20  Minuten: Die Zahl der Staustunden ist erneut gestiegen. Wieso?

Daniel Müller-Jentsch: Die Verkündung immer neuer Rekorde bei den Staustunden ist schon ein jährliches Ritual. Seit über zwei Jahrzehnten wächst der Verkehr auf dem Nationalstrassennetz schneller als die Bevölkerung und die Wirtschaft des Landes. Gemäss Verkehrsprognosen wird dieser Trend anhalten.

Der Bericht des ASTRA zeigt auch, dass es durch die Staus neuerdings zur Verlagerung auf kantonale und städtische Strassen kommt.

Dadurch erreicht die Problematik eine neue Qualität. Auf der Autobahn leiden nur die Autofahrer unter dem Stau. Wenn der Verkehr nun in die Wohnquartiere und die Gemeinden kommt, weil die Autofahrer ausweichen, beeinträchtigt das die Lebensqualität der Einwohner.

Autobahn und Zugtrasse bei Bissone (Bild Wikimedia Commons)

Für die wachsenden Verkehrsprobleme gibt es kreativere Lösungen als Bauten aus Beton. (Wikimedia Commons)

Warum baut man die Infrastruktur nicht entsprechend aus?

Das geschieht doch; es werden alle paar Jahre vom Staat Milliardenpakete geschnürt. Aber neue Kapazitäten werden immer wieder vom Wachstum aufgebraucht. Investitionen in Beton sind extrem teuer und sie lösen das Hauptproblem nicht, nämlich die Verkehrsspitzen, die zu Staus führen.

Was wären die Alternativen?

Für die Glättung der Verkehrsspitzen bedarf es einer Kombination aus flexiblen Arbeitszeiten und variablen Tarifen, sprich Mobility Pricing. Mit höheren Preisen in den Stosszeiten liesse sich der Verkehr gleichmässiger verteilen, denn in den Randzeiten gibt es noch enorme Kapazitätsreserven im Strassennetz.

Aber Mobility Pricing scheint politisch chancenlos.

Die Staus sind der Preis, den man bezahlt, wenn man kein Mobility Pricing will. Der Problemdruck wird weiter steigen und damit auch die Akzeptanz für neue Ansätze in der Verkehrspolitik. Bisher hat man zur Lösung der Verkehrsprobleme viel zu sehr auf den Ausbau von Infrastrukturkapazitäten gesetzt. Wir müssen wegkommen von diesem Ingenieursdenken des 19. Jahrhunderts.

Welche technologischen Lösungen sind denkbar?

Selbstfahrende Autos, Elektrovelos, interaktive Ampelschaltungen, Carsharing – um nur einige Beispiele zu nennen. Ein anderer Vorschlag ist die Aufhebung des Nachtfahrverbots für künftige selbstfahrende Elektro-Lastwagen. Nachts sind die Strassen praktisch ungenutzt.

Dieses Interview mit Stefan Ehrbar erschien in gekürzter Fassung am 12.6.2018 in «20 Minuten».