Warum ist die Schweiz für internationale Organisationen attraktiv? Was macht sie gut? Was muss sie tun, um ihre Stellung zu halten? Um solche Fragen zu diskutieren, hatte Avenir Suisse zur jährlichen Herbsttagung drei Persönlichkeiten aus dem Genfer Kosmos der internationalen Organisationen eingeladen: Michael Møller, Generaldirektor ad interim am Sitz der UNO in Genf, Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, und Jovan Kurbalija, Direktor der «Geneva Internet Platform».

Herbsttagung 2014 v. Avenir Suisse über internationale Organisationen

Jovan Kurbalija, Peter Maurer, Michael Møller, Gerhard Schwarz und Tibère Adler (v. links n. rechts)

«Liberale müssen sich aktiv in die Politik einbringen und Pflöcke einschlagen, bevor es andere tun.» Mit diesen Worten begrüsste Stiftungsratspräsident Andreas Schmid die zahlreich versammelten Förderer und Freunde von Avenir Suisse im Zürcher «Sonnenberg Convention Center» der Fifa. Der Ort für die diesjährige «Herbsttagung» war nicht zufällig gewählt. Es ging nämlich, wie Avenir-Suisse-Direktor Gerhard Schwarz in seiner Begrüssung feststellte, an der Veranstaltung darum, die enorme ökonomische und vor allem aussenpolitische Bedeutung  der in der Schweiz ansässigen internationalen Organisationen für das ganze Land zu beleuchten.

Tibère Adler, der neue «Directeur romand» des Think-Tanks, umriss zum Einstieg die politische und ökonomische Rolle des Sektors mit eindrucksvollen Zahlen. Die Schweiz ist Heimat für 35 internationale Organisationen, 69 internationale Sportverbände und – nur in Genf – mehr als 250 internationale NGOs. Die internationalen Organisationen zählen mittlerweile 25‘500 Mitarbeiter. Jahr für Jahr kommen rund 3000 Staatschefs und Minister und fast 200‘000 Delegierte und Experten alleine nach Genf, um an einer der 3000 internationalen Konferenzen teilzunehmen. «Genf ist Davos, aber einfach täglich». Dieses Bonmot eines Schweizer Diplomaten stimme immer noch, aber die Herausforderungen für den Sektor seien gestiegen. Die hohen Lebenshaltungskosten, der teure Franken und der wachsende Ehrgeiz anderer Weltregionen – allen voran Asien – erhöhten den Wettbewerbsdruck auf den «Organisations-Standort» Schweiz gewaltig.

Die öffentliche Meinung zählt

Dass der Druck von aussen gestiegen ist, stellte auch UNO-Diplomat Michael Møller nicht in Abrede. Ein grosses Problem sei der Mangel an Wissen der Öffentlichkeit über die Arbeit internationaler Organisationen. Auch wundere er sich gelegentlich über die Ignoranz am UNO-Hauptsitz in New York über die Bedeutung Genfs. Und selbst wenn China in der Nähe von Beijing eine «UNO-City» gebaut habe, bleibe die Schweiz und vor allem Genf ein Hub von grosser operationeller Relevanz. Viele Verhandlungen würden hier (ganz in diplomatischer  Tradition) abseits der Öffentlichkeit geführt, wobei die politische Neutralität des Standortes eine zentrale Rolle spiele: Es gäbe hier – im Unterschied zu anderen Standorten – keine «hidden agenda». Das fördere das Vertrauen der Gesprächspartner und die Lösungsfindung. Die Schweiz biete mit ihrer «Identität des Friedens» alles in allem ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und sei als Standort auch aus einer umfassenden geschäftlichen Perspektive durchaus sinnvoll.

Dass sich die die Bürgerinnen und Bürger fragten, was ihnen die internationalen Organisationen in der Schweiz brächten, sei legitim. Deshalb müssten die internationalen Organisationen selbst ihre Arbeit besser herausstreichen. «Wir müssen auch in den Köpfen der Menschen bedeutender werden.» Rund um den Globus seien die Herausforderungen enorm, und die Intervention in Krisengebieten verschlinge grosse Summen. Dass die WHO ihr Budget massiv kürzen musste, äussere sich jetzt leider in ihrer eingeschränkten Handlungsfähigkeit während der Ebola-Krise.

Stiefkind der Politik

IKRK-Präsident Peter Maurer meinte gleich zu Beginn seiner Ausführungen, es sei das erste Mal in den 28 Jahren seiner beruflichen Tätigkeit, dass er an einer Veranstaltung in Zürich über das internationale Genf teilnehme. Generell spiele der Standort Genf in der Schweiz kaum eine Rolle in der wirtschaftspolitischen Debatte. Allzu häufig beschränke sich die Diskussion auf die Gebäudekosten. Es werde zu oft vergessen, dass es alles andere als selbstverständlich sei, dass sich eine internationale Organisation in Genf niederlasse.

Maurer forderte von der nationalen Politik eine aktivere Pflege der Marke «Schweiz», die grosses Kapital berge. Im gleichen Atemzug schlug er vor, dass Avenir Suisse eine Kosten-Nutzen-Analyse der internationalen Organisationen erarbeiten sollte. In den nächsten Jahren wird das IKRK, wie andere Organisationen auch, aus Kostengründen weitere Teile seiner administrativen Tätigkeiten von der Schweiz ins Ausland verlagern. Trotzdem gebe es für den Organisations-Standort Genf viele neue Opportunitäten: Im Know-how-Transfer von und zu Unternehmen und Universitäten («Public-Private-Partnerships») und als Zentrum der Zivilgesellschaft in einer politischen instabilen Welt. Maurer fragte sich sogar, ob man Genf nicht auch so globalisieren könnte, wie das Klaus Schwab mit dem WEF vorgezeigt habe?

Eine europäische Bay-Area

Über seinen Glauben an das Potenzial des Standorts Genf liess Jovan Kurbalija, Direktor der «Geneva Internet Platform», keinen Zweifel. Er meinte, Genf könne zu einer europäischen Bay-Area werden: Drei Faktoren hätten zum Wachstum der Bay-Area in San Francisco beigetragen: Erstens die Sicherheit und der Schutz der intellektuellen Eigentumsrechte, zweitens die Innovationskraft sowie die Nähe zu Universitäten und, drittens, Investitionen. Nach dem Snowden-Skandal verschiebe sich der Fokus der Internet-Industrie in Richtung Sicherheit. Das sei für Genf und die Schweiz eine grosse Chance. Der Umstand, dass das Land auf 200 Jahre Frieden zurückschaue, zähle viel für die Unternehmen.

Auch die meisten Votanten aus dem Publikum plädierten dafür, dass die Schweiz sich noch vermehrt und noch besser als Standort für internationale Organisationen positioniert. Man habe so manche Aussage als Werbung für diese internationale Schweiz verstehen können, meinte Gerhard Schwarz zum Abschluss. Das sei mit der Wahl des Themas und der Referenten auch beabsichtigt gewesen. Aber gute Werbespots enthielten ja immer auch Informationen und insofern sei die Diskussion gute Werbung gewesen.