Laut Karen Horn, Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft, ist die Schweiz ein «bitter nötiger Stachel im Fleische» der immer dirigistischeren Europäischen Union. Dieser Beitrag ist der vorläufig letzte unserer Sommerreihe «Why Switzerland?», bei der wir ausländische Wissenschafter und Think-Tanker gefragt haben, wie sie die Schweiz von heute sehen.

Karen Horn: Darum Schweiz | Avenir Suisse

Laut Karen Horn würde es den «unionsverfassten Europäern» nicht schaden, auf der Suche nach Einsichten zuweilen auf die Schweiz zu schauen. Bild: Fotolia

Why Switzerland? Diese Frage stellt sich für uns gerade ganz konkret. Denn noch in diesem Jahr werden mein Mann und ich nach Zürich umsiedeln. Trotz abschreckender Signalwirkung der erfolgreichen Masseneinwanderungsinitiative, trotz Berichten über wachsende Vorbehalte vieler Schweizer gegenüber den zuwandernden Deutschen. Trotz Dichtestress und Immobilien-Blase. Trotz beunruhigend hohen Lebenshaltungskosten. Und trotz gelegentlichen Anflügen von leiser Sorge, dass sich die «kleinste Grossstadt der Welt» gegenüber Metropolen wie Berlin und Hamburg in mancherlei Hinsicht doch als ein wenig eng erweisen könnte. Wir freuen uns sehr auf die Schweiz. Warum?

Weil die Schweiz ein ungeheuer spannendes Land ist, für meinen Mann als Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ebenso wie für mich als Wissenschafterin und Publizistin. Wir sehen in ihr ein der Freiheit verpflichtetes, aufgeklärtes, ordnungspolitisch bewusstes und gerade deshalb wohlhabendes Land, das seinen Nachbarn immer wieder auf heilsame Weise einen Spiegel vorhält. Eine Gemeinschaft mit einer langen bewunderungswürdigen Tradition, die immer schon einen Sonderweg gegangen ist und heute vielleicht mehr denn je darum kämpfen muss, ihre Werte zu erhalten und ihre Institutionen behutsam anzupassen, um sie auch unter den Gegebenheiten der Globalisierung zu erhalten. Kein klischeehaftes Heidi-Land, keinen «monde à part», wo der Geist des Calvinismus bis heute ausnahmslos alle Menschen fleissig, ehrlich und bescheiden machte. Für ein Modell ohne Brüche halten wir die Eidgenossenschaft gewiss nicht. Und natürlich kann die Schweiz keine Blaupause für Deutschland oder die Europäische Union sein, das wäre naiv und ahistorisch gedacht. Dennoch schadet es uns unionsverfassten Europäern nicht, auf der Suche nach Einsichten auf die Schweiz zu schauen. Bis heute macht sie vieles anders und manches besser.

Während die Institutionen der Europäischen Union einen offenbar unaufhaltsamen Sog in Richtung Vereinheitlichung und Zentralisierung entfalten, lässt sich in der Schweiz beobachten, dass es auch anders geht. Dass Vielfalt und Dezentralisierung im Inneren ein Land vielmehr stark, dynamisch und wandlungsfähig machen, politisch wie auch ökonomisch. Dass rechtliche Vorkehrungen gegen einen wuchernden Staat funktionieren können und heilsam sind (Stichwort Schuldenbremse). Dass eine Kultur von Freiheit und Eigenverantwortung bei guter Pflege auch dauerhaft Bestand haben kann. Dass Bürger, die in direkter Demokratie geübt sind, ihre Interessen informierter, ökonomisch vernünftiger und in längerfristiger Perspektive verfolgen, als man befürchten könnte (Stichwort Ablehnung der Mindestlohn-Initiative). Und auch, dass gerade eine Willensnation wie die Schweiz offenbar gut in der Lage ist, über das Bestehende hinaus noch immer weiter bewunderungswürdige Integrationsleistungen zu vollbringen, dem hässlichen Klischee von der Fremdenfeindlichkeit zum Trotz. Eine Migrantenquote von gut 34,8 Prozent (Schweizerische Arbeitskräfteerhebung 2013) hat in Deutschland noch nicht einmal Berlin.

Für die Europäische Union ist die Schweiz eine einzige Ermahnung, ein bitter nötiger Stachel im Fleische, mit etwas Glück vielleicht für manche Politiker immer wieder auch ein ordnungspolitischer «garde-fou». Gerade weil die Regierungen in der EU sich derzeit von den letzten verbleibenden Spurenelementen an Systemwettbewerb verabschieden, müssen wir für das kreative Schweizer Gegenbeispiel dankbar sein. Und wir müssen hoffen, dass es nicht gelingen wird, es zu erdrücken. Die Gefahr ist real: Schliesslich ist die Schweiz in jüngster Zeit international immer stärker unter Druck geraten, vor allem im Zusammenhang mit Steuergeldern. Brachial erpresst von den USA, bedrängt auch von der EU, muss das Land erleben, dass die vom Bundesrat legitim geschlossenen völkerrechtlichen Verträge immer bedrohlicher mit dem Willen des Souveräns kollidieren.

Am Beispiel der Schweiz lässt sich trefflich studieren, wie selbst lang bewährte politische Institutionen auf einmal unter Stress und in Widersprüche geraten können, wie Spannungen zwischen direkter Demokratie und Völkerrecht entstehen, welchen Dilemmata infolge dessen die Rechtsstaatlichkeit im Innen- und Aussenverhältnis ausgesetzt sein kann. Wie weiter? Die Herausforderungen sind gross. Auch wenn die politischen Reaktionen im Einzelfall nicht immer überzeugen, auch wenn die Widerstandskraft der Schweiz gegenüber grösseren Mächten oft dürftig erscheint: Es ist beeindruckend, mit welcher Geduld und Hartnäckigkeit, mit welcher Findigkeit und welchem Verhandlungsgeschick diese Kollisionen angegangen werden. Wenn es einem Land gelingen kann, solche haarigen Probleme zu lösen, ohne seine Werte und sich selbst gänzlich zu verraten, dann der Schweiz. Diesen Prozess nicht nur aus der Ferne zu beobachten, sondern aus der Nähe im ordnungspolitischen Diskurs auch zu begleiten, ist mir ein so wichtiges wie reizvolles Anliegen.

Das waren einige objektive Gründe. Subjektiv freuen wir uns auf unsere Zeit in der Schweiz natürlich auch noch aus ganz anderen Gründen: Da sind die Berge und die Seen, allen voran – pardon Zürich – der Léman, an dessen Gestaden ich geboren bin, meine frühe Kindheit verbracht und später auch studiert habe. Für mich ist es ein Nachhause-Kommen. Und ausserdem sehnen wir uns schon lange nach unseren vielen klugen, lustigen, guten Freunden und Kollegen dort. Auch darum Schweiz.