In den Industriestaaten steigt nach zwei Jahrzehnten relativ stabilen Geldes wieder die Angst vor Inflation, denn der in der Finanzkrise aufgebaute Liquiditätsüberhang ist in der Tat bedenklich. Wäre es möglich, eine neue, optimale Geldverfassung zu entwerfen, die Geldwertstabilität auf Dauer bietet?

Die Antwort der Geldpolitik auf die Finanz- und Schuldenkrise birgt zwei wesentliche Risiken.

  • Erstens baut sich wegen der massiven Ausweitung der Zentralbankgeldmengen ein grosses Inflationspotenzial auf. Noch befindet es sich «in Wartestellung». Es kann aber rasch wirksam werden, wenn die Weltwirtschaft an Fahrt gewinnt und die Kreditnachfrage steigt. Sorgen bereitet die leichtfertige Beurteilung der Inflationsrisiken. Man könne, so wird vermehrt behauptet, die Inflationsrate auf ein höheres Niveau hinaufschrauben und dort für eine gewisse Zeit festzurren. Die Dynamik der Geldentwertung wird unterschätzt.
  • Zweitens kommen  wichtige Zentralbanken mit dem Ankauf von Staatsanleihen und andern unkonventionellen Massnahmen gefährlich nahe an die Finanzierung nationaler Haushalte heran. Damit setzen sie ihre Unabhängigkeit aufs Spiel. Die Geldpolitik hat sich auf ein Experiment mit ungewissem Ausgang eingelassen (siehe den Online-Beitrag «Der unkonventionelle Umbruch in der Geldpolitik» vom 26. September).

Zu beiden Risiken hat der Nobelpreisträger Friedrich A. Hayek in seinem 1978 publizierten Essay «The Denationalization of Money: An Analysis of the Theory and Practice of Concurrent Currencies» Stellung genommen. Zur Inflationsdynamik stellte er fest: «Apparently, and surprisingly, the self-accelerating mechanism of all engineered inflation is not yet understood even by some economists.» Zur Vereinnahmung der Geldpolitik durch die Finanzpolitik schrieb er: «Nothing can be more urgent than that we dissolve the unholy marriage between monetary and fiscal policy».

Hayek hatte die Hyperinflationen der zwanziger Jahre erlebt und verfasste seinen Aufsatz in einer Periode beschleunigter Geldentwertung. Er war davon überzeugt, dass das staatliche Monopol der Geldschaffung die Bereitstellung gesunden, die Kaufkraft erhaltenden Geldes verhindert. Abhilfe schaffen könne einzig der Wettbewerb von Währungen, die auch von privaten Emittenten angeboten werden. Oberstes Ziel und Erfolgskriterium sei die Erhaltung und Steigerung der Kaufkraft des Geldes. Emittenten, die diese Stabilität nicht bieten könnten, verlören ihre Geschäftsgrundlage und müssten dem Druck der Konkurrenz weichen. Die Zentralbanken als Anbieter staatlichen Geldes könnten Mitbewerber sein. Sie müssten aber damit rechnen, bei ungenügendem Leistungsausweis aus dem Markt gedrängt zu werden.

Ein neuer historischer Kontext

Mit Hayek’s Thesen und Forderungen befasste sich kürzlich ein Kolloquium der Progress Foundation (Zürich) im Vorarlbergischen Schwarzenberg. Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass Hayek eine grundlegende Frage der Geld- und Währungsordnung angesprochen hatte. Wettbewerb zwischen Währungen ist grundsätzlich erwünscht und als Option im Auge zu behalten. Die Realisierungschance, die Dringlichkeit der Realisierung und mögliche Hindernisse auf dem Weg zum Ziel wurden unterschiedlich beurteilt. Das hat auch damit zu tun, dass sich das Umfeld seit 1978 in vielerlei Hinsicht verändert hat.

Die Abschaffung von Kapitalverkehrskontrollen ist vollzogen, Wettbewerb zwischen nationalen Währungen wurde möglich. Die meisten Zentalbanken sind formell unabhängig; die von Hayek beklagte unheilige Ehe wurde offiziell geschieden. Der Finanzmarkt schuf Anlageinstrumente, die der Kaufkrafterhaltung dienen. Der staatliche Einfluss auf das Wirtschaftsleben erstarkte. Der Staat verteilt immer mehr Gelder um, zieht Steuern ein und ist ein wichtiger Auftraggeber. Diese Durchdringung verschafft dem von ihm geschaffenen Geld einen natürlichen Wettbewerbsvorteil. Private Anbieter hätten es schwer, das Monopol zu brechen.

Dazu kommt, dass die Geschäftsbanken in den letzten Jahren Vertrauen verscherzt haben. Vertrauen ist aber für die Akzeptanz privat emittierter Währungen wesentlich. Das war Hayek klar; der Ruf der Finanzinstitute war aber damals noch intakt.

Der Leidensdruck müsste erst noch steigen

Schliesslich war die die an den Konsumentenpreisen gemessene Teuerung in den letzten beiden Jahrzehnten in den Industriestaaten kein Problem. In einer Zeit relativ stabiler Preisniveaus stossen monetäre Reformvorschläge auf ein  geringes Echo. Das behaupteten Milton Friedman und Anna J. Schwartz, zwei Verfechter des staatlichen Notenbankmonopols, 1987 in ihrem Paper « Has Government Any Role in Money? »  In ihren Worten: « …, the wide-ranging discussion of possible major monetary reforms will have little effect on the course of events if the present fiat system (i.e. das heutige System reiner, von nationalen Notenbanken emittierter  Papierwährungen) … operates in a reasonably satisfactory manner – producing neither major inflations nor major depressions.» Kritisch fügen sie an: «However, the possibility that it will not do so is very real».

Genau hier liegt heute das Problem.  Die Inflationsbefürchtungen steigen.  Es wird bezweifelt, dass die Geldbehörden den Liquiditätsüberhang rechtzeitig abschöpfen werden. Formelle Unabhängigkeit der Zentralbanken bedeutet nicht faktische Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme. Behörden greifen auch bei grundsätzlich flexiblen Wechselkursen in den Wettbewerb der nationalen Währungen ein. Einige Noteninstitute haben einen risikoreichen Weg eingeschlagen. Das sollte Ansporn sein, ähnlich intensiv wie Hayek vor 35 Jahren über die optimale Geldverfassung nachzudenken und Alternativen zu entwerfen, falls die Zentralbanken den Teuerungsauftrieb zulassen oder zu spät bekämpfen. Das gilt auch dann, wenn man seine Vorschläge aus grundsätzlichen oder praktischen Überlegungen heraus skeptisch beurteilt. Als Option verdienen sie auf jeden Fall eine ernsthafte Diskussion.