Naguib Sawiris, Livia Leu Agosti und Amine Tazi-Riffi

«Arab Spring» hiess das Motto der traditionellen Herbsttagung zur Aussenpolitik für die Stifter und Förderer von Avenir Suisse. Vier hochkarätige, teils selber am Umbruch beteiligte Fachleute beurteilten die Entwicklungen und die Aussichten der Länder von Tunesien bis zum Iran. Sie zeigten sich besorgt: Die ganze Region werde noch zwei-, dreimal Herbst und Winter erleben, bevor allenfalls ein Frühling anbreche. Die Europäer müssten die Länder im Aufbruch unterstützen, sonst drohe ein Teufelskreis von ökonomischen Krisen und politischer Instabilität.

«Diese Bewegung von unten muss auch uns beschäftigen», stellte Gerhard Schwarz, Direktor von Avenir Suisse, bei der Begrüssung fest: «Empörung und Unruhe wachsen bei uns ebenfalls.» Vor allem aber führen die Volksbewegungen in den arabischen Ländern zu Verwerfungen in der Region, deren Folgen für die Globalpolitik und vor allem für Europa noch niemand absehen könne. Um die Lage und die Aussichten zu beurteilen, hatte Avenir Suisse zur Herbsttagung vier Experten eingeladen, die sich in den wichtigsten Ländern auskennen. Sie legten im geschlossenen Kreis ihre Einschätzungen offen dar und sprachen in einem Hintergrund-Panel mit McKinsey-Direktor Amine Tazi-Riffi, einem Schweizer mit marokkanischen Wurzeln: «Diese Entwicklungen», meinte der Berater, der das Geschäft im Maghreb leitet, «sind für die Schweiz viel bedeutsamer, als die meisten Schweizer annehmen.»

Islamisches Ägypten lässt sich kaum verhindern

Naguib Sawiris genoss bisher in der Schweiz eine geringere Bekanntheit als sein Bruder Samih Sawiris, der Andermatt zum Alpenresort ausbaut. In den letzten Wochen geriet er aber auch hier in die Schlagzeilen, weil er sich angeblich für das Telekom-Unternehmen Orange interessiert; dazu mochte er sich jedoch nicht äussern. Im Familien-Konzern Orascom, dem grössten Arbeitgeber und wertvollsten Privatunternehmen Ägyptens, führt der ETH-Absolvent das im Land allgegenwärtige Telekom-Geschäft. Vor allem aber kämpft Sawiris seit diesem Jahr in der Politik für Demokratie und soziale Marktwirtschaft nach deutschem Vorbild. Seine «Partei der freien Ägypter» ist mit 130’000 Mitgliedern die grösste säkulare Partei des Landes. «Ich bin der letzte Optimist, der etwas tut, um zu verhindern, dass Ägypten ein islamischer Staat wird», scherzte der koptische Christ. Aber auch er gab sich pessimistisch: Angesichts der Lethargie der Mehrheit seiner Landsleute, die der «Sofa-Partei» angehörten, also gar nicht zur Wahl gingen, lasse sich ein Wahlsieg der islamischen (aber nicht notwendigerweise islamistischen) Parteien kaum verhindern.

In Syrien droht ein Krieg der Sekten

Ribal Al-Assad

Ribal Al-Assad trägt ebenfalls einen grossen Namen: Er stammt aus der Familie des gewaltsam herrschenden syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad. Aber er betonte, dass er weder Teil des Regimes sei noch am Familienvermögen Anteil habe. Der 36-jährige musste schon 1984 mit seiner Familie ins Exil fliehen. In London gründete er die «Organisation for Democracy and Freedom in Syria». Al-Assad zeichnete ein differenziertes Bild seines Heimatlandes, das mit einer Vielzahl von Ethnien und Religionen vor allem im Spannungsfeld zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen dem Iran und Saudiarabien steht. Die Opposition müsse sich vereinen, meinte er, sonst drohe ein Krieg der Sekten.

Die Golfmonarchen können sich noch halten

Christian Koch leitete bis in diesem Jahr den Fachbereich Internationale Studien am Gulf Research Center in Dubai. Im «Arab Spring» entzog allerdings die Regierung dem Think-Tank die Lizenz, dieser arbeitet deshalb jetzt als Stiftung von Genf aus. Koch betonte, die Golfmonarchien genössen noch eine hohe Legitimität: Der Wohlstand dank dem Öl komme auch dem Volk zugute, dazu wagten die Herrscher soziale, ökonomische und teils sogar zaghafte politische Reformen und sorgten für die Bildung gerade auch der Frauen. «Noch bleibt Zeit für einen evolutionären Weg», meinte Koch, «aber sie schwindet schnell.»

Begann der Umbruch im Iran?

Livia Leu Agosti vertritt seit Anfang 2009 als Botschafterin im Iran die Interessen der Schweiz und auch jene der USA: Sie stellte deshalb den Umbruch im arabischen Raum in den Kontext der erweiterten Region. Die Diplomatin warf unter anderem die Frage auf, ob der «Arab Spring»von den Protesten nach den iranischen Wahlen im Sommer 2009 inspiriert worden sei oder eher von der Machtübernahme der Islamisten um Khomeini im Iran von 1979. Im einen Fall wäre der «Arab Spring» eher eine Bewegung in Richtung mehr Demokratie, im anderen in Richtung mehr Islamismus.

In den Referaten und im Panel zeichneten die Experten ein differenziertes Bild der Lage in den einzelnen Ländern von Marokko bis Syrien. «Kein Land wird dem Umbruch entkommen», meinte Sawiris. Aber alle Gesprächsteilnehmer stimmten überein, dass der Region eine sehr schwierige Epoche bevorstehe, die Jahrzehnte dauern könne. All jenen, denen das zu pessimistisch tönte, rief Koch in Erinnerung, dass Europa für die Entwicklung von Demokratie und Marktwirtschaft «200 Jahre Gemetzel» brauchte.