Schutz ist ein zweischneidiges Schwert. Kritische Infrastrukturen zu sichern ist eine staatliche Kernaufgabe. Geht es jedoch darum, eine Branche zu stützen oder eine Technologie zu fördern, sind die Grenzen zum Protektionismus rasch überschritten.
Der Chef des Schweizer Mail-Dienstes Proton, Andy Yen, forderte kürzlich, der Bund solle einheimische Technologieanbieter bevorzugen. Damit, so sein Argument, liessen sich Abhängigkeiten vom Ausland reduzieren und die technologische Souveränität stärken. Doch ob ein solcher digitaler Heimatschutz mehr Sicherheit schafft, ist aus drei Gründen fraglich:
Erstens entsteht Resilienz nicht durch Abschottung, sondern durch Diversifizierung. Die Schweiz ist nicht widerstandsfähig, weil sie alles selbst macht, sondern weil sie Ausfälle, Lieferengpässe oder politische Risiken durch Alternativen auffangen kann. Wer aus politischen Gründen auf wenige einheimische Anbieter setzt, schafft eine ungesunde Abhängigkeit von wenigen Firmen im Inland.
Zweitens schwächt Heimatschutz den Innovationsdruck: Unternehmen werden nicht besser, wenn man ihnen Konkurrenz vom Leib hält, sondern wenn sie sich immer wieder gegen die besten globalen Anbieter behaupten müssen. Leidtragende wären zudem die Kunden im Inland, also Firmen, aber auch die Verwaltung: Für sie besteht das Risiko, dass sie am Ende teurere oder technisch weniger ausgereifte Lösungen nutzen müssten.
Drittens schadet Protektionismus gerade einem kleinen Exportland: Die Schweiz setzt sich international seit Jahren für offene Märkte und den Abbau von protektionistischen Massnahmen ein. Benachteiligt sie ausländische Anbieter, setzt sie diese Reputation aufs Spiel und muss mit Gegenmassnahmen rechnen. Eine staatliche Präferenz für Schweizer Technologieanbieter mag kurzfristig für inländische Aufträge sorgen, gefährdet aber den Zugang zu ausländischen Märkten.
Die richtige Antwort auf eine Welt, die sich zunehmend abschottet, ist deshalb nicht die Flucht in Protektionismus – im Gegenteil. Der Staat muss stattdessen drei Dinge tun: mit weiteren Ländern Freihandelsabkommen abschliessen, um die Bezugsquellen von Technologie zu verbreitern. Neue Technologien nicht vorschnell mit Regeln einengen, bevor sie sich richtig entfalten können. Und schliesslich die Finanzierung der Grundlagenforschung stärker auf Mint- und Life-Science-Fächer ausrichten, weil daraus besonders viele Startups entstehen. Offenheit und Innovation: Das ist die Strategie, die die Schweiz in einer Welt der Unordnung resilient macht.
Diese Kolumne erschien am 1. September 2026 in leicht verkürzter Form in «Horizonte – dem Schweizer Forschungsmagazin».