Richard W. Rahn, Senior Fellow des renommierten Cato Institute und Vorsitzender des Institute for Global Economic Growth, bewundert das politische System der Schweiz. Und genau hier setzt er auch zur Kritik an den Eidgenossen an: Statt uns um den Verkauf von Uhren, Schokolade und Käse zu sorgen, sollten wir viel mehr Energie auf den Export der Schweizer Demokratie verwenden. Dies ist der fünfte Beitrag unserer Sommerreihe «Why Switzerland?», bei der wir ausländische Wissenschafter und Think-Tanker um ihre Meinung zur Schweiz fragen.

Falsche Bescheidenheit in Bezug auf die Schweizer Demokratie | Avenir Suisse

Laut Richard W. Rahn wäre das Modell der Schweizer Demokratie für den Irak besonders gut geeignet (Bild: Wikimedia Commons)

Was denkt der Rest der Welt über die Schweiz? Je mehr man über das Land weiss, desto mehr beginnt man es zu schätzen. Es ist in vielen Belangen Weltspitze, vor allem aber in Bezug auf sein politisches System. Als kleiner Binnenstaat ohne natürliche Ressourcen hat es die Schweiz seit zwei Jahrhunderten geschafft, in keinen Krieg verwickelt zu werden, und sie hat eine stabile, religiös wie sprachlich durchmischte Demokratie entwickelt – weitgehend konfliktfrei. Zudem verfügt das das Land über einen funktionierenden Rechtsstaat mit kompetenten, unabhängigen Richtern sowie einem starken Schutz des Privateigentums.

Folgende Platzierungen erreicht die Schweiz in ländervergleichenden Indizes:

Auch bei der Bildung und dem Schülerwissen kommt die Schweiz im OECD-Vergleich auf überdurchschnittliche Werte, während die Luft- und Wasserverschmutzung viel geringer ist als andernorts. Bürgerrechte wie die Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit – ja sogar das Recht auf Waffenbesitz – sind gut geschützt. Besser geht es kaum.

Die Schweizer haben es immer vermieden, einen Personenkult um ihre politische Elite entstehen zu lassen. Die Regierungsmitglieder sind im Land selbst nicht allzu bekannt und nahezu unsichtbar für den Rest der Welt. Politische Führer, die zu viel Macht und Sichtbarkeit erhalten, erliegen nur zu oft der Arroganz und dem Glauben, allmächtig zu sein, was letztlich zu desaströsen Fehlern führt. Vielleicht liegt der Grund, weshalb die Schweiz weniger wirtschaftliche und aussenpolitische Fehler gemacht hat als andere Länder auch darin, dass sie keine mächtigen Leader hat, die schlechte Politik durchdrücken können.

Viele erachten die schweizerische direkte Demokratie als schwerfällig, doch liess ich mir von einem Freund aus der Schweiz sagen: «Es ist nicht so, dass die Schweizer klüger wären als andere, aber bis eine Idee in unserem System umgesetzt wird, hat sie sich in anderen Ländern bereits als schlecht herausgestellt.»

Die Welt ist voller Neid (bekanntlich eine der sieben Todsünden), und so wird die Schweiz oft schlechtgemacht von den Missgünstigen und den Unwissenden. Als Berater hochrangiger Mitglieder verschiedener US-Regierungen habe ich die Schweiz über die letzten Jahrzehnte oft als Modell gepriesen, das zeigt, wie es funktionieren könnte. Besonders relevant ist es für Länder mit religiösen und ethnischen Konflikten. Leider haben es zu wenige Staaten übernommen. Im Juli 2003, als intensiv über ein geeignetes politisches System für den Irak debattiert wurde, propagierte ich in einem Artikel in der Washington Times das Schweizer Modell:

«Die Schweizer erlangten Frieden und Wohlstand, indem sie den ethnischen und religiösen Gruppen die lokale Selbstverwaltung zugestanden. Dasselbe System könnte im Irak funktionieren. So haben auch die Kurden ihr Gebiet in den letzten Jahren mit Erfolg grösstenteils selbst verwaltet. Es ist unwahrscheinlich, dass sie von einem starken Zentralstaat mit Sitz in Bagdad kontrolliert werden möchten. Mit dem Schweizer Modell könnten sie die weitgehende Selbstverwaltung beibehalten. Andere Untergruppen im Irak würden das Schweizer Modell unter den gegebenen Alternativen wohl für das am wenigsten schlechte halten.»

Wenn man überlegt, was dem Irak heute widerfährt, so denke ich manchmal an die verpasste Chance, das Schweizer Modell zu adaptieren – und wie dieses zu friedlichem Zusammenleben der religiösen Gruppen und zu mehr Wohlstand für alle hätte führen können. Und dieser Gedanke bringt mich zur einzigen wirklichen Kritik an der Schweiz: Obwohl sie mit grossem Erfolg Uhren, Schokolade, Medikamente, Präzisionsmaschinen und viele andere hochwertige Produkte exportiert, hat sie es nicht geschafft, ihr politisches System in der Welt zu verbreiten – dabei wäre die Demokratie ihr wichtigstes Exportgut.

Zum Teil liegt dies an der Bescheidenheit der Schweizer, die bis zu einem bestimmten Mass eine Tugend ist. Doch das Unvermögen, das Schweizer Modell der Welt zu verkaufen – oder es zumindest zu erklären –, hat dem Land viele Probleme beschert. Nur wenige verstehen den Schweizer Finanzsektor und wissen um den Nutzen des jahrhundertealten Privatbanken-Systems. Als Konsequenz werden die Schweizer zu Unrecht in der internationalen Presse oft als gierig und böse hingestellt. Deshalb rate ich den Schweizern, ihr Modell mit mehr Hingabe, Aufwand und auch einer gewissen Aggressivität anzupreisen – nicht nur aus Eigeninteresse, sondern auch für eine friedvollere und wohlhabendere Welt.