Die Plakate zur 10-Millionen-Initiative werden langsam abgehängt. Nicht wenige davon waren mit wüsten Parolen beschmiert. Zwar ist die Abstimmung nun abgehakt und die Aufregung verflogen, doch ein Nachgeschmack bleibt: Sind die Fronten in der Schweiz verhärteter und der Ton rauer als früher?
Dass die Wogen bei emotionalen Themen hochgehen, ist nicht neu. Bereits vor bald 60 Jahren führten Befürworter und Gegner der «Schwarzenbach-Initiative», die den Ausländeranteil drastisch begrenzen wollte, einen harten Abstimmungskampf. Ähnlich hitzig verliefen die Debatten zur Minarett- und zur Masseneinwanderungsinitiative oder während der Covid-Pandemie. Emotionale Themen erzeugen emotionale Debatten – das allein ist noch kein Alarmzeichen.
Wer den Zustand der Demokratie beurteilen will, darf sich auch nicht von den lautesten Stimmen täuschen lassen. Denn was wir von der Debatte wahrnehmen, ist verzerrt: Der Dampf wird heute oft online abgelassen. Wer während des jüngsten Abstimmungskampfs etwa die Kommentarspalten der Online-Medien verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, der Umgangston werde immer unversöhnlicher. Aber wer dort besonders laut ist, ist keineswegs repräsentativ: Gerade einmal 5 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer sind für über 83 Prozent der «Hass-Posts» verantwortlich.
Gleichzeitig äussern sich viele Bürgerinnen und Bürger gar nicht erst öffentlich, da sie sich nicht exponieren möchten oder vom jeweiligen Thema schlicht weniger berührt sind. Kurz: Die Lauten sind weniger zahlreich und die Leisen zahlreicher, als es scheint. Wenn also Debatten gehässig geführt werden, heisst das noch nicht, dass die Gesellschaft gespalten ist.
Hinzu kommt: Die oft beschworenen Gräben werden nicht einmal tiefer. Ein Forscherteam der Universität Basel hat das Misstrauen zwischen den politischen Lagern analysiert. Der Befund: Das Ausmass, in dem politische Gegner einander als Feinde betrachten, hat in den letzten zwei Jahrzehnten kaum zugenommen. Die Messdaten sprechen also gege eine immerzu fortschreitende Spaltung. Auch die Bereitschaft zum Austausch ist nach wie vor breit vorhanden: 76 Prozent der Schweizer Bevölkerung gaben kürzlich in einer Umfrage an, den Austausch mit politisch Andersdenkenden zu schätzen.
Das ist kein Zufall, sondern auch das Resultat unserer Institutionen. Der Föderalismus sorgt dafür, dass Politik meist in der Gemeinde und im Kanton stattfindet, wo konkrete Sachfragen im Vordergrund stehen. Gestritten wird auch dort – aber im Zentrum steht oft das Ringen um Lösungen und weniger das starre Lagerdenken.
Die direkte Demokratie wiederum verhindert zwar nicht, dass einzelne Debatten emotional verlaufen. Das Thema Migration etwa kocht seit Jahrzehnten regelmässig hoch. Aber sie verhindert, dass sich der Frust dauerhaft aufstaut: Kontroversen kommen an die Urne und werden entschieden. Und weil man bei den vielen Abstimmungen mal zur Mehrheit und mal zur Minderheit gehört, verfestigen sich Lager weniger leicht. Wer heute anders abstimmt als die Nachbarin, steht morgen vielleicht auf derselben Seite wie sie. Die Konkordanz schliesslich bindet alle grossen Parteien in die Regierung ein – anders als in Zweiparteiensystemen wie den USA, wo sich zwei Blöcke unversöhnlich gegenüberstehen.
Die Schweiz streitet bisweilen laut, aber tief gespalten ist sie nicht. Damit das so bleibt, ist jede und jeder Einzelne gefordert: Begegnen wir Andersdenkenden offen und mit Respekt. Die gehässigen Parolen-Sprayer sind nämlich eine klare Minderheit. Überlassen wir ihnen nicht die Diskurshoheit, damit die Leisen nicht noch leiser werden. Die beschmierten Plakate sind bald entsorgt. Sorgen wir dafür, dass der raue Ton gleich mit verschwindet.
Dieser Beitrag ist am 23. Juni 2026 als Gastkommentar in den CH-Media-Zeitungen erschienen (z.B. «St. Galler Tagblatt», «Aargauer Zeitung»).
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