Letzten Sommer am Zürcher Seeufer erblickt: Ein T-Shirt mit dem Aufdruck «I survived +2°C». Ob der Träger damit einfach augenzwinkernd Humor beweisen oder eher seiner handfesten Skepsis gegenüber den Folgen (und Ursachen) der Klimaerwärmung Ausdruck verleihen wollte, hat der Autor dieser Zeilen nicht ausfindig gemacht.

Temperaturanstieg bisher und künftig

Technisch gesehen hat der Shirt-Tragende recht: In der Schweiz sind die Jahresdurchschnittstemperaturen seit 1861 um über 2°C gestiegen (vgl. Abbildung). Dieser Anstieg ging bis 1980 ziemlich langsam vonstatten (Zunahme um etwa 0,8°C innert 120 Jahren) und seit 1980 deutlich schneller (Zunahme um etwa 1,6°C innert 40 Jahren).

Sinngemäss ist die Aussage aber trotzdem falsch: Mit den 2°C spricht er offensichtlich das Ziel des Übereinkommens von Paris an, die globale Erwärmung auf «deutlich unter 2°C» gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen. Die Kontinente erwärmten und erwärmen sich aber deutlich stärker als die Weltmeere. Über Land stieg die globale Mitteltemperatur bisher schon um 1,8°C – und in der Schweiz, wie hier dargestellt, sogar um 2,4°C. Es ist davon auszugehen, dass auch die zukünftige Erwärmung in der Schweiz etwa 130% bis 140% des mittleren globalen Anstiegs über Land und bis zu 200% des mittleren globalen Temperaturanstiegs betragen wird. Eine globale Erwärmung um 3°C bis im Jahr 2100, auf die wir mit den aktuellen Klimapolitiken hinsteuern, würde für die Schweiz daher eine Erwärmung um bis zu 6°C bedeuten – also gut und gerne nochmal 3°C im Vergleich zu heute.

Europaweit dürfte der Temperaturanstieg in Irland, Grossbritannien, Frankreich, Benelux und Westdeutschland am geringsten sein. Nach Nordosten hin wird er deutlich höher, und auch gegen den Mittelmeerraum hin nimmt er leicht zu. Besonders stark dürften die Temperaturen gemäss den gängigen Klimamodellen zudem in den Alpen steigen.

Die Tatsache, dass die gängigen Klimaszenarien für die Schweiz im Vergleich zum globalen Mittel einen deutlichen und auch im Vergleich zum übrigen Festland einen überdurchschnittlichen Temperaturanstieg skizzieren, verleitete bisher zur oft gehörten Warnung «Die Schweiz ist besonders stark vom Klimawandel betroffen!» – Doch stimmt das überhaupt?

Auswirkungen des Klimawandels in der Schweiz

2018 publizierte das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie Meteo Schweiz einen umfassenden Bericht, «CH2018», mit Klimaszenarien für die Schweiz. Die Hauptfolgen des Klimawandels sind gemäss diesem Bericht in klimatologischer Hinsicht: trockenere Sommer, mehr Sommertage (Höchsttemperatur >25°C), mehr Hitzetage (Höchsttemperatur >30°C), mehr Tropennächte (Tiefsttemperatur >20°C), weniger Frosttage (Tiefsttemperatur <0°C), weniger Eistage (Höchsttemperatur <0°C), intensivere Niederschlagsereignisse (v.a. im Winter) und schneearme Winter (im Mittelland).

Sechs dieser acht Veränderungen sind die direkte, logische Folge der höheren Temperaturen und erklären sich daher von selbst. Die Faktoren «Sommertrockenheit» und «intensivere Niederschlagsereignisse» ergänzen das Bild und sind Teil einer Entwicklung, die sich sehr einfach auf einen Nenner bringen lässt: Das schweizerische Klima wird mediterraner. Das liegt daran, dass die Polarfront[1] mit der Erwärmung der Arktisregion vor allem im Sommer nach Norden wandert und die Schweiz somit meist südlich davon liegen wird. Auch die (eher trockenen) langen Kaltluftphasen des Winters werden noch seltener werden und meist kürzer ausfallen als heute. Generell haben mögliche Zirkulationsänderungen der Polarfront einen grösseren Einfluss auf künftige Häufigkeit und Dauer gewisser Wetterlagen in der Schweiz als der blosse Temperaturanstieg.

Diese «Mediterranisierung» des schweizerischen Klimas hat, nüchtern und ohne Moralismus oder nostalgische Gefühle betrachtet, durchaus nicht nur negative Seiten, sondern auch positive:

Chancen:

  • Per se sind höhere Temperaturen in einem Land in gemässigten Breiten mit bisher relativ kühlem Klima eher angenehm. Entscheidend dabei ist der Umstand, dass die Schweiz als Binnenland nicht direkt vom Meeresspiegelanstieg betroffen ist.
  • Mehr Sommertage würde die Mehrzahl der Schweizer wohl per se als positive Veränderung bezeichnen. In der Vergangenheit buchten viele ihre Sommerferien im Süden, weil die Schweiz kein zuverlässig warmes und sonniges Wetter bieten konnte. Das wird sich ändern. Eigentliche Hitzewellen braucht wiederum niemand. Allerdings müssen wir uns auch hier nichts vormachen: In den Ferienländern, die sich viele Schweizerinnen und Schweizer aussuchen, herrschen permanent «Hitzewellen». Diese sind dort darum erträglich, weil sämtliche Gebäude klimatisiert sind. Eine Hitzewelle macht uns in der Schweiz wiederum zu schaffen, weil hier (ausser Einkaufsläden) kaum Gebäude klimatisiert sind und man darum fast keine Chance hat, der Hitze zu entfliehen, und man auch in der Nacht nicht zur Ruhe kommt. Mediterranes Wetter in der Schweiz müsste zum Eingeständnis führen, Gebäude mit Klimaanlagen auszurüsten. Das ist energietechnisch weniger problematisch, als es klingt: Mit zunehmender Verbreitung von Sonnenenergie dürfte im Sommer eher keine Stromknappheit herrschen.
  • Im Winter dürfte dagegen der Heizbedarf sinken. Das ist nicht nur hinsichtlich des Gesamtenergieverbrauchs positiv, sondern auch spezifisch auf die kalte Jahreszeit bezogen: Im Winter könnten sich mit dem Umbau der europäischen Energieinfrastruktur Strommangellagen abzeichnen. Alles, was den Energieverbrauch im Winter senkt, ist daher willkommen.
  • Die Adaptationsprozesse, die in der Landwirtschaft vollzogen werden müssten, stellen für einige Betriebe sicher eine Herausforderung dar. Unter dem Strich ist es aber wahrscheinlich, dass die Landwirtschaft in gemässigten Breiten sogar vom Klimawandel profitiert.
  • Der Wintertourismus muss nicht unbedingt negativ vom Temperaturanstieg betroffen sein. In niedrigen und mittleren Lagen dürften Skigebiete zwar kaum aufrechtzuerhalten sein, die höheren Lagen sind aber ziemlich schneesicher. Da die Schweiz verhältnismässig viele höhere Lagen hat, hat sie diesbezüglich gegenüber der ausländischen europäischen Konkurrenz einen komparativen Vorteil.

Gefahren:

  • Die Sommertrockenheit stellt ein Problem für weite Teile unserer Vegetation dar. Unsere Wälder sind nicht auf diese Trockenheit ausgerichtet. Wälder können sich nicht innert Jahrzehnten erneuern und an stark veränderte klimatologische Bedingungen anpassen. Ein schneller Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Adaptationsprozesse des Ökosystems mit unangenehmen Folgen – beispielsweise vorübergehendem Waldsterben – verbunden sind.
  • Der Schutzbedarf vor Extremereignissen (Niederschläge, Stürme, Trockenheit) steigt.
  • Tauender Permafrost in den Bergen wird neue Schutzverbauungen (zur Stabilisierung von Hängen und zum Schutz vor Hangrutschen) nötig machen.
  • Sogar wenn die Erwärmung auf global unter 2°C beschränkt werden kann, werden 75% des Volumens der schweizerischen Gletscher verschwinden. Die Frage ist übrigens nicht mehr ob – denn der Kipppunkt für die alpine Gletscherschmelze ist schon überschritten – sondern nur noch wie schnell dies geschehen wird. Abgesehen davon, dass ein Gletscher schön anzuschauen ist, hat er im Verlaufe seiner Existenz auch riesige Schuttmassen verursacht, die aufgrund der Druckentlastung instabil werden, wenn er schmilzt. Vor allem bei Starkniederschlag sind daher Hangrutsche zu befürchten – die besonders gefährlich sind, wenn sie in einen Gletschersee niedergehen. Die durch den Gletscherrückzug freigelegten Täler wären an sich prädestiniert für das Anlegen von Stauseen. Allerdings müsste dafür die Gefahr von Hangrutschen gebannt werden. Bei einer derartigen Katastrophe starben 1963 in Italien ungefähr 2000 Menschen. Bisher ist man entsprechend eher den gegenteiligen Weg gegangen: Durch die Schmelze neu entstandene Seen am Grindelwaldgletscher und am Plaine-Morte-Gletscher hat man jüngst mithilfe eigens gebauter Tunnels künstlich entwässert, um ein unkontrolliertes Abfliessen durch allfällige Hangrutsche zu verhindern. Der Bau des Tunnels am Grindelwaldgletscher hat 15 Mio. Fr. gekostet – was ein ziemlich geringer Betrag ist im Verhältnis zur dadurch verringerten Gefahr.
  • Neben diesen direkt auf die Schweiz bezogenen Auswirkungen gilt natürlich nicht zuletzt auch: Die Schweiz ist keine Insel. Globale Rezessionen aufgrund grösserer Klimakrisen würde auch sie zu spüren bekommen. Auch die Flüchtlingsproblematik wird im Zusammenhang mit dem Klimawandel immer wieder ins Feld geführt. Es ist hierbei allerdings festzuhalten: Hauptgründe für Flüchtlingsmigration nach Europa waren bisher Kriege, dysfunktionale Staatsführungen und politische Verfolgung. Das Klima wird bisher gar nicht als Asylgrund von der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt. Akute Klimakatastrophen führen üblicherweise zu Bevölkerungsverschiebungen in unmittelbare Nachbargebiete, nicht nach Europa. Langfristig getrübte wirtschaftliche Aussichten aufgrund nachteiliger Klimabedingungen wiederum könnten zwar Push-Migration nach Europa und in die Schweiz verursachen, wären aber gemäss geltendem Recht wie gesagt kein Asylgrund.

Beurteilung durch das Bafu

Wem obige Aufzählung zu stark subjektiv durch die Autoren eingefärbt erscheint, findet eine etwas weniger rosige Einschätzung im «Klimabericht Risiken und Chancen» des Bafu. Dieser listet – zumindest in der Sprache nüchtern – für neun Sektoren[2] die Risiken und Chancen des Klimawandels für die Schweiz auf. Bei genauerer Betrachtung fallen einem allerdings zwei Dinge auf:

Erstens verwendet die Analyse ein Szenario mit extremem Klimawandel aufgrund eines ungebremsten weiteren Anstiegs des weltweiten THG-Ausstosses. Auf diesem Pfad befinden wir uns angesichts der Klimamassnahmen Dutzender Länder nachweislich nicht, ja dieses Szenario wird beispielsweise auf der Website climateactiontracker.org aufgrund seiner unplausiblen Natur nicht einmal mehr aufgeführt.

Zweitens liest man z.B. folgende Einträge als Risiken und Chancen jeweils gleichbedeutend neben- bzw. untereinander, obwohl ziemlich offensichtlich ist, dass das Ausmass ihres Einflusses auf unsere Lebensrealität sehr unterschiedlich ausfallen würde:

  • Landwirtschaft:
    • Risiko: «Neue Produktionsrisiken durch Verschiebungen zwischen der Aktivitätsperiode von Bestäubern und der Blütezeit zugehöriger Nutzpflanzen».
    • Chance: «Höhere Erträge dank steigenden Mitteltemperaturen und längerer Vegetationszeit».
  • Tourismus:
    • Risiko: Negativere Wahrnehmung des Berggebiets als Erholungsraum/Tourismusziel nach Naturereignissen mit Personen- oder grossen Sachschäden.
    • Chance: Längere Dauer der Sommersaison, bessere Wetterbedingungen für Outdooraktivitäten.
  • Energie:
    • Risiko: Verstärker Geschiebetransport in Bergbächen durch stärkere Erosion und Hochwässer, reduzierte Kapazität von Speicherseen infolge von Sedimentablagerungen.
    • Chance: Dank kürzerer Schneebedeckung erhöhte Energiegewinnung aus Wasserkraft, Fotovoltaikanlagen und Sonnenkollektoren während des Winterhalbjahrs.

Die komplette Liste der Risiken ist deutlich länger als jene der Chancen. Es drängt sich einem aber der Eindruck auf, dass eine Gewichtung der genannten Risiken und Chancen gemäss dem effektiven Einfluss auf unsere Leben ein ausgewogeneres Bild ergeben hätte. Mindestens so sehr wie die erste Liste also möglicherweise durch die rosa Brille von notorisch optimistischen / pragmatischen Ökonomen gezeichnet ist, wurde die zweite Liste durch die tendenziell schwarze Brille von Umweltwissenschaftern gezeichnet.

Fazit: Betroffenheit der Schweiz nicht entscheidend

Obwohl selbstverständlich auch für die Schweiz der Klimawandel mit Herausforderungen verbunden ist, kann man – entgegen oft gehörter Voten – festhalten: Die Schweiz ist nicht «besonders stark betroffen» vom Klimawandel – zumindest nicht, falls unter «Betroffenheit» das Ausmass und die Auswirkungen einer negativen Veränderung unter Berücksichtigung der verfügbaren Mittel, um auf diese Situationen zu reagieren, verstanden werden. Ganz im Gegenteil: Die Schweiz befindet sich diesbezüglich in einer eher prädestinierten Lage.

Allerdings: Wie stark das Leben in der Schweiz negativ (oder positiv) vom Klimawandel beeinflusst wird, kann nicht ausschlaggebend sein für die Massnahmen, die man hierzulande dagegen ergreift. Weltweit hat der Klimawandel per Saldo unzweifelhaft eine negative Bilanz. Daher liegt es in der Verantwortung der Schweiz, angesichts ihres hohen Wohlstands und angesichts dessen, dass ihre Pro-Kopf-Emissionen in der Vergangenheit überdurchschnittlich waren, mit gutem Beispiel im Kampf gegen den Klimawandel voranzugehen. Mit dieser Vorbildrolle kann sie als Blaupause für andere Länder dienen. Dazu müssen die Klimamassnahmen aber effektiv und effizient sein.

Die Betroffenheit der Schweiz vom Klimawandel spielt auch insofern keine Rolle, als sie ihren Beitrag ohnehin nicht für sich selbst leistet (oder nicht leistet): Ihr eigener Einsatz zur Bekämpfung der Klimawandels ist als Emittentin, die für gerade einmal einen Tausendstel des globalen THG verantwortlich ist, völlig irrelevant. Der Einsatz für effiziente Massnahmen gegen den Klimawandel folgt daher dem Kant’schen kategorischen Imperativ, nicht profanen Eigeninteressen.

Weiterführende Informationen zum Thema finden Sie in der Studie «Wirkungsvolle Klimapolitik».

[1] Die Polarfront trennt die polare Kaltluft von der subtropischen Warmluft. Je grösser der Temperaturunterschied zwischen diesen Luftmassen, desto grösser ist der Druckunterschied und desto hoher sind entsprechend die Windgeschwindigkeiten des Polarfront-Jetstreams.

[2] Wasserwirtschaft, Waldwirtschaft, Landwirtschaft, Tourismus, Gesundheit, Energie, Raumentwicklung, Umgang mit Naturgefahren, Biodiversitätsmanagement.