Nur wenige Ökonomen haben Sätze hinterlassen, die Jahrzehnte überdauert haben. Einer davon stammt von Robert Solow. Der US-Nobelpreisträger meinte Ende der 1980er Jahre: «Man sieht das Computerzeitalter überall, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.» Es ist ein Satz, der hängen bleibt – und der einem in der allgemeinen Aufregung um die künstliche Intelligenz (KI) oft in den Sinn kommt.
Derzeit debattieren zwar die meisten darüber, ob KI dereinst die Menschheit ausrottet – oder ob ein Teil der Aufregung nicht zuletzt den Börsenkursen der beteiligten Firmen nützt. Doch ein anderer Aspekt verdient ebenfalls Aufmerksamkeit, gerade weil er uns im Alltag betrifft: Steigert KI bereits heute die Produktivität, also die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde? Oder sieht man das neue Zeitalter vorerst eher auf den Titelseiten als in den Statistiken?
Schneller ist nicht zwingend produktiver
Auf den ersten Blick würden wohl viele sagen, der Fall sei klar. Wie oft schon hat KI eine nervige Arbeit übernommen, sei es einen Foliensatz erstellt, eine E-Mail verfasst oder Informationen zusammengetragen. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass sich einzelne Aufgaben mit KI deutlich schneller erledigen lassen. Doch die entscheidende Frage lautet: Werden dadurch auch Unternehmen als Ganzes und letztlich die gesamte Wirtschaft produktiver? Hier ist die Situation nicht so eindeutig.
Das Forschungsfeld ist jung, vieles basiert noch auf Umfragen und Fallstudien. Doch erste Untersuchungen auf Firmenebene zeigen, dass die wahrgenommenen Produktivitätssteigerungen grösser sein können als die bisher tatsächlich gemessenen. Und eine Analyse von Forschenden der US-Notenbank Fed zeigte diesen Sommer auf volkswirtschaftlicher Ebene, dass zwar die Investitionen in KI deutlich sichtbar sind, breite Produktivitätssteigerungen aber noch weniger.
Was könnte erklären, dass der Produktivitätsschub wie einst bei den Computern auf sich warten lässt? Eine mögliche Antwort findet, wer sich den heutigen Büroalltag genauer anschaut. Hier gibt es an verschiedene Hinweise, dass das effizientere Erfüllen einer einzelnen Aufgabe noch nicht das System als Ganzes produktiver macht.
Implementierung ist eine kulturelle Aufgabe
So sind neue Präsentationen und Berichte mittlerweile in Minuten erstellt. Doch diese müssen dann von jemandem gelesen, beurteilt und je nachdem verbessert werden. Was beim Ersteller Zeit einspart, löst beim Empfänger neue Arbeit aus. Nutzt dieser wiederum KI für die Beurteilung, kann sich das von Abteilung zu Abteilung weiterziehen. Das Resultat ist dann oft eine hektische Betriebsamkeit allenthalben, aber keineswegs eine Steigerung der Produktivität der Organisation.
Eine einzelne Aufgabe effizient zu erledigen, macht also nicht automatisch das System produktiver. Das kann erklären, weshalb man zwar überall den Einsatz von KI sieht, aber bei der Produktivität der gesamten Wirtschaft die Technologie deutlich weniger sichtbar ist – Robert Solow lässt grüssen. Das mag ein ernüchternder Befund sein. Doch wie bei den Computern dürfte ein Produktivitätsschub letztlich schon kommen. Nur: wie könnte man ihn schon heute etwas beschleunigen?
Vorderhand gilt es sich immer wieder vor Augen zu führen, dass emsige Geschäftigkeit noch lange kein Zeichen von Produktivität ist – ja, sie kann sogar auf das Gegenteil hindeuten. Es gilt daher den Fokus weg von einzelnen Aufgaben, hin zu den Arbeitsinhalten und Strukturen zu verschieben. Historisch gewachsene Prozesse müssen hinterfragt und allenfalls von Grund auf neu konzipiert werden. Die Implementierung von KI-Tools in einer Organisation ist entsprechend nicht einfach ein IT-Projekt, sondern eine strategische und vor allem auch eine kulturelle Aufgabe.
Ohne Plan steigen die Kosten
Das klingt nach einer Herausforderung auf Top-Management-Ebene – was es durchaus ist, aber eben nicht nur. Am Ende ist jede und jeder gefordert, und zwar im eigenen Alltag. KI verbilligt das Erledigen unzähliger Aufgaben radikal. Aber interessanterweise erhöht das spiegelbildlich die Kosten fehlender Prioritätensetzung. Wer planlos erledigt, verschwendet nicht nur seine Ressourcen und Rechenleistung, sondern zunehmend auch jene seines Umfelds.
Zum Schluss sei daher an den Management-Guru Peter Drucker erinnert, der bereits ein Vierteljahrhundert vor Solows Befund zur Produktivität betonte: Nichts ist so nutzlos, wie etwas mit grosser Effizienz zu erledigen, was gar nicht erledigt werden sollte. Mit dem technologischen Fortschritt hat dieser Befund an Bedeutung gewonnen. Denn wer dank KI viele falsche Dinge hocheffizient erledigt, der ist alles andere als produktiver geworden – er hat sich einfach ein enorm schnell drehendes Hamsterrad geschaffen.
Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 4. Oktober 2026 erschienen.
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