reagieren konnten, wurden soziale Härten durch das funktionierende soziale Sicherheitsnetz abgefedert.
Diese Ausgangslage dürfte auch bei KI helfen. Doch die Herausforderung scheint grösser als auch schon. Der Grund dafür liegt in der Geschwindigkeit und der umfassenden Betroffenheit. KI unterstützt bei offenen, kognitiven Aufgaben und trifft damit viele Branchen gleichzeitig. Zudem verbreitet sich die Technologie rasant, da unser Alltag bereits hochgradig digitalisiert ist. So brauchte ChatGPT gerade einmal zwei Monate, um auf 100 Millionen Nutzer zu kommen – das Mobiltelefon als physisches Gerät benötigte dafür noch über 16 Jahre.
Die Lehren aus der Wirtschaftsgeschichte könnten hier also an eine Grenze stossen. Auch wenn sich Musk und Gates wohl irren dürften, was das Ende der Arbeit anbelangt. Sie könnten recht behalten, was die Wucht und Schnelligkeit des Umbruchs betrifft. Die gesellschaftliche Anpassung dürfte damit schwieriger werden – bei der dritten Lektion aus der Geschichte ist Vorsicht angebracht.
Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 25. Januar 2026 erschienen.