Als Gast in der Diskussionsrunde «Theologisches Trio» der Paulus-Akademie sprach Gerhard Schwarz über Friedrich August von Hayeks «Die verhängnisvolle Anmassung».

Das Spannungsverhältnis zwischen Liberalismus und Religion war eines der zentralen Themen beim «Theologischen Trio» der Paulus-Akademie Zürich. Die freiheitliche Wirtschaftsordnung und die christlichen Religionen seien letztlich aufeinander angewiesen, sagte Gerhard Schwarz, Direktor von Avenir Suisse, der am letzten Donnerstag Gast in der Diskussionsrunde im Zentrum Karl der Grosse in Zürich war. Nur in einer freien Gesellschaft könnten Religionen ihre Werte ungehindert anbieten. Umgekehrt sei die freiheitliche Ordnung auf Werte  angewiesen, die jenseits von Angebot und Nachfrage entstünden und durch die Kirchen vermittelt und gepflegt würden. Béatrice Acklin Zimmermann von der Paulus-Akademie, die zusammen mit Ralph Kunz, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, auf dem Podium die Theologie vertrat, war damit nicht  ganz einverstanden. Beispielsweise habe sich die katholische Kirche und ihre Werte auch in unfreien Gesellschaften behaupten können. Auch dürfe man die Rolle der Kirchen nicht auf jene von blossen Wertelieferanten reduzieren.

Im Verlauf der Veranstaltung, an der die drei Teilnehmer je ein Buch ihrer Wahl vorstellten, kamen jedenfalls viele Parallelen zwischen christlichen und liberal-marktwirtschaftlichen Weltsichten zutage. Schwarz präsentierte «Die verhängnisvolle Anmassung. Die Irrtümer des Sozialismus», des wohl bekanntesten Vertreters der österreichischen Schule der Nationalökonomie, Friedrich August von Hayek. In diesem 1988 auf Englisch erschienenen letzten Werk (deutsche Fassung: 2011) entwickelt Hayek eine seiner wichtigsten Thesen, nämlich dass die gesellschaftliche Ordnung zwar durch menschliches Handeln, nicht aber durch menschlichen Entwurf entstanden sei. Errungenschaften wie Sprache, Märkte, Geld oder Privateigentum hätten sich in einer natürlichen Evolution über hunderttausende von Jahren herausgebildet. Als fatalen Irrtum bezeichnet Hayek daher die verbreitete Ansicht, nun sei der Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte gekommen, in dem die menschliche Vernunft den Evolutionsprozess übernehmen und steuern müsse. Kein Mensch könne über das Wissen verfügen, um eine Gesellschaft in ihrer Komplexität zu verstehen und zu lenken. Nur Freiheit, Wettbewerb und das verstreute Wissen von Millionen und Abermillionen von Menschen ermöglichten Innovation und die Entfaltung der Gesellschaft.

Kunz sah in der Grundhaltung des Agnostikers Hayek einige Parallelen zur Theologie, denn Hayek gehe wie die Kirchen davon aus, dass die menschliche Vernunft nicht die höchste Instanz sei. Dort ende jedoch die Gemeinsamkeit, erwiderte Schwarz, der neun Jahre lang Vorsitzender der Friedrich August von Hayek Gesellschaft war und Hayek noch persönlich erlebt hat. Nicht Gott, sondern einer Form von Schwarmintelligenz komme in den Schriften Hayeks die Rolle der letzten Instanz zu. Dass der Autor viele Fragen nicht abschliessend beantwortet habe, gehöre dabei eher zu den Stärken seines Werks. Wie bei den meisten grossen Denkern könne man unglaublich viel aus Hayeks Texten heraus-, aber auch in sie hineinlesen.

Neben dem Buch Hayeks kamen an dem Abend noch der Band «Christlicher Glaube und Kapitalismus», den das Liberale Institut 2006 herausgegeben hat, sowie die Rede «Der Christ in der Gesellschaft», die Karl Barth 1919 im thüringischen Tambach gehalten hatte, zur Sprache. Mit dem Versuch, eine Brücke zwischen Wirtschaftswissenschaft und Theologie zu schlagen, befand sich das «Theologische Trio» während gut eineinhalb Stunden ganz auf der Linie Hayeks, der dezidiert die Meinung vertrat: «Nur Ökonomie ist keine gute Ökonomie.»