Haben Sie sich am Strand über die Nachrichten aus Washington aufgeregt? Das ist verständlich, aber wenig hilfreich. Statt sich zu ärgern, sollten Sie die letzten Ferientage besser nutzen. Zum Beispiel, um die Politik Ihres Gastlandes zu studieren. Das gilt besonders für zwei beliebte Reiseländer: Spanien und Italien.
Die beiden Destinationen wurden vom «Economist» kürzlich zu den fünf erfolgreichsten OECD-Ländern gekürt. Überraschend? Durchaus, aber auch eine Inspiration für die Heimat: Denn wenn selbst Südeuropa zeigt, wie Modernisierung geht, dann kann auch die Schweiz ihren Pioniergeist wiederbeleben.
Mehr als Burrata und Bürokratie
So sehr Italien für seine Küche beliebt ist, so oft gilt es politisch als Negativbeispiel. Korruption, Bürokratie und die Mafia prägen das Bild. Dabei hat sich das Land in einigen Bereichen durchaus verbessert. Etwa bei der Kriminalität. Die Mordrate war Anfang der 1990er Jahren noch fast doppelt so hoch wie in der Schweiz. Nun liegt sie gleichauf bei 0,6 vorsätzlichen Tötungen pro hunderttausend Einwohner – und Italien hat in dieser Statistik Deutschland längst überholt.
Natürlich: eine einzelne Statistik macht noch kein prosperierendes Land. Italien kämpft weiter mit strukturellen Problemen und hoher Jugendarbeitslosigkeit. Doch selbst wirtschaftspolitisch gibt es Fortschritte, beispielsweise bei der Altersvorsorge. So hat Italien 2011 die sogenannte «Fornero-Reform» verabschiedet: Das Rentenalter wurde auf 67 Jahre erhöht und dessen Kopplung an die Lebenserwartung verschärft. Unser südlicher Nachbar hat damit die Altersvorsorge auf ein nachhaltigeres Fundament gestellt.
In der Schweiz hingegen weist die Altersvorsorge laut UBS eine Nachhaltigkeitslücke von 177 Prozent des BIP auf. Diese Unterfinanzierung ist im internationalen Vergleich hoch und relativiert die sonst niedrige Staatsverschuldung. Doch statt nachhaltiger Reformen gab es hierzulande die 13. AHV-Rente – bei ausgewählten Themen können wir von Italien nicht nur in der Küche, sondern auch im Bundeshaus lernen.
Schnell unterwegs dank Wettbewerb
Auch Spanien hat jüngst an Fahrt aufgenommen – wortwörtlich. Wer seine Sommerferien dort verbracht hat, ist vielleicht mit dem Zug von Barcelona nach Madrid gefahren. Mit dem Auto dauert diese 620 Kilometer lange Strecke über sechs Stunden, mit den neuen Hochgeschwindigkeitszügen hingegen nur zweieinhalb. Dabei reist man erst noch pünktlich, komfortabel und bezahlbar.
Dahinter steckt nicht zuletzt die Dynamik des Wettbewerbs. Die Liberalisierung führte dazu, dass sich heute in Spanien drei Bahnanbieter konkurrenzieren: der spanische Staatskonzern Renfe sowie Ouigo und Iryo. Die Folge: Auf den liberalisierten Hochgeschwindigkeitsstrecken kamen die Preise ins Rutschen, das Angebot stieg und die Bahnen zählten zehn Millionen zusätzliche Fahrgäste in nur zweieinhalb Jahren.
Und in der Schweiz? Hierzulande ist man seit jeher stolz auf die SBB. Doch auch bei der «heiligen Kuh» des öffentlichen Verkehrs ist nicht einfach alles rosig. Das positive Image der SBB wurde in der jüngeren Vergangenheit durchgerüttelt: Der neue FV-Dosto-Zug wird im Volksmund mittlerweile «Schüttelzug» genannt, und die Fehlbeschaffung hat auch zu Negativberichten von ausländischen Zug-Influencern geführt.
Politische Konsequenzen blieben bisher aus, zum Nachteil der Reisenden. Alternativen zum Monopolisten gibt es bis heute nicht. Trotz unbequemeren Zügen kommt es daher, wie es ohne Wettbewerb kommen muss: Während die Preise in Spanien unter Druck gekommen sind, ist hierzulande das Gegenteil der Fall. Inflationsbereinigt haben sich Tickets für Bahnfahrten zwischen zwei Schweizer Städten in rund zehn Jahren merklich verteuert.
Die Modernisierung des Landes anpacken
Selbstverständlich stehen Spanien und Italien weiterhin vor grossen Herausforderungen. Aber sie zeigen: Verbesserungen sind auch in schwierigen Dossiers möglich. Davon kann sich die Schweiz etwas abschauen. Vieles funktioniert hier seit jeher gut. Doch gerade deshalb, so scheint es, werden überfällige Reformen auf die lange Bank geschoben – und das gilt mitnichten nur im Bereich des Wettbewerbs oder der Altersvorsorge.
Wenn uns der Schüttelzug auf der Ferienrückfahrt also «wachrüttelt», ist das vielleicht gar nicht so schlecht. Im Idealfall erinnert uns die SBB-Fehlbeschaffung bei jeder Fahrt daran, dass auch die Schweiz sich bewegen muss. Das erkennt man mit etwas Distanz klarer. Statt sich also am Ferienende über Trump zu ärgern, sollten wir lieber den frischen Blick und den Elan aus den besuchten Destinationen mitnehmen – und damit unser Land noch ein Stückchen besser machen.
Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 10. August 2025 erschienen.